Rainer Bonhorst / 25.01.2018 / 15:30 / 10 / Seite ausdrucken

Wenn in den Alleen Zuckerpuppen geküsst werden

Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer? Mich plagt das ungute Gefühl, dass nicht jeder auf Anhieb den schlimmen Sexismus dieser Dichterworte versteht. Darum möchte ich eine kleine Interpretationshilfe anbieten, die klarmacht, warum die Alice-Salomon-Hochschule diesen Text von ihrem Portal entfernen musste. Womit fange ich an? Mit dem übelsten der vier Wörter: Bewunderer.

Was ist denn ein Bewunderer der Frauen? Im Zeitalter der Gleichheit ist er zunächst einmal ein Mann von gestern. Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs. In Wahrheit ist ein Bewunderer nichts anderes als ein frecher Voyeur. Die im Gedicht erwähnte Allee erhärtet diesen Verdacht: Es liegt doch auf der Hand, dass sich der Bewunderer (Voyeur) in der Allee hinter den Bäumen versteckt, um sich dann – vermutlich mit einem Blumenstrauß als Lockmittel – über die Frau herzumachen.

Aber ist mit der Alleen-Blumen-Frauen-Bewunderer-Sequenz der Gipfel des Sexismus erreicht? Keineswegs. Ich möchte zwei noch weitaus erschütterndere Beispiele anführen.

Beispiel eins: Was hat sich Bill Ramsey dabei gedacht, als er in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts von der „Zuckerpuppe aus der Bauchtanzgruppe“ sang, von der angeblich ganz Marokko spricht? Ja, wenn er es wenigstens dabei belassen hätte. Aber nein, er singt dann auch noch von der „kessen Biene mit der Tüllgardine vor dem Babydoll-Gesicht.“ Da wird die Frauenwelt zusammen mit der Welt des Islam in einem Abwasch verunglimpft. Denn Ramsey singt weiter: „Da staunt der Vordere Orient, da staunt der Hintere Orient, da staunt ein jeder, der sie kennt. Und mancher Wüstensohn, hat sie (die Zuckerpuppe) schon als Fata Morgana gesehen.“ Man kann sich nur wundern, mit welchem Gedankengut sich eine Generation beschäftigte, die heute noch als älteres Semester unter uns weilt.

Oh, welcher Horror

Schlimmer geht es nimmer. Oder doch? Franz Lehar treibt es in seiner Operette „Paganini“ tatsächlich noch wüster. Ich kann mein Entsetzen kaum beschreiben, als ich neulich dank Youtube Augen- und Ohrenzeuge wurde, wie Jonas Kaufmann ein Lied aus dieser Operette sang, dessen sexistische Wucht die Mauern der Alice-Salomon-Hochschule zum Einsturz bringen müsste.

Ich zitiere, so sehr sich die Tastatur meines Computers auch sträubt: „Gern hab ich die Frau'n geküsst, hab nicht gefragt, ob es gestattet ist.“ Solche Worte kann doch nur ein Unhold singen. Ein klarer Fall für die Me-too-Bewegung. Aber es kommt noch schlimmer. Der singende Kuss-Belästiger fährt unverhohlen fort: „Dachte mir, nimm sie dir, küss sie nur, denn dazu sind sie hier!“

Oh, welcher Horror. Meine Hände sind schweißnass vom Schreiben dieser Zeilen. Und das schlimmste ist: Das überwiegend weibliche Publikum klatschte dem politisch entsetzlich unkorrekten Sänger schmunzelnd Beifall. Diese Damen waren offenbar einer vergangenen Zeit verhaftet, in der die Kunst noch frei und heiter schreiben und singen durfte, was ihr in den Sinn kam.

Die Alice-Salomon-Hochschule hat gegen diesen gestrigen Freiheitsbegriff ein energisches Zeichen gesetzt.

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Leserpost (10)
Ilse Polifka / 25.01.2018

Um Gottes Willen, was haben Sie getan ! Jetzt wird sicher die Operette Paganini verboten.

Wolf-Dieter Schmidt / 25.01.2018

Muss ich jetzt meinen Vater exhumieren und in eine verschämte Ecke des Friedhofs verlegen lassen? Der hatte doch tatsächlich dieses rassistisch-sexistische Liedchen auf einer Schallplatte. Schreckliche Gedanken!

Wilfried Cremer / 25.01.2018

Man braucht Ersatzmonster, wenn echte nicht ins Weltbild passen.

Wolfgang Schreck / 25.01.2018

Um zu verhindern, dass beispielsweise “sexistische” Texte an Schulaussenwänden angebracht werden oder die “falschen” Musikgruppen ihr Liedgut verbreiten oder Kabarettisten kritisch und deshalb womöglich in zu wenig “politisch korrekter” Gesinnung und Haltung auftreten, scheint es dringend an der Zeit, eine entsprechende Behörde im Maas-Ministerium, vielleicht im Zuständigkeitsbereich von Frau Kahane, einzurichten. Alles, was in die Öffentlichkeit gelangen soll, müsste zuvor einer Unbedenklichkeitskommission oder entsprechenden Untergruppierungen vorgelegt werden. Änliches gab es alles schon einmal und es scheint wieder soweit zu sein,, als dass sich solche Überlegungen wieder mainfestieren wollen. Möge es uns erspart bleiben.

Marla Arbogast / 25.01.2018

Bei einer Podiumsdiskussion an dieser Schule über Prostitution, die natürlich ausschließlich Frauen als Opfer und Männer als Täter “erkannte”, wagte ich den Gedanken, dass Männer die 40-50 Berufsjahre Straßen asphaltieren, Müll entsorgen und die Kanalisation reinigen, dies auch nicht ganz freiwillig machen, wurde ich von den anwesenden “Damen” in unfaßbarer Fäkalsprache beschimpft und bedroht. Solch verbale sexuelle Angriffe und Gewaltandrohung habe ich noch nie von einem Mann erlebt. Bezeichnend, dass mir keine Frau half. Nur der Hausmeister und ein älterer Dozent gaben mir “Geleitschutz” zu meinem Fahrrad.

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