Wolfgang Röhl / 17.08.2017 / 06:15 / Foto: Mecnarowski / 7 / Seite ausdrucken

Wolfsrevival: Edle Wilde für grüne Gemüter

soll der geier vergißmeinnicht fressen?

was verlangt ihr vom schakal,

daß er sich häute; vom wolf? soll

er sich selber ziehen die zähne?

Seine fulminante Publikumsbeschimpfung verteidigung der wölfe gegen die lämmer machte den 28jährigen Hans Magnus Enzensberger 1957 zum literarischen Shooting Star, von der Kritik in einem Atemzug genannt mit Clemens Brentano, Bert Brecht, Gottfried Benn. Natürlich galt sein Plädoyer in cooler Kleinschreibung nicht den echten, vierbeinigen Wölfen. Das letzte Exemplar eines canis lupus war in Deutschland bereits 1904 erlegt und ausgestopft worden.

Der Wolf ist für den jungen, selbstredend linken Lyriker und Essayisten HME eine Metapher. Eine Chiffre für Raubtierkapitalisten und Nazizombies, die aus dem Dritten Reich einfach ins Gehege der zweiten deutschen Republik gewechselt waren. Enzensbergers scheinbare Verteidigung der Prädatoren: eine Wutrede gegen das Wegduckertum der Nachkriegszeit. Mithin gegen das gemeine Volk, das, glaubt der Dichter, sich feige dem Treiben kriegslüsterner Bestien vom Schlage Strauß unterwirft. Ach, die Fünfziger waren für westdeutsche Intellektuelle eine tiefpessimistische, geradezu paranoide Ära. Es gab dafür allerdings Gründe.

Sechzig Jahre später wird wieder zur Verteidigung der Wölfe geblasen – diesmal zum Schutz der real existierenden. Denn Wölfe, wunderschön anzuschauende Tiere, wenn man sie ausnahmsweise vor die Linse kriegt (unglaublich, diese Augen!), breiten sich in der Bundesrepublik aus. Und zwar weit schneller, als es von Naturfreunden erhofft worden war und als Schaf- und Rinderhalter es befürchtet hatten. 500 Exemplare soll es hierzulande geben, 15.000 in ganz Europa. Schon mehren sich Stimmen, die dem Wolf eine rote Linie zeigen möchten. Selbst im Wahlkampf ist das Thema angekommen. „Ein Leben mit dem Wolf ist möglich“, erklärte trotzig eine Biologin im Sommer auf einer Diskussionsveranstaltung der niedersächsischen SPD. Dagegen finden Schäfer, Bauern und auch viele Mütter: ein Leben ohne Wolf erst recht.

Von Anfang an: Im Bundesnaturschutzgesetz wurde der Wolf 1980 zur besonders geschützten Art erklärt. Eine Luftnummer, denn die Spezies galt damals in der Bundesrepublik als ausgerottet. Mitunter wanderten Exemplare aus Ostblockländern wie Polen westwärts, wurden aber in der DDR zuverlässig abgeknallt.

Nach der Wiedervereinigung zog es auch Wölfe in den Westen

Nach der Wiedervereinigung zog es auch Wölfe in den Westen Deutschlands. Mit der Art verhält es sich, sagen Wolfsexperten, wie folgt: Man muss sie nur machen lassen. Bejagt man sie nicht, vermehrt sie sich kräftig, denn sie hat keine Fressfeinde. Ihr ärgster Terminator ist das Auto, aber auch das kann sie nicht nachhaltig an der Ausbreitung hindern. Wölfe benötigen keine Korridore, die ihnen der Mensch zwecks Lebensraumvergrößerung schaffen muss, wie den Kröten, Luchsen oder Wildkatzen. Sie müssen in strengen Wintern auch nicht gefüttert werden, wie Damwild. Wölfe sind stark. Sie schlagen sich durch. Immer und überall.

1996, als die ersten Exemplare in Deutschland gesichtet wurden oder man ihre Anwesenheit durch Trittsiegel und Kotspuren nachweisen konnte, ward das noch ordentlich bejubelt. Seither hat sich die Stimmung etwas gewandelt. Nicht im Caffè Latte-Milieu, versteht sich, aber im wirklichen Leben. Wölfe ziehen dummerweise eine Blutspur hinter sich her. Sie reißen, was ihnen vors Maul kommt, am liebsten Schafe. Selbst Rinder sind nicht vor ihnen sicher.

Und so wächst im ländlichen Raum die Wut mit jedem Foto in der Lokalzeitung, das Schäfer oder Bauern vor ihren zerfetzten Tieren zeigt. Umso mehr, als Wölfe schon mal ein Dutzend Schafe auf einen Streich reißen, ohne die meisten Kadaver auch nur anzunagen. Sie töten nicht bloß aus Hunger, sondern manchmal offenbar aus Daffke.

Die Schadensausgleiche, welche Behörden leisten, sind für betroffene Tierhalter Kleingeld. Ganze 25.000 Euro hat der niedersächsische Umweltminister in Aussicht gestellt (ein Grüner, dessen Partei natürlich für den Wolf trommelt). 27 Millionen Euro enthält dagegen der Topf für Fraßschäden durch Gänse.

Sogenannte Wolfsberater, welche die Schäden durch Wölfe routinemäßig klein reden und allerlei in der Praxis untaugliche Gegenmittel vorschlagen (Anschaffung von Hunden und Eseln, Anbringen von Zäunen usw.), erfreuen sich bei Bauern ungefähr jener Akzeptanz, welche Sozialarbeiter in Duisburg-Marxloh bei der verbliebenen indigenen Wohnbevölkerung genießen.

Warum ist der Wolf immer der Böse?

Besonders an der See und an Flüssen wie der Elbe, wo seit der Flutkatastrophe von 1962 große Schafherden als Rasenmäher und Deichverdichter Dienst schieben, ist der Unmut groß. Die Jägerschaft fordert immer lauter, der hohe Schutzstatus des Wolfes müsse verringert werden, um einzelne Exemplare „aus der Natur zu entnehmen“, wie der jagdliche Euphemismus für den Kill lautet.

Und seit Wölfe gelegentlich sogar tagsüber durch Dörfer streichend (hier  und hier) gesichtet werden (ein Verhalten, das sie nach den Beteuerungen von Wolfsfans eigentlich nie an den Tag legen, ebenso wie der Mensch eigentlich nicht in das Beuteschema des Wolfes passt und Hunde nach dem Glauben ihrer Besitzer Kindern eigentlich nie etwas antun), seither also hat der Wolf auch noch besorgte Mütter gegen sich.

Die Veranstaltung eines norddeutschen Kulturkreises zum Thema „Warum ist der Wolf immer der Böse?“ war ungewöhnlich gut besucht, so dass die Stühle im Rathaussaal von Cadenberge kaum ausreichten. Tickt so nur die Provinz? Mitnichten. Inzwischen hat der Wolf es auch in die überregionale Medien(hier und hier) geschafft.

Warum ist der Wolf immer der Böse? Wurde, wird er immer so wahrgenommen? In ihrem luzide geschriebenen, hinreißend bibliophil gestalteten Buch „Wölfe“ ist die Journalistin Petra Ahne dem Wolf durch die Jahrhunderte nachgehangen. Hat die sinistere Faszination ausgeleuchtet, die er auf Menschen ausübt und den Hass analysiert, den er über die meiste Zeit auf sich zog.

Das „räuberische, schädliche und frässige Thier“, das Rotkäppchen und deren Großmutter verzehrt, wurde bereits seit der Entstehung der Bibel dämonisiert. Besonders im katholischen Folterhandbuch „Hexenhammer“ von 1487, das den Wolf gern als Hexe in Tiergestalt darstellte. Für Jäger, ihrerseits, war der Wolf schlicht Nahrungskonkurrent und Pelzträger; zwei gute Motive, ihm eins überzusengen.

Doch mit dem Ennui an den industriellen Zeitläuften und der mit ihnen einhergehenden Verstädterung wuchs der Wunsch nach simplem Sein in purer Natur. So kam der Wolf en vogue, wohl nicht zufällig. Ruf der Wildnis von Jack London, erschienen 1903, erzählt vom Hund Buck, der vom verweichlichten Hausköter zum kühnen Anführer eines Wolfsrudels avanciert. Das Buch wurde ein Megaseller, ebenso das nachfolgende Werk Wolfsblut, welches die Story andersrum erzählt – ein Wolf-Hund-Mischling wird durch die Liebe seines Herrchens zwar nicht gerade zum Kuscheltier, immerhin zum loyalen Gefährten des Menschen.

Mit Jack London war der Mythos vom edlen Wolf geboren

Damit war der Mythos vom edlen Wolf geboren, mochte auch zur selben Zeit der olle Brehm noch postulieren, hervorstechend am Wolf sei dessen „elende Feigheit“. Der edle Wilde, eine seit Jean-Jacques Rousseau unsterbliche Sehnsuchtsfigur, von Karl May aufs Wirkungsmächtigste trivialisiert, feiert auch im Wolf Urständ. Lupus ist eine zutiefst asoziale und zugleich hochsoziale Figur. Andere Lebewesen sind ihm wurscht, im Sinne des Wortes. Aber für den eigenen Stamm ist er der Kümmerer schlechthin. Für seinen Clan und die Großfamilie lässt er sich in Stücke reißen.

Was Wunder, dass sich eine bestimmte Sorte von Westfrau im Wolf nur zu gern erkennt. Die Psychotherapeutin Clarissa Pinkola landete 1993 mit Die Wolfsfrau einen Überraschungserfolg. Das Buch breitet über 500 Seiten die These aus, Frauen und Wölfinnen hätten Gemeinsamkeiten, nicht nur im starken, fürsorglichen, intuitiven Charakter, sondern auch in dem Unrecht, das ihnen angetan wurde. Aus dem einstmals bösen sei nunmehr das edle Tier geworden, schreibt Ahne:

„Für die einen ist der Wolf weiterhin der Unhold, der bekämpft werden muss. Für andere ein Symbol bedrohter Wildnis, und mehr als das: geradezu eine noble Erscheinung.“

Dass auch das Wolfsprojekt, wie vorher schon das Biberprojekt (hat leidlich funktioniert), das Luchsprojekt (dito) und das Bärenprojekt (musste wegen des Problembären Bruno bekanntlich abgebrochen werden) auf grünem Turf reifte, war nur folgerichtig. Grüne Seelen barmen von jeher nach dem Noble Savage. Leider gab es dabei schon schmerzliche Enttäuschungen. Auf Kairos Tahrir-Platz zeigte der famose arabische Frühling in Gestalt gewisser junger Männer bald ein eher hässliches Gesicht. Und auch die hübschen Träume der Teddybärenwerferfraktion zerrannen unter Silvestergeböller.

Hoffen wir, dass es wenigstens mit dem Wolf klappt. Das Monitoring des Wolfs-Managements läuft derzeit auf vollen Touren. Die Kosten des Ganzen werden sich in Grenzen halten, jedenfalls im Vergleich zu anderen Ansiedlungsvorhaben. Ich, für meinen Teil, bin mit heißem Herzen für die Inklusion des Wolfes! Habe allerdings auch weder Schafe noch Rinder noch kleine Kinder.

PS. Übrigens, Kulturpessimisten unserer Tage, welche gepflegten Weltekel und geschliffene Untergangsprosa à la „Finis Germania“ goutieren, dürften die letzten drei Strophen von Enzensbergers Wolfspoem ziemlich aktuell vorkommen.

Wenn der Meister des Wendigen das wüsste!

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Leserpost (7)
Christine Miller / 18.08.2017

Für mich als Biologin ist klar: Canis lupus ist ein Vertreter der Caniden - ein Tier halt, mit dem ich mich beruflich gerne beschäftige (wie mit vielen anderen Tieren eben auch). Aber leider ist ein Tier eben nicht nur ein Tier. Meist steht hinter oder vor der biologischen Art ein größeres und mächtigeres Symboltier, das den Blick auf das arme Real-Getier versperrt. In der öffentlichen Diskussion und Wahrnehmung geht es dann praktisch nur um den Symbolcharakter der jeweiligenWildtiere: hier das edle Geschöpf, das die Wildnis verkörpert (was immer darunter verstanden wird), die blutrünstige Bestie. Das passiert auch dem Rothirsch, der ebenso als Art unsichtbar geworden ist, hinter seinem übermächtigen Symbol-Hirsch. In realiter ist Rotwild ein 1a Beutetier für den Wolf, in der Diskussion aber der Stellvertreter für fette Kapitalisten-Trophäenjäger. Also wird der Hirsch von den aufgeklärten Waldfreunden verteufelt und verfolgt, der Wolf aber gepriesen und gelobt. Wie sollen da realistische Managementpläne herausgearbeitet werden, wenn an den Verhandlungstischen nur über die Symboltiere und nicht über die biologische Realität gesprochen wird?

Michael Leuschtner / 18.08.2017

Der Wolf als lebendes Raubtier hat in einer dicht besiedelten Kulturlandschaft nichts zu suchen. Punkt. Nur grüne Ideologie, die verfälscht den Menschen als Aussatz in der Welt ansieht, kann auf die Idee einer Wolfs-Ansiedlung kommen. Interessanterweise ist ja keiner der Verantwortlichen dann verantwortlich, wenn etwas schlimmes passiert. Meiner Ansicht nach ist der Tod eines Kindes durch ein angesiedeltes Raubtier Todschlag, und spätestens dann - und es wird passieren - wird mittels des Strafrechts diese fehlgeleitete Aktion beendet werden. Anders als durch persönliche Konsequenzen dringt nämlich die Kultur nicht zu Ideologen durch. Die Großeltern sagten noch weisheitsvoll: “Wer nicht hören will, muss fühlen”, zumindest darin hatten die Altvorderen recht.

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