Marisa Kurz / 01.12.2017 / 06:29 / 2 / Seite ausdrucken

Welt-AIDS-Tag: Was Sie heute über HIV wissen sollten

In Deutschland sind aktuell etwa 88.400 Menschen mit dem HI-Virus infiziert. Rund 56.100 der Betroffenen sind Männer, die Sex mit Männern haben, etwa 11.200 sind Heterosexuelle und etwa 8.200 intravenöse Drogengebraucher. Im Jahr 2016 haben sich etwa 3.100 Menschen in Deutschland mit HIV infiziert. Deutschland gehört damit zu den Ländern mit den niedrigsten HIV-Neuinfektionsraten in Europa. Die Zahl der Neuinfektionen blieb im Vergleich zum Jahr 2015 in etwa konstant. Die Neuinfektionen bei Männern, die Sex mit Männern haben, nahmen leicht ab, die bei Heterosexuellen und Drogengebrauchern leicht zu (Siehe hier)

Obwohl sich seit den 80er Jahren in puncto HIV viel getan hat, sind viele Menschen noch heute unsicher, wie sie mit HIV-Positiven umgehen sollen. Kein Wunder, denn viele von ihnen haben noch nie jemanden kennengelernt, von dem sie wissen, dass er infiziert ist. Wie also mit einem HIV-Positiven umgehen? Die Antwort könnte nicht einfacher sein: ganz normal.

HIV wird nicht durch Speichel oder Hautkontakt übertragen. Mit HIV-Positiven aus einem Glas zu trinken, mit ihnen zu kochen, mit ihnen in einem Bett zu schlafen, sie zu umarmen, zu küssen oder ihre Hände zu schütteln, birgt kein Infektionsrisiko. Nur bei Kontakt mit Sperma, Vaginalsekret oder Blut ist Vorsicht geboten. Wenn diese Körperflüssigkeiten eine Eintrittspforte in den Körper finden (z. B. durch kleine Schleimhautläsionen bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr, durch Injektionsstiche oder offene Wunden), ist eine Ansteckung möglich.

Eine normale Lebenserwartung ein normales Leben

Dass eine Infektion mit HIV ein Todesurteil ist und Infizierte elendig dahinsiechen wie Tom Hanks im Oskar-gekrönten Film Philadelphia, ist noch immer ein weit verbreiteter Mythos. Tatsächlich können die modernen HIV-Medikamente die Vermehrung des Virus im Körper so gut stoppen, dass Infizierte ohne zusätzliche Erkrankungen inzwischen eine normale Lebenserwartung haben. Anders sieht es aus, wenn Infizierte keinen Zugang zu Medikamenten haben. In Deutschland ist das zum Glück aber nicht der Fall.

Unter der Therapie ist die Vermehrung der Viren sogar so stark lahmgelegt, dass sie in Blut und anderen Körperflüssigkeiten oftmals gar nicht mehr nachweisbar sind. Einige Experten sind sich deshalb schon seit Jahren sicher, dass HIV-Positive, die ihre Medikamente gewissenhaft einnehmen und regelmäßig ihre Blutwerte kontrollieren lassen, sogar ungeschützten Geschlechtsverkehr mit ihren gesunden Partnern haben können, ohne sie anzustecken. Partnerstudien belegen diese Annahme.

HIV-Medikamente können außerdem eine Übertragung des Virus von einer Mutter auf ihr Kind verhindern. Mit HIV ist eine normale Familienplanung heutzutage also möglich. Am meisten leiden HIV-Positive in Deutschland unter der Stigmatisierung und den Nebenwirkungen der lebenslangen Therapie.

Geschätzte 12.700 von 88.400 HIV-Positiven in Deutschland wissen nicht, dass sie infiziert sind – zum Nachteil für sie und andere. Heute ist bekannt, dass die antivirale HIV-Therapie am besten wirkt, wenn sie so früh wie möglich begonnen wird. Außerdem kann die Ansteckung weiterer Personen verhindert werden, wenn Infizierte von ihrer Infektion wissen und sich behandeln lassen.

Gesundheitsämter bieten anonyme, kostenlose HIV-Tests an. In verschiedenen Großstädten bieten AIDS-Hilfen sogar einen anonymen Schnelltest an, mit dem eine HIV-Infektion innerhalb einer halben Stunde mit einer großen Sicherheit ausgeschlossen werden kann. Die Ergebnisse von HIV-Tests sind allerdings erst einige Wochen nach dem Risikoereignis aussagekräftig.

Die Stigmatisierung von HIV-Positiven

HIV-Positive berichten immer wieder, dass sie im Alltag diskriminiert werden. Besonders im Gesundheitswesen, obwohl es gerade medizinisches Personal besser wissen sollte. Als ich im letzten Jahr auf der Achse einen Artikel über die unverhältnismäßige Stigmatisierung von HIV-Positiven gegenüber Betroffenen anderer „selbstverschuldeter“ Krankheiten veröffentlicht habe, haben sich in den Kommentarspalten auf meinem Facebook-Profil ungeahnte Abgründe aufgetan. Neben zahlreichen homophoben Kommentaren, wie etwa der Behauptung, dass HIV nur bei sadomasochistischen Praktiken zwischen Homosexuellen übertragen würde, forderte ein User, HIV-Positiven das Wahlrecht und den Führerschein zu entziehen. Mit der Begründung, dass HIV-Positive gezeigt hätten, dass sie mit ihrer Mündigkeit nicht verantwortungsvoll umgehen können.

Auch wenn die Vermehrung des HI-Virus im Körper von Infizierten heutzutage effektiv eingedämmt werden kann, ist eine langfristige Heilung von HIV im Moment nicht in Sicht. Denn HI-Viren, die in Körperzellen „schlummern“ und sich gerade nicht vermehren, werden durch die Medikamente nicht beeinflusst. Bisher gibt es keine Möglichkeit, die schlummernden Viren aufzuwecken und aus infizierten Zellen zu entfernen. Auch eine Impfung gegen HIV ist schwierig zu entwickeln. Unter anderem, weil das Virus sich ständig sehr stark verändert. Es fehlt sozusagen eine „Konstante“ an dem Virus, gegen die das Immunsystem trainiert werden könnte.

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Leserpost (2)
Hartmut Beucker / 01.12.2017

Wenn schon 12.700 der HIV-Positiven selbst von der Krankheit nichts wissen, wieso wissen wir das dann?

Paul Braun / 01.12.2017

Informativ und danke dafür. Wußt ich alles so nicht.

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