Wolfram Weimer / 27.07.2017 / 14:45 / Foto: Jdarsie11 / 2 / Seite ausdrucken

“Yuuuuuuge”

Anthony Scaramucci ist telegen, redegewandt und schlau. Gute Voraussetzungen eigentlich für seinen neuen Job als Kommunikationschef im Weißen Haus. Denn dort wird er dringend gebraucht: Der Präsident wankt in der Russland-Affäre, er attackiert die meisten Medien mehr als dass er sie informiert und kommunikativ herrscht beim sprunghaften Twitter-Präsidenten eher Chaos als Ordnung. “Politisch brennt das White House lichterloh”, heißt es in Washington, und Scaramucci soll als Feuerwehrmann nun den kommunikativen Löschzug anführen.

Kritiker erwarten freilich, dass Scaramucci eher neues Öl ins Feuer gießen wird. Nicht nur der scheidende Regierungssprecher Sean Spicer nennt seine Berufung einen “Riesenfehler”. Scaramucci gilt als “schillernder Schwätzer” und als “typischer Angeber aus New York”. An der Wall Street galt er als schlechter Banker, aber als großartiger Verkäufer für sich und seine jeweiligen Adressen – Lehman Brothers, Goldman Sachs oder Neuberger Berman. Ehemalige Kollegen der Finanzindustrie beschreiben ihn als “Blender”. Seine Büros seien mit Nippes und Bildern von Superman angefüllt gewesen. Ähnlich wie Donald Trump sah sich Scaramucci offenbar stets als Held seiner eigenen Lebensinszenierung.

Seine Beschäftigung bei Goldman Sachs währte nicht lange, doch Scaramucci nutzte sein Verkaufstalent, um sich Fremdkapital zu besorgen und am Ende daraus eine Hedge-Fonds-Gesellschaft namens “Skybrigde” zu schmieden, die das Geld anderer verwaltete und mehrte. Sein Spitzname in New York ist seither (eine Verballhornung seines Namens) “the Mooch” – der Schnorrer.

Während die meisten Banker Diskretion suchen, drängt “the Mooch” auf glamouröse Bühnen. In Davos ist er Stammgast, und in Las Vegas gründete er eine eigene Glamour-Konferenz, die mit allerlei Prominenz von Magic Johnson bis Kevin Spacey im Edelhotel Bellagio stattfindet. Wie Donald Trump liebt er protzige Inszenierungen und seine eigene Aufstiegsgeschichte. Seine Familie kam als einfache italienische Einwanderersippe in die USA, sein Vater war Bauarbeiter: “Heute fahren sie Mercedes”, sagt er stolz.

Sein italienischer Name hat eine – seit seiner Berufung als Kommunikationschef besonders – gern umhergeraunte Weiterung. Denn Skaramuz ist ursprünglich ein angeberischer Clown im italienischen Volkstheater Commedia dell’arte. Im Englischen beschreibt umgangssprachlich der Scaramouch ein Großmaul. Und so wird sein Name in Washington gerne in der Aussprache “Scaramouchi” verbreitet, mit weichem Zischlaut am Ende.

Er schrieb Bücher darüber, wie man reich wird

Scaramucci suchte sich schon lange Zugänge zur Politik gezielt zu erkaufen. Er machte sich einen Namen als Spendensammler für Politiker verschiedener Parteien, ob für Barack Obama, Hillary Clinton oder Jeb Bush. Am Ende vor allem aber für Trump. Zugleich agiert er seit Jahren als umtriebiger Medienspieler. Er moderierte eine eigene TV-Show für das Wirtschaftsfernsehen von Fox, er ging in Talkshows, hielt Reden und schrieb Bücher darüber, wie man reich wird.

Scaramucci glaubte lange Zeit nicht an einen Wahlsieg Trumps und unterstützte lieber dessen Konkurrenten. Im Jahr 2015 kritisierte er Trump offen als “Stammtischpolitiker” und dessen frauenfeindliche Sprache. Nun entschuldigt er sich für diese Kritik. “Trump wirft mir das alle 15 Sekunden vor”, erzählt er, “ich hätte das nie über ihn sagen sollen.”

Inzwischen aber scheinen sich Präsident und Kommunikationschef prächtig zu verstehen. Sie haben den gleichen ordinären Humor New Yorks, sogar die gleiche Art, Vokale zu dehnen – “huge” ist bei beiden immer “yuuuuuuge”. Seine Kommunikation ist in etwa so spontan, laut und direkt wie die des Präsidenten. Wenn er eine Journalistin sieht, etwa Jessica Pressler vom “New York Magazine”, dann fragt er sie schon einmal: “Wie alt bist du? Du siehst gut aus. Keine Falte im Gesicht. Was bist du für ein Sternkreiszeichen, ein Schütze?” Und als sie verblüfft antwortet: “Ein Löwe”, dröhnt er: “Fucking king of the jungle!” Genau so fühlt er sich jetzt vermutlich.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf The European hier.

Leserpost (2)
Karen Steiger / 27.07.2017

Wie der Herr, so’s Gescherr!

Heinrich Niklaus / 27.07.2017

Och, Herr Weimer, bei uns wäre ein derartiger Aufstieg natürlich nicht möglich. Aber im Land der unbegrenzten Möglichkeiten geht das. Was mich viel mehr ärgert, dass die amerikanischen Parlamentarier 70-seitige Gesetze beschließen (Russland-Sanktionen), die uns Deutschen den Weg der Energieversorgung nach Osten verstellen. Aber wollen wir wetten:  Frau Merkel wir irgendeine „konsensuale Suppe“ kochen, die niemandem hilft, schon gar nicht den Deutschen.

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