Vera Lengsfeld / 18.06.2017 / 15:50 / Foto: Tim Maxeiner / 3 / Seite ausdrucken

Wie man den Tod ins Leben zurückholt

Im Rahmen des Martin Luther Propaganda Symposiums des Schweizer Regisseurs Boris Nikitin wurde auf der Probebühne des Theaterhauses Jena das Stück „Ibsen: Gespenster“ gezeigt. Die Inszenierung war im Programmheft mit einem Satz aus der Neuen Züricher Zeitung angekündigt worden: „Radikaler kann Dokumentartheater kaum sein“. Normalerweise hätte mich das nicht zum Theaterbesuch animiert, denn mich langweilen Radikale. Aber von Boris Nikitin hatte ich gehört, dass die Performancegruppe Markus&Markus ein kühnes Experiment auf die Bühne bringen; sie begleiteten eine sterbewillige alte Dame in den letzten drei Lebenswochen bis zum selbstgewählten Tod in der Schweiz.

Bei einem so gewagten Vorhaben ist Scheitern wahrscheinlicher als Gelingen. Um es vorweg zu nehmen: Markus&Markus ist die Bewältigung dieses halsbrecherischen Themas großartig gelungen. Was sie zeigen ist ganz großes Theater, vor allem, was die schauspielerische Leistung betrifft, die zum Teil bis an die körperlichen Grenzen geht. Das Motto ist eine  Anlehnung an den norwegischen Dramatiker Henrik Ibsen, in dessen Drama „Gespenster“ Oskar seine Mutter bittet, ihn zum Sterben zu verhelfen. Ihr Zweifel spiegelt den bis heute fortdauernden Zweifel wider, ob es ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben gibt.

Auf der Bühne ein langer, weißer Tisch mit den passenden Stühlen. Im Laufe der Inszenierung wird sich der Tisch immer mehr füllen. Rechts eine Bank, links verschiedene Requisiten, deren Sinn sich erst nach und nach erschließt. Auf der Leinwand hinter dem Tisch der Blick aus einem Dachfenster, vermutlich aus der Wohnung  der Protagonistin.

Das Stück beginnt mit einer Reminiszenz an die berühmten Selbstmorde der Literatur: Werther, der schoss, aber nicht richtig zielte und noch stundenlang leiden musste, ehe der Tod ihn erlöste. Als Werther zu Grabe getragen wurde, hat ihn kein Geistlicher begleitet. Julia, die dem toten Romeo folgt, der sich umbrachte, weil er glaubte, seine Geliebte sei tot. Und der unvermeidliche Papageno, mit seinem abgebrochenen Selbstmordversuch. Der Freitod als Versuch, Irrtum und Hilferuf.

Dann erscheint Margot auf der Leinwand, eine Dame, die ihren Tod als würdigen Abschluss ihres Lebens selbstbestimmt plant und erfolgreich durchführt. Margot tut etwas, das bei näherer Betrachtung die einzig wirklich freie Entscheidung ist, die ein Mensch treffen kann. Die einzige Voraussetzung dafür ist das Wissen, dass ein Mensch sich selbst gehört, keinem Kollektiv, keiner Obrigkeit, keinem Staat, keiner Bürokratie. Der Mensch ist frei geboren, aber er liegt bis heute in den Ketten fremdbestimmender Mächte.

Bürokratischen Hürden, die einem selbstgewählten Freitod entgegenstehen

Markus&Markus thematisieren die absurden bürokratischen Hürden, die einem selbstgewählten Freitod entgegenstehen. Sie tun das mit dem zeitgenössischen Grauen unserer Gesellschaft, die den Tod gänzlich aus ihrem Leben verbannt hat und damit dafür sorgt, dass aus Angst vor dem Sterben das Leben vielfach auf groteske, schmerzhafte, degradierende Art künstlich verlängert wird und in deren Ergebnis der Mensch als Pflanzenexistenz seinem Ende entgegendämmert.

Margot hat sich entschlossen, das zu vermeiden. Man sieht sie anfangs auf ihrem Bett liegen, als sei sie schon tot. Aber dann steht sie auf und der Zuschauer begleitet sie auf ihren letzten Wegen und gleichzeitig durch ihr Leben. Markus&Markus zeigen, dass ein menschliches Leben ein ganzes Universum ist, mit all seiner Schönheit, seinem Kummer, dem Schmerz, der Enttäuschung und der alles besiegenden Freude an den täglichen Genüssen, die das Leben bietet - und seien es  „nur“ die Gänseblümchen auf der Wiese, von denen Margot einige auf ihrem Tisch haben will.

Margot führte ein Leben, das in unserer Gesellschaft immer noch, trotz allem Feminismus als bedauernswert gilt: das einer alleinstehenden Frau. Das es ebenso reich oder reicher sein kann, als das in einer Paarbeziehung, zeigt ihr Ende. Beim Sterben hält eine Freundin ihre Hand, ihr Pastor begleitet sie mit seinem Abschiedsschreiben verständnisvoll in den Tod. Margot sagte von sich selbst, sie wäre wegen ihrer vielen Krankheiten oft allein, aber nie einsam gewesen. Davon zeugt auch ihre lebendige Wohnung. Sie pflegte jahrzehntelange Freundschaften und hatte die Fähigkeit, sich fremden Menschen zuzuwenden. Sie sprach sie an, statt wortlos an ihnen vorbeizugehen. Sie war ein Mensch, den man lieb gewann, auch wenn man ihn nur auf der Leinwand sah.

Sie war ein Kind unserer Konsumwelt, auch davon zeugt ihre Wohnung. Die Kunstraben auf ihrem Balkongitter stehen auf der Bühne gegen Ende des Stückes als Todesvögel auf dem Tisch. Das Bühnenbild ist von Margot mit gestaltet worden, indem sie sagte, was sie am meisten mochte: die Farbe lila, aber nicht zu dunkel, Margeriten, der Rolltisch mit den Blumentöpfen, die Kugellampe am Sofa, ihr Hündchen, das auf der Bühne als Attrappe im Körbchen lag.

Ein Totentanz als Reminiszenz an die unvergängliche Schönheit des Lebens

Der Tod gehört zum Leben, aber der moderne Konsument, dessen Leben immer mehr zwischen Kaufrausch und Wegwerfen changiert, möglichst schmerzlos und aseptisch, will das nicht akzeptieren. Markus&Markus führen drastisch vor, dass Schmerz und Tod keine klinisch reine Angelegenheit sind. Andere Kulturen haben das noch nicht vergessen. Da wird auf den Friedhöfen gegessen und getanzt, man holt die Toten immer wieder ins Leben zurück. Bei uns sind die Wenigsten bereit, ihre sterbenden Angehörigen zu begleiten und wenn, höchstens im Krankenhaus.

Die Frage, ob das Team es wagen würde, auch den Tod von Margot zu zeigen, wird am Schluss beantwortet. Ja, der Zuschauer bleibt bis zum Schluss dabei. Markus&Markus bringen es tatsächlich fertig, dass es nichts Voyeuristisches hat. Es ist ein Ende in großer Souveränität und Würde. Bewundernswert ist die Auflösung dieser berührenden Szene. Margot hat in ihren letzten Tagen darüber geklagt, dass es ihr wegen unerwarteter Arbeiten auf dem Dach nicht gelungen sei, ihr Lieblingsballett Giselle in einer Aufführung der Mailänder Skala ungestört zu sehen.

Also tanzen Markus&Markus in der finalen Szene für Margot Giselle als Totentanz und gleichzeitig als Reminiszenz an die unvergängliche Schönheit des Lebens

Foto: Tim Maxeiner
Leserpost (3)
Lydia Burgstaller-Englitz / 19.06.2017

Herzlichen Dank Frau Lengsfeld, dass Sie auf das Thema “Tod” hinweisen. Kürzlich habe ich meine 92 jährige Tante im Heim besucht, und mich anschließend mit einer   Pflegerin unterhalten. Sie hat mir erzählt, dass nur noch wenige Menschen,  ihre sterbenden Angehörigen besuchen bzw. begleiten. Meine Anmerkung noch: Ich wohne auf dem “angeblich” noch eher christlich geprägtem Land, in der Großstadt hätte ich dieses Verhalten eher erwartet, aber da habe ich mich gewaltig getäuscht bzw. mein Urteil über die nur zum “Schein” besonders “Frommen” hat sich bestätigt. Ich war im negativen Sinne sehr erstaunt und es stimmte mich traurig. Oft werden Menschen, die so lange sie konnten, für ihre Familie sorgten,  kurz vor ihrem Lebensende einfach im Stich gelassen. Nach ihrem Tod,wenn es ums das Erbe geht, dann werden plötzlich die Angehörigen wieder sehr aktiv! Schon oft habe ich gespürt, wie sich pflegebedürftige Menschen freuen, wenn man sich mit ihnen unterhält. Jeder kann in die Lage kommen, dass er auf Hilfe angewiesen ist, ob jung oder alt, das sollten sich so manche, denen der Tod nicht ins “Konzept” passt, einmal überlegen! Der Tod gehört zum Leben! Aber unsere moderne, hauptsächlich nach Besitz strebende, oberflächliche, von Egoismus geprägte Gesellschaft, der Gewinnstreben und Geltungsbedürfnis

Peter Freimensch / 18.06.2017

Es ist eine Grundvoraussetzung wirklicher und absoluter Freiheit eines jeden Menschen, über das Ende seines eigenen Lebens bestimmen zu können. Auch als Mitglied eines “freiheitlich-demokratischen” Systems ist man nicht frei. Man hat allenfalls diverse persönliche Freiräume mehr als ein Angehöriger einer offenen Diktatur - mehr aber auch nicht. Für einen selbstbestimmten Tod in freier Entscheidung liegen deshalb schon seit Jahr und Tag eine Flasche Stickstoff, Druckregler sowie Halbmaske zum friedlichen und schmerzfreien Einschlafen eines sicher noch fernen Tages bei mir zu Hause bereit. Leben zu können, es aber nicht zu müssen: allein nur DAS ist für mich Freiheit ...

Winfried Sautter / 18.06.2017

Es sind nicht die bürokratische Hürden, die den selbstbestimmten Freitod verhindern, sondern der Anspruch des paternalistischen - und weltanschaulich, ethisch keineswegs neutralen - Staates,  den Menschen zum Zweck der allgemeinen Verwertbarkeit vor sich selbst in Schutz zu nehmen: Keiner darf von der Fahne, bevor die Zeit gekommen ist. Mal sehen, wie sich die Ethik in 10, 20, 30 Jahren geändert haben wird, wenn die RentnerInnen-Berge drohen. Cineastisch Gebildete werden sich an “Soylent Green” erinnern ...

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