Benny Peiser / 09.06.2017 / 13:59 / Foto: Jwslubbock / 5 / Seite ausdrucken

Zehn Fragen und Antworten zur Britannien-Wahl

War mit einem solchen Wahlausgang zu rechnen?

Niemand hat mit diesem Ergbnis gerechnet. Die Briten sind ein sehr rebellisches Volk und haben der regierenden Partei einmal mehr in den Hintern getreten.

Handelt es sich um eine klassische Protestwahl?

Dass es sich offenbar um eine Protestwahl gehandelt hat, kann man am Ergebniss in Schottland sehen. Hier verloren die ausgesprochen linken und populistischen schottischen Nationalisten viele Stimmen an die Konservativen. Viele Erstwähler und EU-Beführworter wollten Theresa May abstrafen für den Brexit; entscheidend waren auch die Hälfte der UKIP-Wähler, die Labour wählten und nicht – wie viele naive Beobchter glaubten – Tories ihre Stimme geben würden.

Kommt es zu Neuwahlen?

Theresa May hat einen unglaublich schlechten Wahlkampf geführt, während Corbyn den Wählern alles Mögliche versprochen hat. Ich vermute, dass die Brexit Verhandlungen nun sehr viel schwieriger sein werden – für beide Seiten. Am Ende wird es wohl Neuwahlen geben, vielleicht sogar recht bald.

Kann man aus dieser Wahl etwas für Deutschland lernen?

Wahlen, Wähler und Geschichte in Grossbritannien sind so verschieden, dass es hier keinerlei Lehren gibt. Nur  eines kann ich sagen: Theresa Mays Wahlstrategen haben völlig versagt; einige Kritiker haben ihren negativen Wahlkampf sogar mit dem von Hillary Clinton verglichen.

Haben die Briten Angst vor der eigenen Courage in Sachen Brexit bekommen?

So weit würde ich nicht gehen. Die Briten haben keine Angst vor dem EU-Austritt und die meisten Labour-Wähler wollen die Unabhängigkeit. Die Wahlen waren vor allen von wirtschaftlichen Sorgen geprägt – Brexit spielte fast keine Rolle.

Übersteht Theresa May das? Oder kommt Boris Johnson?

Boris hat jetzt eine gute Chance, vor allem weil er sehr beliebt ist, selbst unter Labour-Wählern. Innerhalb der Tories ist er aber durchaus umstritten.

Haben die Terroranschläge bei der Wahl eine Rolle gespielt?

Die Terrorattacken haben sicherlich eine Rolle gespielt – allerdings nicht zugunsten von Theresa May. Sie war jahrelang Innenministerin und hat es versäumt, dem islamischen Extremismus und der Terrorgefahr wirksam entgegen zu treten. Das hat ihre Autorität unterminiert.

Corbyn ist durch seine radikalen Positionen aufgefallen. Das scheint kein Handicap zu sein?

Die radikalen Positionen haben ihm genauso wenig geschadet wie Donald Trumps Radikalismus. In Zeiten der Radikalisierung gewinnen Radikalinskis Popularität. Die meisten Labour-Wähler teilen diesen Extremismus allerdings nicht.

Wie geht es jetzt mit dem Brexit weiter?

Gute Frage. Bald werden die Verhandlungen beginnen. Dann wird sich zeigen, wer die besseren Karten hält. Ich vermute, die EU-Führung wird die Situation einmal mehr falsch interpretieren und die britische Entschlossenheit unterschätzen.

Wie stellen sich die wirtschaftlichen Daten in Großbritannien derzeit dar  – und was erwartet man für die kommenden Jahre?

Das Wahlergebnis wird wohl zu kurzfristiger Unsicherheit führen, aber die wirtschaftliche Zukunft eines unabhängigen Großbritanniens sieht sehr viel rosiger aus. Dazu bedarf es freilich einer stabilen und zuverlässigen Regierungsmehrheit. Schon aus diesem Grund dürfte es bald Neuwahlen geben.

Achse-Autor Benny Peiser lebt in London und ist Direktor des Thinktanks Global Warming Policy Foundation.

Leserpost (5)
Doris Broetz / 09.06.2017

Mal halblang. Corbyn ist sowenig radikal wie Helmut Schmidt. Das ist klassische Propaganda. Früher nannte man seine Positionen “sozialdemokratisch”. Aber die europäischen Sozialdemokraten, egal wo, haben sich längst in “CDU light” bzw. Schlimmeres verwandelt. Da ist Corbyn eher ein Hoffnungsschimmer der zeigt, mit überzeugendem sozialdemokratischen Profil kann man Wahlen gewinnen. Nicht aber mit unverbindlicher Sozial-Wohlfühl-Rhetorik a la Schulz. Das durchschauen die Menschen halt.

Wolf-Dietrich Staebe / 09.06.2017

Zu Frage/Antwort 3: In England versagen die Wahlstrategen, bei uns die Politiker. Und werden für ihr Versagen auch noch wiedergewählt. Es ist kaum vorstellbar, dass Leute wie Merkel, Steinmeier, Roth & Co. in anderen Ländern höchste Staatsämter bekleiden könnten, in England schon mal gar nicht, in Frankreich eher auch nicht. Deutschland ist da anders. Hier haben bildungsferne und berufslose Berufspolitiker ohne jegliches Niveau beste Aussichten auf diese Ämter.

Hubert Paluch / 09.06.2017

Diese Wahl bestätigt einmal mehr, dass das Wählerverhalten immer volatiler wird. Stimmungen bauen sich innerhalb weniger Wochen wahlentscheidend auf. May wollte diese vorgezogenen Wahlen eigentlich nicht, doch ein Teil ihrer Berater und Fraktion vertraute auf die Meinungsumfragen. Eine feste Verwurzelung breiter Wählerschichten nimmt beständig ab. So können charismatische junge “Führer” wie Macron oder Kurz innerhalb kürzester Zeit “Bewegungen” ins Leben rufen und alte Parteienlandschaft durcheinanderwirbeln. Jeremy Corbyn hat etwas Ähnliches mit den jungen Wählern in UK erfolgreich veranstaltet. Boris Johnson ist im Grunde seines Herzens ein Clown, ein Aufschneider und Blender, den man sich an der Spitze einer Nation schwer vorstellen kann.

Joan Landers / 09.06.2017

Elmar Brok hat sich hierzu entlarvend geäussert: Man spekulierte in Brüssel auf einen hohen Sieg Mays, mit dieser Mehrheit im Rücken hätte sie dann einen “pragmatischen” Brexit verhandelt werden können, also soft wie Softeis. Der Wähler im Uk hat diesen Braten wohl gerochen und Frau May für ihren kleinen Trick ordentlich abgestraft…

Frank Müller / 09.06.2017

“[D]ie meisten Labour-Wähler wollen die Unabhängigkeit” - 65% der Labour-Wähler stimmten laut YouGov für “Remain,” Herr Peiser. Und Johnson hat, verglichen mit der letzten Wahl, in seinem Wahlbezirk Uxbridge die Hälfte seines Vorsprungs gegenüber dem Labour-Kandidaten verloren.

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