Bernhard Lassahn / 29.06.2017 / 06:15 / Foto: Tim Maxeiner / 1 / Seite ausdrucken

Mein WhatsApp heißt jetzt wart’s ab

Liebe Yvonne

Zu deinem Geburtstag wünsche ich dir alles Gute.

Liebe Grüße:

Dein Bernhard.

Liebe Friederike

Zu deinem Geburtstag wünsche ich dir alles Gute.

Natürlich weiß ich selber, dass du nicht heute Geburtstag hast, der war schon vor ein paar Tagen, ich hab’s verpasst. Ich bin eben nicht auf der Höhe der Zeit. Früher wurde man bei Facebook noch vorgewarnt. Da kündigten sie rechtzeitig an, wer in der kommenden Woche Geburtstag haben würde, doch inzwischen geht es Schlag auf Schlag, Tag auf Tag. Da heißt es nur noch: Heute ist Friederikes Geburtstag. Wünsche ihr alles Gute. Das Leben ist so kurzatmig geworden, da werde ich schwindelig. Deshalb habe ich mich auch wieder von WhatsApp getrennt.

Ich habe eine neue App, die meinem Alter entspricht und meinem Lebensrhythmus besser angepasst ist. Ich nutze nicht mehr WhatsApp, sondern Wart’s-ab, eine App mit eingebauter Verzögerung von mindestens 48 Stunden, mit dem neuen Update ist sie sogar noch langsamer geworden. So werden meine Wünsche und Grüße wieder aufrichtig und persönlich. Ich folge nicht einfach einer Anweisung auf Facebook, die mir vorschreibt: Heute ist Friederikes Geburtstag. Wünsche ihr alles Gute.

So nicht. Ich schicke dir keine leeren Phrasen. Von wegen copy and paste. Ich nehme mir Zeit, an dich zu denken und etwas zu schreiben, das nur für dich gedacht ist. Auch wenn es später kommt.

Als wir uns kennenlernten, gingst du auf die 30 zu und einmal – das weiß ich noch – hast du kurz in den Innenspiegel vom Auto geblickt und herzhaft aufgestöhnt: Ach ja, man kann nicht immer 25 sein. Ich habe dir aus Gewohnheit widersprochen und gesagt: doch, doch, du schon. Du kannst immer 25 sein. Es sollte ein Kompliment sein, ich wollte mich keineswegs über deine Gefühle lustig machen. Aber ich bin nicht gut in der Kunst, Komplimente zu machen und manchmal entsteht der Eindruck, dass ich mich doch nur lustig machen will.

Zu deinem nächsten Geburtstag habe ich dir eine silberne 25 geschickt, wie man sie in Blumenläden kriegt. Damit wird normalerweise ein Gesteck dekoriert, das zu Silberhochzeiten verschenkt wird. Ich hatte das kommentarlos in einen übergroßen Umschlag gesteckt. Du würdest dir schon denken können, wer dir so was schickt. Das konntest du auch. Du fandest es nicht witzig.

„Ist dir eigentlich aufgefallen“, hast du gesagt, „dass du mir nie Blumen geschenkt hast?“ Es war mir noch nicht aufgefallen. Doch es stimmte. Ich hatte es tatsächlich noch nie getan – nun war ich ausnahmsweise in einen Blumenladen gegangen, als hätte ich mich dahin verirrt und hatte etwas gekauft, das da nur am Rande hingehört. Als wäre ich zu Tschibo gegangen, nicht etwa, um Kaffee zu kaufen, sondern Hausschuhe oder andere Sonderangebote, die nichts mit Kaffee zu tun haben.

Ich hatte vorgehabt, dir jedes Jahr so eine silberne 25 zu schicken, als Zeichen, dass du in meinen Augen forever young bist. Doch man soll einen Witz nicht zweimal erzählen. Einen schlechten erst recht nicht.

Inzwischen sehe ich ein, dass ich es bin, der immer älter wird, auch wenn ich mich daran festklammere, in dir die ewig juge Fünfundzwanzigjährige zu sehen, die so bleiben soll, wie sie war. Wart’s-ab ist also genau die richtige App für mich.

Mit aufrichtiger Zeitverzögerung wünsche ich dir alles Gute zum Geburtstag. Dein Bernhard.

***

Liebe Petra

Zu deinem Geburtstag wünsche ich dir alles Gute.

Natürlich weiß ich selber, dass du nicht heute Geburtstag hast, der war schon vor ein paar Tagen, ich hab’s verpasst. Früher wurde man bei Facebook noch vorgewarnt. Da kündigten sie rechtzeitig an, wer in der kommenden Woche Geburtstag haben würde, doch inzwischen geht es Schlag auf Schlag, Tag auf Tag. Da heißt es nur noch: Heute ist Petras Geburtstag. Wünsche ihr alles Gute. Das Leben wird so kurzatmig, da werde ich schwindelig. Deshalb habe ich mich auch wieder von WhatsApp getrennt.

Ich nutze nicht mehr WhatsApp, sondern Wart’s-ab, eine App mit eingebauter Verzögerung von mindestens 48 Stunden, mit dem neuen Update ist sie sogar noch langsamer geworden. Ich folge nicht einfach einer Anweisung auf Facebook, die mir vorschreibt: Heute ist Petras Geburtstag. Wünsche ihr alles Gute.

So nicht. Ich schicke dir keine leeren Phrasen. Von wegen copy and paste. Ich nehme mir Zeit, an dich zu denken und etwas zu schreiben, das nur für dich gedacht ist. Auch wenn es später kommt.

Hast du zufällig, ‚Alles was kommt’ gesehen, den neuen Film mit Isabelle Huppert? Die ist inzwischen 60 und spielt eine 40jährige. Umgekehrt wäre es einfacher. Da müsste sie sich nur ein paar Falten mehr ins Gesicht malen lassen. Isabelles Mutter liegt im Sterben. Sie ist Schauspielerin und hat noch ein letztes Rollenangebot. Sie soll eine Leiche spielen, was aber, wie sie sagt, nicht so einfach ist, da muss sie sich mindestens zwei Stunden lang schminken lassen.

Irgendwann sagt Isabelle, dass eine Frau mit vierzig nichts mehr gilt. Mit vierzig ist ihre Zeit abgelaufen ist. Ich habe nicht mehr in Erinnerung, wie genau sie es gesagt hat, aber sinngemäß meinte sie, dass eine Frau mit vierzig nichts mehr wert ist.

Das hat mich daran erinnert, dass du mal zu mir gesagt hast, dass eine Frau mit vierzig unsichtbar wird. Das sei eine Weisheit, die unter Frauen kursiert. Der Spruch selber ist nicht von dir. Von dir ist der Witz, dass genau das der Grund ist, warum Frauen ab 40 dem Nordic Walking verfallen und dabei Stöcke mit Reflektoren benutzen. Aus Sicherheitsgründen. Damit man wenigstens die Stöcke erkennen kann, wenn die Frauen unsichtbar geworden sind.

Wenn man also mit einem geländetauglichen Sportwagen flott über Waldwege brettert und sieht plötzlich mehrere Nordic Walking Sticks, die sich wie von Geisterhand geleitet fortbewegen, dann sollte man schnell auf die Bremse steigen. Denn wie sagte schon Tegtmeier als Jürgen von Manger in seinem berühmten Sketch von der Fahrprüfung: „Da muss man schon mal Mensch bleiben und nicht einfach eine Omma totfahren.“

Diesen Scherz habe ich gerne erzählt. Und oft. Weil ich ihn so gut finde. Jedes mal habe ich dabei an dich gedacht. Ich kann dir also versichern, dass ich oft an dich gedacht habe, umso häufiger, je weniger mir selber gute Witze einfallen.

Zu deinem Geburtstag wünsche ich dir alles Gute,

dein Bernhard.

***

Liebe Corinna

Als wir uns zuletzt gesehen haben, hast du mich echt überrascht. Ich ahnte nicht, dass du in Berlin bist, plötzlich standest du bei mir im Zimmer wie eine Erscheinung, und hast wie ein Kind gefragt: „Weißt du waaas?“ Ich wusste nicht waaas. „Heute ist mein sechzigster Geburtstag“, hast du gesagt. Das war die nächste Überraschung. Man sieht es dir nicht an.

Als ich dich zum ersten Mal gesehen habe, warst du 17, das ich weiß ich genau, du hattest noch keinen Führerschein. Du warst krank und hättest eigentlich im Bett bleiben müssen, du bist trotzdem in Unterwäsche durch die Wohnung gehopst.

Ich habe immer nur gedacht: Oh, nein, in die möchte ich aber nicht unglücklich verliebt sein. Ich habe es dennoch innerhalb kürzester Zeit geschafft. Dabei warst du eigentlich zu jung für mich. Ich hatte schnell ausgerechnet, dass du ganze fünf Jahre jünger bist. Damals spielte das eine große Rolle. Da kam es nicht nur auf jedes Jahr an, man hatte das Gefühl, dass es auf jeden Tag ankommt.

Ich mochte deine Art, das „a“ zu verlängern und selbst an Stellen anzubringen, wo ein „er“ hingehörte, wie bei „Reitaa“, „Wettaa“ oder „Schaafrichtaa“. Ich weiß nicht, ob es eine Dialektfärbung war, eine Marotte oder ein Sprachfehler, ich habe das sofort übernommen.

Ich habe dir immer mal wieder Postkarten mit Gedichten geschrieben, eins geht so:

Woran ich mich gerne erinnaa

Sind Schachspiele gegen Corinna

Der Sieg war zwar ihraa

Ich war der Verlieraa

und fühlte mich doch als Gewinna

Hast du zufällig, ‚Alles was kommt’ gesehen, den neuen Film mit Isabelle Huppert? Die ist inzwischen 60 und spielt eine 40jährige. Umgekehrt wäre es einfacher. Da müsste sie sich nur ein paar Falten mehr ins Gesicht malen lassen.

Die Lieder in dem Film, zeigen, wie die Zeit vergeht und wie alt die Helden im Vergleich zu den Liedern sind, die sie hören. Isabelle trennt sich von ihrem Ehemann, der etwas älter ist als sie. Wenn sie zusammen im Auto fahren, hören sie die Musik, der er gerne hört, Schubert-Lieder, die gute hundert Jahre alt sind. Isabelle versucht es wenig später vergeblich mit einem jugendlichen Liebhaber, der in einer Landkommune lebt. Im Auto hören diese Leute, die viel zu jung sind für eine Vierzigjährige, alte Aufnahmen von Woody Guthrie, die etwa fünfzig Jahre auf dem Buckel haben.

Ich hatte dir nicht nur Gedichte sondern auch Kassetten geschickt. Natürlich das gute, alte ‚Corinna Corinna’ in der Version von Werner Lämmerhirt, außerdem besondere Mischungen von Liedern, die nicht mehr ganz frisch waren, die du im Auto hören konntest, wenn du unterwegs warst zu mir, oder wenn wir zusammen irgendwo hin fuhren. Die haben wir dann gemeinsam abgesungen. Nicht immer ganz richtig. Aus „tomorrow I’ll miss you“ hast du „tomorrow I’ll kiss you“ gemacht, was nicht dem Originaltext entspricht und auch sonst nicht stimmte. Aber immerhin. Isabelle hat nicht mit den Männern am Steuer gesungen. Ich weiß auch nicht, welche Lieder sie selber gerne gehört hätte. Das wurde im Film nicht gezeigt.

Du bist auch zu anderen Männern ins Auto gestiegen; zu Männern, die noch älter waren als ich und denen der Altersunterschied offenbar noch weniger ausmachte. Auch zu Männern, die dir bestimmt keine Gedichte und keine Kassetten geschickt hatten. Ich war immer glücklich, wenn ich in deiner Nähe sein konnte und habe gleichzeitig gelitten. Ich weiß auch nicht, wie ich das geschafft habe. Mein Herz war selten federleicht, aber oft schwer wie ein Wackerstein. Mit dem Gefühl, sich als Gewinnaa zu fühlen, wenn man eigentlich der Verlieraa ist, was nur so dahingereimt war, hatte ich versehentlich ins Schwarze getroffen.

Heute merkt man dir nicht mehr an, dass du dazu neigst, das „a“ zu verlängern. Vielleicht hattest du es damals auch nicht getan. Ich verstehe sowieso nicht, wieso du in Erinnerung hast, dass wir uns dauernd gestritten hätten. Wieso sollte ich mich mit dir streiten?! Es kommt mir wie eine falsche Erinnerung vor. Der Sieg war dir doch immer sicher.

Es hat mich aber schon beunruhigt, dass du 60 geworden bist. Denn – ich habe es kurz nachgerechnet – das heißt ja nichts andere, als dass ich 65 bin. Das hatte ich mir noch gar nicht klar gemacht.

Das längste Schachspiel hat übrigens 36 Jahre gedauert. Ich kann mich deshalb so gut an die Zahl erinnern, weil ich selber zu dem Zeitpunkt noch nicht 30 war. Für mich war es sowieso immer unvorstellbar, dass es jemals einen dreißigjährigen Krieg gegeben haben soll. 30 Jahre sind nur ein anderer Ausdruck für die Unendlichkeit.

Dass das Spiel so lange gedauert hat, lag nicht etwa daran, dass die Spieler so lange überlegen mussten. Es war die Zeit der Brieftauben und der Postkutschen. Da dauerte das eben.

Inzwischen ist mir auch klar, warum. Einer der beiden Spieler hatte gemerkt, dass er am Ende verlieren würde. Nun ging es ihm darum, möglichst lange im Spiel zu bleiben. Also hat er dem Postillion absichtlich kein Schmiergeld gegeben. Der Begriff „Schmiergeld“ stammt tatsächlich aus der Zeit der Postkutschen: Schmiergeld musste man zahlen, damit die Räder gut geschmiert waren und es dann hurtig voranging.

Das wollte er nicht. Er hatte extra einen Koffer voller Wackersteine als Gepäck aufgegeben, um das Tempo zu drosseln und hat den Kutscher angewiesen, Pausen einzulegen und Blumen zu pflücken; denn Blumen sind wichtig. Hoch auf dem gelben Wagen sollte er möglichst langsame und traurige Lieder singen. Er sollte alles tun, damit es noch eine Ewigkeit bis zu seiner Niederlage dauert.

So ist auch mit unserem Leben, das wir eines Tages verlieren werden – das Leben selber, meine ich; das werden wir verlieren, das ist sicher. Aber bis es so weit ist, sollten wir uns als Gewinner fühlen.

Foto: Tim Maxeiner
Leserpost (1)
S. Paaris / 29.06.2017

Ganz ehrlich, beim Lesen dieser Zeilen musste ich mir verstohlen ein paar Tränen aus den Augenwinkeln wischen. Bei Gelegenheit werde ich mich darauf besinnen… Vielen Dank für diesen Herz erfrischenden “Fingerzeig”!

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