Gastautor / 13.09.2017 / 13:36 / Foto: P. Lindgren / 8 / Seite ausdrucken

Von Athen gelernt: Die Pleite der Documenta

Von Ansgar Neuhof.

Die Documenta gilt als die wichtigste Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Sie findet alle fünf Jahre statt und dauert 100 Tage. Diesmal vom 10.06. bis 17.09.2017 nicht nur in Kassel, sondern auch in Athen. Der Arbeitstitel der diesjährigen Documenta lautet: „Von Athen lernen“.

Die inhaltliche und künstlerische Ausgestaltung der Documenta hat viel Kritik auf sich gezogen. „Krachend gescheitert“, titelte die NZZ, die gleiche Diktion verwendete die Zeitwarum die Documenta krachend scheitert“, die Welt sprach gar von der „enttäuschendsten Großausstellung aller Zeiten“.  Ob diese harsche Kritik zutrifft, mag der entscheiden, der die Ausstellung besucht hat. Wo die Documenta allerdings in jedem Fall krachend gescheitert ist, sind die Finanzen. Die Documenta ist pleite. Wie der griechische Staat. Und wie bei diesem darf jetzt der Steuerzahler einspringen und die Defizite übernehmen.

18,5 Millionen Euro hat der Steuerzahler für die aktuelle Documenta bereits gezahlt. Je sieben Millionen Euro stammen von den beiden Gesellschaftern der Documenta gGmbH, der Stadt Kassel und dem Land Hessen. Weitere 4,5 Millionen Euro steuerte der Bund über die Kulturstiftung des Bundes bei. Den weiteren Finanzbedarf muß die Documenta (zum Beispiel durch Eintrittskartenverkauf) selbst erwirtschaften. Laut einem Bericht der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeine fehlten jetzt 7 Millionen Euro. Die Insolvenzantragstellung konnte demnach nur angewendet werden, indem die Stadt Kassel und das Land Hessen Bürgschaften von je 3,5 Millionen Euro übernahmen. Der Aufsichtsrat hat diese Zahlen mittlerweile bestätigt.

Hohe Heizkosten für Athen...

Für das Millionengrab verantwortlich ist die Geschäftsführerin Annette Kuhlenkampff. Noch am 13.07.2017 sagte sie in einem Interview mit dem Deutschlandfunk wörtlich: „Es gibt keine finanziellen Ungereimtheiten, die wir nicht erläutert hätten, die wir nicht erläutern können. Und es gibt auch keine Intransparenz oder irgendwas. Nein, die gibt es nicht." Nur wenige Wochen später tat sich dann ganz plötzlich ein millionen-großes Finanzloch auf. Woher dieses Finanzloch stammt, sollen jetzt Wirtschaftsprüfer feststellen. Schuld an der finanziellen Schieflage seien angeblich vor allem hohe Heizkosten für den zweiten Standort Athen und hohe Sicherheitskosten in Kassel sowie ein Besuchereinbruch im August.

Frau Kuhlenkampff war möglicherweise mit „Wichtigerem“ beschäftigt, als sich nun ausgerechnet um die aktuellen Probleme und Finanzen zu kümmern. Sie sorgte sich mehr um einen möglichen Einfluß der AfD auf die künftige Finanzierung. Denn so Kuhlenkampff in einem Interview mit der HuffingtonPost: „Die Bundeskulturstiftung und damit der Bund ist einer unserer größten Unterstützer, auf den wir sehr angewiesen sind. Hier könnte die AfD mitreden, sobald sie im Bundestag sitzt. Und käme die AfD in Kassel oder Hessen an die Regierung, säße sie auch im Aufsichtsrat der documenta.

Nur gut, daß die gegenwärtigen Aufsichtsratsmitglieder die richtigen Parteibücher haben: es sind je fünf Vertreter der Stadt Kassel und des Landes Hessen und zwei der Kulturstiftung des Bundes.  Aufsichtsratsvorsitzender ist der Kasseler Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD). Er hat laut einem Bericht der Hessenschau bereits mitgeteilt, daß die Stadt Kassel und das Land Hessen bereits vereinbart haben, die Documenta auch für die Zukunft weiter finanziell abzusichern. Auch bei der Verschwendung von Steuergeldern gibt es eben keine Obergrenze. In Kassel genauso wenig wie in Athen.

Ansgar Neuhof ist Rechtsanwalt und Steuerberater mit eigener Kanzlei in Berlin

Leserpost (8)
Moritz Weber / 14.09.2017

Die Documenta war seit ihrer Gründung keine Kunstausstellung, sondern ein politisches Projekt mit den Mitteln der Kunst. Dabei geht es höchst einseitig um Propagierung linker Themen wie Kapitalismuskritik und um den Kampf gegen rechts. Die Verbissenheit, mit der diese Anliegen verfolgt werden, findet in der Kunst seinen Ausdruck. Von “Schönen Künsten” kann nur selten einmal die Rede sein.

Martin Schau / 14.09.2017

Erstaunlich, wie rasch (in Zeiten des Wahlkampfs) Stadt und Bundesland die Geldbörsen öffnen können. Das Zwei-Orte-Konzept war wohl Adam Szymczyks fixe Idee, Annette Kulenkampff eine klassische Geschäftsführungs-Fehlbesetzung. Wir Steuerzahler sollten aber nicht auf allzu viel Einsehen der Verursacher hoffen, sondern eher antikapitalistische Stellungnahmen des Kulturbetriebs erwarten…

Engelbert Gartner / 13.09.2017

Das erinnert mich an die Kindergeschichte von Hans Christian Andersen über des Kaisers neuen Kleider. Die Dokumenta ist nicht nur Pleite sondern auch nackt.

Gerhard Rachor / 13.09.2017

Und wo bleibt hier die Geschäftsführerhaftung oder die Verantwortung der Aufsichtsratsmitglieder? Ein unsägliches Trauerspiel. Wieder wird mit zweierlei Maß gemessen!

Volker Kleinophorst / 13.09.2017

Ja und so fair sind die. Ich hatte in den 90ern mal ein Angebot da als Pressesprecher zu arbeiten. 800 Mark pro Monat, Bett in einer Jugendherberge. Man sieht, die können schon sparen, aber nicht bei sich selbst. Habs nicht gemacht, is klar.

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