Wolfgang Röhl / 14.12.2007 / 17:43 / 0 / Seite ausdrucken

Wie eine Meinung in einem Kopf entsteht (updated version)

Eines der kostenlosen Druckerzeugnisse, das sie uns hier, im hohen Norden, ungefragt über den Gartenzaun schmeißen, heißt „Elbe Weser aktuell“. Es wird von billigen Arbeitskräften gemacht, die nicht mal eine Schülerzeitung beschäftigen würde und besteht a) aus Anzeigen, die als solche gekennzeichnet sind und b) aus Anzeigen, die harmlosen Gemütern wie Artikel vorkommen. Damit das Ganze wenigstens entfernt an eine richtige Zeitung erinnert, gibt es auch Kästen mit Kommentaren. In der Ausgabe dieser Woche schreibt die Elke, eine etwas trutschige, freundlich vom Foto lächelnde blonde Dame folgendes:

„Die Atomdebatte in Deutschland ist neu entfacht. Gutachten belegen, dass in der Umgebung von Atomkraftwerken, dass in der Umgebung von Atomkraftwerken weitaus mehr Kinder an Leukämie erkranken als anderenorts. Gerade das Umfeld des nach einem Trafobrand stillgelegten Siedewasserreaktors Krümmel sticht dabei heraus…Das AKW steht schon seit 20 Jahren in dieser Diskussion, nur wurde bisher erfolgreich abgewiegelt, da angeblich keine gesicherten Gutachten vorgelegen haben. Gut, wenn da jetzt mal genauer hingesehen wird – gerade auch im Hinblick auf die Pannenserie im schleswig-holsteinischen AKW Brunsbüttel.“

Natürlich ist Elke keine Kampfschreiberin der Grünen. Sie ist überhaupt keine professionelle Schreiberin, geschweige denn Rechercheurin. Elke hat nur aufgeschrieben, was sie in der letzten Zeit so alles aufgeschnappt hat. Im Fernsehen, im Radio, von lokalen Politikern, in lokalen Blättern, beim Klönschnack auf der Straße. Danach habe es in Krümmel und Brunsbüttel im Sommer „Pannenserien“ gegeben, wegen der die Reaktoren vom Netz genommen werden mussten. Wie, und jetzt hat eine Studie auch noch ergeben, dass Kinder in der Umgebung dieser Schrottreaktoren massenhaft an Blutkrebs erkranken! Was sollte Elke anders tun, als auch ihren Senf ins große Fass zu tun? Sie will schließlich nicht mitschuldig sein, wenn Kinder an Blutkrebs… ABSCHALTEN! SOFORT!

Der verstorbene linke Schriftsteller E.A. Rauter hatte in den siebziger Jahren einigen Erfolg mit seinem Buch „Wie eine Meinung in einem Kopf entsteht“. Er beschrieb darin Bildung und Erziehung als einen Prozess der immerwährenden sprachlichen Manipulation, mit der Menschen von Kindesbeinen an darauf geeicht werden, die – selbstredend reaktionären – Meinungen „der Herrschenden“ nachzuplappern. Wie es der „Engsoz“ in Orwells Klassiker „1984“ praktizierte. Gewerkschaften, Kirchenkreise und SPD-Ortsvereine kauften das Buch seinerzeit massenhaft auf und brachten es unter ihre Anhänger, quasi als Gegenpropaganda.

Heute wäre das nicht mehr notwendig. Die Gegenpropaganda ist inzwischen zur herrschenden Meinung geworden. Wie das Hochjazzen banaler Vorkommnisse - der Trafobrand in Krümmel hatte niemals auch nur einen Hauch von Gefahr für die Bevölkerung bedeutet – im Hause Gabriel planmäßig betrieben wurde und wie die niedersächsische SPD-Politikerin Trauernicht auf Gabriels Zug sprang, um ihre Karriere zu retten, hat der „Spiegel“ in einem Artikel über die Anti-AKW-Kampagne des Dampfpredigers minutiös recherchiert. Die Desinformation beendet hat das Stück keineswegs. Weiterhin geistert das Gerücht vom „Störfall“ munter durch die Medien.

Jene Studie, nach der sich Leukämiefälle bei Kindern häufen, die in der Nähe eines AKW wohnen, und die Behauptung, dass diese Fälle durch Strahlung hervor gerufen werden, all das wurde jüngst von der Studienleiterin Maria Blettner in Interviews mit dem „stern“ und dem „Tagesspiegel“ vehement relativiert; ja, von ihr höchst persönlich und rundum in Frage gestellt. Offensichtlich wurde bei Methodik, Interpretation und Zeitpunkt der Veröffentlichung der Untersuchung politisch herum gefingert, und ebenso offensichtlich gibt es darüber Zoff in den beteiligten Institutionen. Neu ist das alles nicht. AKW-Gegner haben in den letzten Jahren immer wieder versucht, mit pseudowissenschaftlichen Studien zum emotional aufgeladenen Thema Kinderkrebs ihr Süppchen zu kochen.

Letztlich mit Erfolg. Spiegel hin, stern her – das politische Leitmedium in diesem Land sind beide sie. Auch „Bild“ ist es nicht“. Es sind das öffentlich-rechtliche Fernsehen und der Rundfunk, die heutzutage Agenda-Setting machen. ARD und ZDF surfen bei Komplexen wie Klimaerwärmung, Kernkraft, Gentechnik, Anti-Terror-Kampf, Rechtsextremismus oder Islamismus nahezu auf einer Welle. Und zwar auf dem rotgrünen Mainstream - wer immer im Bund oder in den Ländern auch regierte, regiert oder regieren wird.

Wie eine Meinung in einem Kopf entsteht? Kein großes Geheimnis mehr. Fragen Sie doch einfach mal Elke, die mutige Leitartiklerin von „Elbe Weser aktuell“.

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