Roger Letsch / 15.11.2017 / 13:01 / Foto: Rennett Stowe / 6 / Seite ausdrucken

ZDFneo und die Lobbyistin als Freund und Helfer

Zugegeben, ich hab’s ja generell nicht so mit deutschen TV-Serien oder Filmen. Dabei kann ich als Nicht-Cineast das prinzipielle Problem kaum angemessen beschreiben, welches ich mit den meisten unserer heimischen Produktionen habe. Sind es die albernen Plots, die teils hölzernen Dialoge oder die Tatsache, dass jede Szene – ich übertreibe sicherlich – wie für’s Theater inszeniert scheint? Dazu kommt in den vergangenen Jahren immer stärker der Wille der Regisseure und Produzenten, das Medium für dumpfhämmernde Volkserziehung oder fieses Nudging zu benutzen.

Kein "Tatort" und nicht mal die „Lindenstraße“ kommt, wie man so hört, ohne artige Flüchtlinge und plattköpfig-depperte Nazis aus braunen Dresdner Sümpfen aus, die die heile Willkommenskultur stören. Wird das so bestellt? Nein, aber geliefert und bei den öffentlich-rechtbemittelten offenbar gern genommen, wo Unterhaltung, Kunst oder Einschaltquote schon mal Nebensache sein dürfen. Man hat’s doch! Und hat man’s mal nicht, gibt es die Filmförderung und jede Menge Stiftungen. Ist das Messer nicht wirklich heiß, sucht es nach weicher Butter.

Und so ist es sicher auch nur Zufall, dass die Heldin der ZDFneo-Serie „Die Lobbyistin“ nicht etwa für die Braunkohle- oder Pharmaindustrie arbeitet. So etwas glaubhaft darzustellen, könnte am Ende womöglich zu Sympathien des Zuschauers mit diesen Branchen führen – für so bescheuert hält man beim ZDF seine Zuschauer mittlerweile. Nein, doppelt gut ist gerade gut genug! Und deshalb arbeitet die Filmrolle von Rosalie Thomass natürlich in der Ökostrombranche! Dort rollt der Fortschritt, dort sind sogar Lobbyist_innen die Guten, was dem vorgeblich sabbernd-debilen ZDF-Schauer selbige über den Rücken jagen könnte, denn Lobbyisten sind doch sonst immer die Bösen, weil sie Interessen vertreten. Interessen! Man denke nur!

Aber die bösen verdienen Geld mit Waffen, die guten mit Ökostrom. Das ist dann natürlich was anderes! Und wie in der Politik, so in der NGO, so im Film – das Gute ist konsistent. Und sterbenslangweilig. Was bei ZDFneo’s „Die Lobbyistin“ an TV-Kost herauskam, war selbst dem an groblinnene edukative Fernsehkost gewöhnten "Spiegel" – ich zitiere wörtlich – zu erbärmlich. Man titelt folgerichtig und treffend „Die dumme Seite der Macht“.

Claudia Kemfert als ideeles Gesamtvorbild

Dabei wurde das Thema bereits vor zwölf Jahren und tausendfach besser und glaubwürdiger von Jason Reitman als Komödie realisiert. Reitmann beweist in „Thank you for smoking“ allerdings mehr Mut, indem er Aaron Eckhart alias Nick Naylor von der Tabakindustrie auftreten lässt. Doch stopp mal. Ökostrombranche? War da nicht was? Nur weil es eine Branche beim Wähler noch nicht gänzlich verschissen hat – Grüne, 9 Prozent, sie erinnern sich – heißt das ja nicht, dass das die Guten sind.

Verspargelung der Landschaft, marode Energiebetriebe, klamme Kommunen, denen die Einnahmen aus ihren Gelddruckmaschinen „Stadtwerke“ und „RWE-Beteiligungen“ wegbrechen, eine EEG-Umlage von 240 Kugeln Eis pro Jahr, tausende Stromabschaltungen wegen Unbezahlbarkeit…das alles haben wir doch dem Einfluss von Lobbyisten der Ökostrombranche wie der ZDFneo-Figur Eva Blumenthal zu verdanken, die eigentlich von Claudia Kempfert hätte gespielt werden müssen – die Haarfarbe passt, die Weltretter-Attitüde und der Hauch von „Was-schert-mich-fremdes-Elend“ ebenfalls.

Denn wenn diese Lobby erst mit dem Umbau der deutschen Energiewirtschaft fertig sein wird – 2050 soll es ja soweit sein – werden wir vor Glück jauchzen, wenn wir uns auf diesen Schock erst mal wie Nick Naylor in „Thank you for smoking“ noch eine anzünden können. In Deutschland natürlich nur draußen, wo die Pharmalobbyisten für Erkältungsmittel werben und Heizpilze der CO2-Bilanz der Öko-Lobbyist_innen ans Bein pissen.

Es wäre an der Zeit, endlich mal eine realistische TV-Serie über die Lobbystrukturen der Ökostrombranche zu produzieren. ARD, ZDF…Interesse? Die Drehbücher gibt’s zum Beispiel bei Günter Ederer, Dirk Maxeiner und Alexander Wendt.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Roger Letschs Blog Unbesorgt.

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Leserpost (6)
Karla Kuhn / 15.11.2017

Was bin ich froh, daß ich mir den ganzen Müll nicht anschaue. Lieber ein alter Columbo als so ein Zeug. Zwischendurch klicke ich auf youtube, solange das noch möglich ist und lese auch verschiedene alternative Blogs.  Was den Tatort angeht, da müßten doch eigentlich die echten Kommissare von Glauben abfallen ?? “Denn wenn diese Lobby erst mit dem Umbau der deutschen Energiewirtschaft fertig sein wird – 2050 soll es ja soweit sein…” Oh Gott, bis dahin werden noch zig Mal, je nach Regierung, die Vorlagen geändert. Aber vielleicht hat bis dahin eine Tsunami auch alles weggeweht.  Oder, die Bevölkerungsdichte ist derart angeschwollen in Deutschland, daß es nur noch Stehplätze zum schlafen gibt.  Diese Vorgaben hat Frau Merkel sicher im Kommunismus gelernt,  da hatte man ja auch immer “hervorragende Pläne” nur konnte kaum einer umgesetzt werden.  Wenn ich an den Berliner Flughafen denke, dann kann ich mir vorstellen, wie es 2050 aussehen wird.

Jochen Brühl / 15.11.2017

Der letzte Stralsundkrimi im öffentlich-rechtlichen Fernsehen war diesbezüglich auch auf dem Niveau einer nicht abgeschlossenen Hauptschule. Ich habe jetzt Netflix und genieße ausländische Filme, die nicht aus einem zwangspädagogischen Umerziehungslager stammen.

Volker Matthes / 15.11.2017

Sehr geehrter Herr Letsch, “teils hölzernen Dialoge oder die Tatsache, dass jede Szene – ich übertreibe sicherlich – wie für’s Theater inszeniert scheint?” Stimmt nicht. Die Hauptdarsteller nuscheln meistens unverständlich, aber lässig. Theaterschauspieler dagegen müssen verständlich sprechen und lernen das auch auf der Schauspielschule. Richtige Schauspieler erlebt man oft nur in Nebenrollen. Ansonsten aber alles richtig. Beste Grüße aus Dresden.

A.W. Gehrold / 15.11.2017

Claudia Kemfert (nicht: Kempfert!) dürfte bei mir nicht mal für Mindestlohn Staub wischen. Vergangenen Sonntag, ARD, Mittagszeit, “PRESSECLUB” heißt das Teil glaub ich: Es Claudia: 20 Braunkohlekraftwerke könne man locker sofort abschalten!  Deutschland produziere inzwischen soviel Strom, dass jede Menge exportiert werde! Natürlich! Schön, dass uns die Professorin für “langes Blondes” so wahrheitsgemäß aufklärt. Und warum importieren wir dann Strom, wenn “ausnahmsweise” keine Sonne scheint (soll angeblich sogar nachts passiert sein) und das dann auch noch bei Windstille? Aber in zig Gremien rumberatern! Früher : Geschenkt zu teuer. Heute : Energieexpertin! Darauf leck ich jetzt eine Kugel Trittin-Eis.

Frank Mora / 15.11.2017

Warum immer Frau Kämpfer als Beispiel? Viel besser und glaubwürdiger kann die Rolle von Frau Dr. Simone Peter verkörpert werden. Die war (und ist?) bezahlte Cheflobbyistin der Alternativstombarone. Jedesmal wenn sich die zwischenzeitliche Landesministerin und Grünenvorsitzende über Energiewende äußert oder gesetzgeberisch tätig ist, verdient sie unmittelbar daran. Oder verdiente. Interessant die Aussage des Mecklenburger Bundestagsabgeordneten Rehberg bei Tilo Jung, daß die Jahrespachten, die Windstrombarone pro Standort bei ihm im Wahlkreis zahlen (können) 100 000 Euro betragen. Wie gesagt für EINE Windmühle und das jedes Jahr!

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