Reinhard Schlieker, Gastautor / 26.05.2013 / 18:45 / 0 / Seite ausdrucken

Welch ein Skandal!

Reinhard Schlieker

Es wird Zeit, sich einmal ernste Ge-danken zu machen. Wir erleben seit eini-ger Zeit ein Phänomen, das uns Rätsel aufgeben sollte, et- was, das vielleicht überhaupt nur in einer phänome-nalen Zeit wie der unsrigen denkbar und möglich ist: die Schwellensenkung des Skandals. Zwar gibt es das Wort und da- mit auch den Sachverhalt mindestens seit alt-griechischer Zeit: „skandalon“, das Ärgernis, das Anstoß Erregende; zu uns kam es, glaubt man den Sprachforschern, über Frankreich (Ausgerechnet! Ein Skandal!).

Möglicherweise also gab es vor diesem Wort- import bei uns keine Skandale? Das würde zu den ungerührten, wenn auch dabei etwas grob geschnitzten Germanen schon passen: Bevor etwas zum Ärgernis werden konnte, hatten sie die Sache sicher schon mit der Keule erledigt. Das waren die Zeiten der kla-ren Ansage, und die sind ganz offensichtlich vorbei. Anders das schon vom Grundsatz her stets pikierte 19. Jahrhundert; und im 20. löste ein Krieg den nächsten ab, dazwischen Pleiten, Inflationen und Straßenschlachten, ehe man seit den 50er-Jahren sich wieder etwas beruhigte und die Hürde für einen echten, bundesweit beachteten Skandal wie-der höher gelegt wurde.

Damit ist es vorbei, heute sind wir empfindlich wie sonst was, leben sehr viel bewusster und aufmerksamer und werden dabei von Massenmedien, vor allem dem Internet, beherzt unterstützt. Uns entgeht kein Lüftchen von einem anstößigen Ereignis mehr, und da Aufregung stets gut für den Kreislauf ist, machen wir reichlich Gebrauch von den sich bietenden und ge-gebenenfalls zu schaffenden Gelegenheiten. Weitgehend skandalfreie Zwischenzeiten gibt es nicht mehr. Unsere Gesellschaft ist derart alert, dass beispielsweise die Eröffnung eines rosafarbenen Hauses in Berlin mindestens ebenso skandalös gerät wie die Nichteröffnung eines Flughafens ebendort.

Eine zugegebenermaßen recht kleine, aber laute Gruppe junger Leute, teils vollständig bekleidet, hat die kommerzielle Ausrichtung und die politisch fragwürdige Präsenz eines „Barbie-Hauses“ zum Anlass genommen, heftig zu protestieren. Der US-Spielwarenher-steller Mattel erdreistet sich dort, auf selbst bezahltem Grund und Boden eine Verkaufs-ausstellung seines Produkts zu errichten und gegen Eintritt den Kindern (Zielgruppe) und ihren Eltern (mitgefangen, mitgehangen) seine Kollektion vorzuführen, in rosa, wie es so Brauch ist.

Der bewaffnete Arm des Feminismus hat mit Feuer und Schwert und Kreuz dagegen anzugehen versucht und die ideologisch korrekte Unterstützerszene redet sich in „Spiegel“ und „Cicero“ mit Feuer und Flamme schwindlig, was für ein rückschritt- licher Geschlechterbegriff wohl bei Mattel herrsche (rosa!), obwohl Mattel doch firmenintern sicher alle Gleichstellungsvorschriften beachtet. Aber gendermäßig kann das nie rei-chen, denn Geschlechter gibt es wie Sand am Meer, und wer das nicht glaubt, soll einmal die Diskussion um öffentliche Prenzlauer-Berg-Klos verfolgen, da bleibt kein Auge trocken.

Leider, leider, ist so eine Debatte ja schnell vorbei und nicht einmal der Fakt, dass Barbie-Puppen ursprünglich eine deut- sche Erfindung sind, hat genügt, um auch die Antifa-Gruppen aus dem Tiefschlaf zu holen (von rosa bis braun ist doch bekanntlich nur ein kleiner Schritt). Wir müssen also auf den nächsten Rächer der Enterbten warten, auf den nächsten Skandal. Irgendwie kriegen wir die fiesen Kapitalisten schon. Vielleicht so etwa: „Widerlich: Fett in Butter nachgewie-sen!“ Foodwatch, übernehmen Sie!

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