Joachim Nikolaus Steinhöfel / 16.11.2017 / 11:13 / 6 / Seite ausdrucken

Wie Facebook seine Grundidee gegen die Wand fährt

Um einer Person bei Facebook zu folgen, muss man nicht zwangsläufig mit ihr befreundet sein – abonnieren genügt. Man erhält dann die Postings, die der Abonnierte „öffentlich“, also nicht nur für seine „Freunde“ oder einen beliebigen anderen, beschränkten Empfängerkreis zugänglich macht.

Bei mir hat sich die Zahl dieser Abonnenten in den letzten zwei Jahren sehr stark erhöht. Im Herbst 2015 war ich stolz, bald wohl die 1000er-Grenze zu überschreiten. Im Sommer 2017 waren es dann über 24.000 Abonnenten, Tendenz weiter steigend. Bis die Zahlen dann im Herbst 2017 nicht weiter stiegen, sondern innerhalb von sechs Wochen massiv fielen und sich aktuell bei etwa 20.600 befinden. Legt man die früheren, kontinuierlichen Steigerungsraten zugrunde, gingen mindestens 5.000 Abonnenten verloren. Und zwar nicht, weil die Leute plötzlich genug von meinen Weisheiten hätten.

Würde das Unternehmen hier lediglich Fake-Profile löschen oder solche, die mißbräuchlich genutzt werden (Spam, Pornografie, Bots usw.), wäre das völlig legitim. Aber dies erklärt nicht den Verlust von 25 Prozent der Abonnenten, den auch andere Personen mit ähnlich hoher Zahl von Followern zu beklagen haben. Es waren keine 5.000 Fake-Profile unter den Abonnenten! Nicht annähernd.

Facebook lässt seit der Verabschiedung des verfassungswidrigen Netzwerkdurchsetzungsgesetzes (Netz-DG) maschinelle Säuberungswellen durch das Netz laufen. Dies hat das Unternehmen selbst eingeräumt. Im August zitierte die "Bild"-Zeitung eine Konzernsprecherin wie folgt:

„Facebook bemüht sich seit Langem, sowohl die Erstellung gefälschter Accounts zu verhindern als auch gefälschte Konten zu identifizieren und zu entfernen. Dank technischer Fortschritte können wir besser gegen manuell erstellte Fake-Profile vorgehen und nutzen neue Analysetechniken wie Machine Learning, um weitere Formen von Missbrauch zu erkennen und zu unterbinden.“

Das Gerede vom "Hausrecht" ist Rechtsunsinn

„Machine Learning“ als „neue Analysetechnik“ verkaufen zu wollen, ist schon ein sehr gewagter Versuch, die maschinelle und massenhafte Vernichtung von Profilen als Errungenschaft verkaufen zu wollen. Aus Angst vor politischem Druck und den völlig unverhältnismässigen Strafdrohungen des Netz-DG (bis zu 50 Millonen Euro drohen dem Unternehmen, aber auch seinen leitenden Angestellten, wenn man beim Löschen das Plansoll nicht erfüllt).

Wenn ein Nutzer mit seinen Postings deutsches Recht verletzt, kann und muss Facebook dies sanktionieren. Mit Löschen des Beitrags, unterschiedlich langen Sperren oder sogar der endgültigen Löschung des Profils. Bei Rechtsbrüchen ist dies legitim. Gibt es diese Sanktionen hingegen bei rechtmäßigem Verhalten, verletzt Facebook deutsche Gesetze. Das häufig anzutreffende Gerede vom „Hausrecht“, als stünde Facebook über deutschen Gesetzen, ist Rechtsunsinn sui generis und dokumentiert ein beklagenswertes Unverständnis der Regeln eines Rechtsstaates.

Es ist mehr als nur vorstellbar, dass Facebook über seine Algorithmen auch politische Inhalte und deren Reichweite steuert („Edgeranking“) und damit die Meinungsbildung manipuliert. In den USA wurden Manipulationen des Newsfeeds zu Lasten konservativer Positionen schon nachgewiesen.

Das Grundprinzip von Facebook wird ad absurdum geführt

Das Instrument des sogenannten „Shadowbanning“ ist perfide und sollte verboten werden. Hierbei bleibt ein Inhalt nur für den Verfasser und seine Freunde sichtbar, wird aber für den Rest der Nutzer unsichtbar, also faktisch gelöscht, ohne dass der Verfasser dies erkennen kann. Auch Justizminster Maas hat sich schon dieser Methode bedient. Und zwar ausgerechnet am Tag der Pressefreiheit und ausgerechnet gegen mich.

Jetzt erreicht der hinterhältige Eingriff in den angeblich freien Marktplatz der Meinungen allerdings eine völlig neue Dimension. Facebook löscht ohne jedes Zutun von Abonnent und Abonniertem das Abo. Es greift bevormundend und ohne jede Veranlassung in die freiwillige Beziehung zweier Nutzer ein. Beide Profile existieren weiter, aber das Abo ist ohne eine Beendigung seitens einer der beiden Parteien entfallen.

Ich kann dies für mein eigenes Profil und eine Reihe von weiteren Profilen belegen. Teilweise wiederholt sich dieser Eingriff mehrfach. Mit diesem Tun wird das gesamte Grundprinzip von Facebook, dass sich Menschen auf aller Welt freiwillig miteinander vernetzen und austauschen können, auf groteske Weise ad absurdum geführt. Nimmt dies kein Ende, ist dies das Ende von Facebook wie wir es kannten und (meistens) schätzten. Nicht für jedes infame Fehlverhalten sind Justizminister Maas und sein Gesetz oder das häufig bemühte „technische Versehen“ verantwortlich. Oft ist es auch das allenfalls mittelmäßig gemanagte Unternehmen selbst.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Joachim Steinhöfels Blog hier.

 

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Leserpost (6)
Winfried Sautter / 16.11.2017

Kleine Korrektur, Herr Steinhöfel: Nehmen wir an, Sie hätten bis Herbst 2017 rd. 25.000 Abonnenten erhalten. Wenn Sie danach wieder 5.000 verloren haben, so ist dies nicht ein Verlust von 25 %, sondern lediglich von 20 %. Schlimm genug; aber man sollte die Prozentrechnung beherrschen, der Glaubwürdigkeit halber.

Ernst Wedel / 16.11.2017

Unklare und komplizierte Einschränkungen der Redefreiheit machen Overblocking für Unternehmen wie Facebook absolut notwendig. Aus den wirtschaftlichen Gewinnen, die Facebook pro Nutzer erzielt, ergibt sich auch der Aufwand, den Facebook leisten kann, um die Beiträge eines Nutzers auf ihre Rechtsverträglichkeit hin zu bewerten. Wenn Facebook nicht bei jeder Beschwerde einen Anwalt hinzuzieht, sondern im Zweifelsfall blockt und sperrt, sobald etwas “komisch” erscheint, ergibt sich einfach aus den rechtlichen Sanktionen, die entstehen, wenn Facebook einen Fehler macht. Es ist nicht Facebooks Schuld, dass es diese Gesetze gibt, und ich würde es begrüßen, wenn Facebook, als US-Unternehmen, sich ausschließlich an US-Recht halten, und das dortige Verständnis der Redefreiheit durchsetzen würde. Das wäre billiger, und kundenfreundlicher. Wer Facebooks Overblocking anprangert, der sollte zuerst die Einschränkungen der Redefreiheit des deutschen Rechts anprangern.

Gregor Reichelt / 16.11.2017

Ich möchte auf eine andere Strategie hinweisen: Nachdem mein Profil offenbar mehrfach gemeldet wurde & ich deshalb immer wieder aufgefordert wurde, meine Idenitität durch Identifikation von Fotos meiner Freunde nachzuweisen, hat mich Facebook irgendwann von einem Tag auf den anderen aufgefordert, meine Mobilfunknummer rauszurücken. & nein, das war keines dieser Aufforderungen, die man wegklicken kann, das war ein “gib die Mobilfunknummer ein oder du kannst nicht auf dein Profil zugreifen”. Das ist natürlich eine viel geschicktere Strategie unliebsame Leute loszuwerden: Die meisten werden einen Teufel tun & ihre Daten herausgeben, sondern ihren Account löschen. Man braucht weder eine Begründung, noch muss man sich mit Kommentaren herumärgern - man muss nur die “Störenfriede” identifizieren & sie zur Herausgabe irgendwelcher Daten auffordern. Schon ist das Problem gelöst. Allerdings hat das auch massive Nachteile für Facebook: Die Zensur war eines der Hauptgründe, die Studivz das Genick gebrochen hat. Denn politische Diskussionen sind einer der Haupt Content-Generatoren. & ohne Gegner haben natürlich auch die eigenen Anhänger keine Lust mehr, irgendetwas zu posten. Was bedeutet, dass sich der Streit & damit der Content auf andere soziale Netzwerke verlagert. & das ist auch einer der Hauptgründe, wieso sich Facebook jahrelang gegen Zensurversuche gesperrt hat.

Rüdiger Blam / 16.11.2017

Hallo Herr Steinhöfel, ich bin ein sechsundsiebzigjähriger regelmäßiger Internetnutzer, der sich seine politische Information dort aus verschiedenen Quellen beschafft. Ich bin weder als Twitter- noch als Facebookkunde gebucht und habe keine Zeitungs- und Zeitschriftenabonnements mehr. Damit lebe ich problemlos und sorgenfrei. Meine Frage an Sie ist jetzt die:“Was versäume ich, wenn ich Twitter und Facebook ignoriere?“ Mit Informationen und Kommentaren von „achgut“, früher sogar dem Kopp-Online und aus ausländischen Onlinediensten gut beleumundeter Zeitungen und Zeitschriften sowie auch der WON bin ich bestens für eine kritischen Betrachtung der in D veröffentlichen und und von Berlin gewünschten Meinungsvorgaben gewappnet. Zu DDR-Zeiten habe ich gelegentlich als Westler den Schwarzen Kanal von Karl-Eduard von Schnitzler gesehen, habe mich dabei über die Gedankenakrobatik dieses Herrn köstlich amüsiert, fand aber auch manche Anregung um mich mit Geschehnissen bei uns im Westen näher zu beschäftigen, denn gezielte und gesteuerte Information war damals wie heute auch bei uns im Westen an der Tagesordnung. Nur eben nicht so brutal offen wie heute. Das kann heute nach meiner Meinung so sein, weil nach meinen Feststellungen der Verdämlichungspegel der Twitter- und Facebookkunden fast auf Null gesunken ist Da Sie durch Ihre Nutzung von Facebook und Co.  auch für Zuspruch zu diesen Diensten werben, habe ich mir die eingangs gestellte Frage erlaubt.

Aljosha Klein / 16.11.2017

Es sind derartige Vorkommnisse und die schlicht und ergreifende faule Feigheit von FB die mich dazu bewogen haben diesem Netzwerk den Rücken zu kehren. Jüngst hat das Unternehmen mit dem Apfel sich aus einer Millionen schweren Steuernachforderung herausgewunden dank und wegen seiner rein *geschäftlichen* Beziehungen zur Regierung. FB das wohl über ähnliches Gewicht verfügt hätte protestieren können und Maas wäre als begossener Pudel dagestanden mit einem Verfassungswidrigen Gesetz. Stattdessen - nunja lieber mit den wölfen heulen als von ihnen gefressen werden und solange dieses, mich anwidernde Verhalten vorherrscht, kann ich gut und gerne auf die phantastereien des Zuckerbergs und seiner Zensur- Plattform verzichten.

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