Gastautor / 23.12.2012 / 19:07 / 0 / Seite ausdrucken

Weihnachtliche Gedanken über Gott, Grimms Märchen und Gender

Reinhard Schlieker

Das Jahr endet – kaum irgendwo mit einer versöhnlichen Note, aber was soll man sich beklagen, wo doch immerhin der Weltuntergang ausgefallen ist. Trotzdem sorgte der für reichlich Beschäftigung in etlichen Medien. Der sich Nachrichtensender nennende Kanal N24 bekam zeitweise gar nicht genug von all den Untergangsfantasien. Dazwischen sendete er peinliche Youtube-Videos mit als Weihnachtsmännern verkleideten Leuten, die allerlei Tänze aufführten. Unterzeile: „Weihnachten im Internet“.

Nun ja. Man könnte auf den Gedanken kommen, dass das Internet irgendwie das Gleiche, aber auch das Gegenteil dessen ist, was man früher als geschlossene Anstalt bezeichnet hat: Was drinnen vorgeht, ist dasselbe geblieben, nur dass man das Innerste nach außen gekehrt hat wie einen gewendeten Mantel. Weihnachtsmantel sozusagen. Und N24 bringt es denen, die keinen Computer haben. Also, da nichts untergegangen ist außer dem gesunden Menschenverstand, können wir a) feststellen, dass nun wieder die Zeugen Jehovas ihre Chance haben, und b) wir uns weiterhin mit den wirklich wichtigen Fragen der Menschheit befassen können, als da wären: Gender Mainstreaming, Geschlechterforschung und politische Korrektheit.

Unser aller Familienministerin hat sich in die Untiefen zweier gefährlicher Loch-Ness-Entitäten begeben, nämlich der Religion und des Feminismus. „Die Gott“ will sie künftig sagen lassen, und das erinnert doch sehr an den Spruch, der schon in den 70er-Jahren nicht mehr ganz taufrisch war: „Als Gott den Mann erschuf, übte sie bloß.“ In der Tat aber gibt es am Rande der Gesellschaft, den meisten bislang gnädig verborgen bleibend, eine ganze Fachrichtung, die an behüteten Universitätsinstituten daran forscht, wie viele Geschlechter es eigentlich gibt, und die sich dabei von derlei Kleinkram wie der Biologie nicht stoppen lässt. Weil man gerade dabei ist zu definieren, wer sich wie geschlechtsmäßig so fühlt und einordnet, nimmt man auch noch andere Merkmale fortgesetzter Diskriminierung unter die Lupe und ermittelt in Richtung „Weißseinsbewusstsein“ (das hat was mit Hautfarbe zu tun) und sonstigen Buntheiten der Menschheit. In diesen Kreisen also will sich Ministerin Schröder mitdrehen, ein fröhlicher Reigen selbstreferenzieller Fortschrittlicher, die der Menschheit (DIE Menschheit, immerhin!) den Weg weisen werden, wenn sie dereinst in den Alltag ausgebrochen sind wie jene aus der geschlossenen Anstalt. Schon heute aber dürfen sie ohne Scham CDU wählen, denn Frau Schröder kennt bei Modernität keine Gnade und schleift jedes Tabu, beispielsweise wenn Grimms Märchen die böse Hexe (besser: weise Frau) erwähnen und Wilhelm Busch dicklippige Schwarze (besser: Weißseins-Diskriminierte) zeichnet, Pippi Langstrumpf einen Negerkönig zum Vater (typisch! Vater!) hat, und dass die AutorInnen alle tot sind, ist noch lange keine Entschuldigung. Jedem das Seine und mir einen Frauenparkplatz. Darauf einen Schaumkuss!

Das alles wäre nicht mehr als eine Büttenrede wert, wenn es nicht tatsächlich greifbare wirtschaftliche Auswirkungen hätte – denn verqueres Denken, egal woher,  behindert irgendwann auch den Alltag und die beruflichen und persönlichen Chancen der Menschen.  Von den Kosten ganz zu schweigen (was zahlen wir noch mal einer Ministerin im Monat?). Und wenn erst einmal die EU-Bürokratie mitkriegt, welcher Schwachsinn da noch ihrer Regulierung harrt, dann gnade uns die Gott. Aber – vielleicht geht dieser Kelch an uns vorüber, und wie sagte der Maya wohl sicher, lebte er denn noch: Es ist längst nicht aller Tage Abend. Aber immerhin bald Heiligabend.

Zuerst erschienen bei Börse am Sonntag

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