Rainer Bonhorst / 02.12.2017 / 12:30 / Foto: Rainer Zenz / 8 / Seite ausdrucken

Wenn der Döner zum Diesel wird

Droht der Döner, eine unserer führenden multikulturellen Speisen, zum Diesel, also zum Buh-Mann der Nahrungsmittelindustrie zu werden? Der türkische Fleischspieß hat zwar noch eine Gnadenfrist bis tief ins nächste Jahr hinein. Aber was ist ein Jahr im Angesicht europäischer G'schafterhuber! Wenn sich Europapolitiker mal in eine Sache verbissen haben, lassen sie ihr Opfer, nach Kampfhund-Art, nicht mehr los.

Beim Diesel ist das Stickoxyd der Belzebub, beim Döner das Phosphat, das offenbar auch – wie fast alles – schlecht für die Gesundheit ist. Fachleute sagen, ein Döner ohne Phosphat fällt in sich zusammen und bleibt innen roh wie ein blutiges Steak. Mit anderen Worten: Ohne Phosphat kein Döner. Zwar strotzen andere Lebensmittel auch von Phosphat, aber die dürfen das. Nur der Döner droht – dank der Kunst europäischer Meisterpolitiker - Opfer einer Verordnungslücke zu werden. Ob diese Lücke noch gestopft und der Döner gerettet werden kann, ist offen. Ich sehe angesichts der Verbissenheit vieler Eurokraten eher schwarz.

Käme es zum Döner-Tod, so wäre das für mich eine persönliche Katastrophe, da ich mir gerne und oft etwas von dem Spieß abschneiden lasse. Aus mehreren Gründen. Erstens halte ich den Döner für die exportfähigste Errungenschaft der islamischen Welt. Zweitens ist mir das Zeug sympathisch, weil Gesundheitsapostel vor dem Verzehr warnen. Und drittens ist das Döner-Restaurant der Ort schlechthin, an dem Okzident und Orient entspannt und genussvoll zusammenfinden. Es lohnt sich also meiner Meinung nach, den Gesundheits-Nannys in der Causa Döner den Kampf anzusagen, auch wenn der Zeitgeist uns ständig zur weiteren Gesundung zwingen will, obwohl wir in der gesündesten Welt aller Zeiten leben.

Rettet Erdogan den Döner?

Völlig aussichtslos ist der Kampf für den Döner zum Glück nicht. Schließlich handelt es sich hier um ein türkisches Kulturgut, das unter dem besonderen Schutz eines der starken Männer unserer Tage steht. Recep Tayyip Erdogan wird einen europäischen Angriff auf den Döner als einen Angriff auf die türkische Kultur-Souveränität empfinden. Schließlich betrachtet er alle Türken in Deutschland, also auch die Mitarbeiter der europäischen, vor allem der deutschen Dönerwirtschaft als innertürkische und somit seine Angelegenheit.

Zwar muss man davon ausgehen, dass Döner-Restaurateure, die mit der Gülen-Bewegung sympathisieren, nicht auf seine Unterstützung hoffen können. Insgesamt aber dürfte der deutsche Dönerfreund in Erdogan einen mächtigen Mitstreiter finden. Natürlich wäre in diesem Konflikt eine weitere schwere Belastung des deutsch-türkischen Verhältnisses absehbar. Ich meine aber: Für den Döner können, ja müssen wir das in kauf nehmen. Zumal ich vermute, dass Angela Merkel als prominenteste Gegenspielerin Erdogans den Döner nicht für alternativlos hält.

Warten wir also ab. Bleibt noch die Frage, wer hinter der Attacke auf den Döner wirklich steckt. Die Wächter über unsere Gesundheit dürften – wie beim Diesel – nur ein Teil der Geschichte sein. Sie spielen wohl eher die Rolle von nützlichen Idealisten.

Beim Diesel vermute ich die Batterie-Wirtschaft als eigentliche Drahtzieher, die ihr schwer zu entsorgendes, also ziemlich umweltschädliches Produkt endlich aus seinem automobilen Schattendasein ins Zentrum des mobilen Geschehens führen wollen. Hinter dem Angriff auf den Döner vermute ich Guerilla-Kämpfer der Currywurst-Wirtschaft, die ihre frühere nationale Alleinstellung zurück erobern wollen. Dies schein mir jedenfalls im Norden und Westen Deutschlands der Fall zu sein. In Bayern habe ich eher die Schweinshaxen-Industrie im Verdacht. Jedenfalls können die Currywurst-Nordlichter und die Schweinshaxen-Südlichter eine ausgesprochen schlagkräftige Allianz gegen den gesamtdeutsch-türkischen Döner bilden.

Ich fürchte, es droht ein Kampf bis aufs Messer. Oder ist ein Kompromiss denkbar? Wohl kaum. Weder Curry-Döner noch Döner-Haxe wären überzeugende Alternativen.

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Leserpost (8)
Fritz Hoffmann / 03.12.2017

Den Dönerverlust kann doch Positives bewirken. Wir können auch gleich noch die EU retten. Gyros statt Döner. Griechenland gewinnt wieder an Höhe, zumindest beim Grillspieß. Heureka!

Holger Jahn / 03.12.2017

[[ Erstens halte ich den Döner für die exportfähigste Errungenschaft der islamischen Welt ]] LOL! Ich will die Brat- und Knackwurst zurück! :-) Gekocht/gebraten von islamischen Nobelpreisträgern.

Michael Jansen / 03.12.2017

Schade, jetzt wollte ich mir noch ein paar hübsche pointierte Bemerkungen über den Regulierungs- und Bevormundungswahn der von niemandem gewählten EU-Bürokraten einfallen lassen, aber da hat mir der Autor doch glatt die Arbeit abgenommen und die Sache trefflich auf den Punkt gebracht. Sehr gut!

Mike Loewe / 03.12.2017

Da es sich um ein multikulturelles Gut handelt, werden unsere Politiker dieses sicher retten wollen und sämtliche Hebel in Bewegung setzen, die Gesetze passend hinzubiegen.

Karin Adler / 02.12.2017

Lieber Herr Bonhorst, ich werde den Döner nicht vermissen. Trotzdem tut es mir natürlich leid für die, die ihn gerne essen. Die türkische Küche hat viel mehr zu bieten und ich finde viele andere Sachen lecker. Bei unserer Wurstbude steht auf der Karte hinter “Bratwurst” immer eine kleine Zahl, die bedeutet, dass in der Wurst Phosphat ist. Auch viele Wurstsorten enthaltes es. Vermutlich ist es der Beginn unseres Weges zum erzwungenen Vegetarier - den Grünen sei Dank. Also in der nächsten Zeit so oft als möglich noch die geliebten Speisen essen, bevor sie verschwinden.

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