Gerd Buurmann, Gastautor / 09.02.2018 / 10:00 / Foto: unbekannt / 10 / Seite ausdrucken

Weiberfastnacht im Iran

Gestern war Weiberfastnacht oder, wie es die Kölnerinnen zu sagen pflegen: Wieverfastelovend. An diesem Tag beginnt in Köln der sogenannte Straßenkarneval. Alle geraten völlig außer sich, singen, saufen, urinieren, schunkeln, fressen, vomitieren. 

Der Kölner Straßenkarneval ist ein ganz besonderer Brauch und kann außerhalb des Rheinlands, wo man obergäriges Bier aus Reagenzgläsern trinkt und ein dunkles Brötchen mit Blutwurst als Kölsche Kaviar verkauft, keinem vernünftigen Menschen unterhalb der 2,11 Promillegrenze erklärt werden. 

Der Wieverfastelovend hat eine lange Geschichte und diverse Bräuche. Der bekannteste und noch heute gültige Brauch besteht darin, dass Frauen das Kölner Rathaus stürmen und Männern die Krawatten abschneiden. Durch diese symbolische Handlung wird Frauen für einen Tag im Jahr die Macht zugestanden. Der Brauch der Übernahme der Macht von Frauen wurde schon im Mittelalter gepflegt, also zu einer Zeit, als die Frauen den Männern in allem untergeordnet waren und Männer die Geschlechtsvormundschaft über Frauen ausübten. Der Wieverfastelovend galt somit als „verkehrte Welt“. 

Obwohl heute mit Henriette Reker eine Frau Oberbürgermeisterin der Stadt Köln ist und somit die oberste Macht in den Händen einer Frau liegt, stürmen immer noch Frauen das Kölner Rathaus. Es wäre zwar logisch und nur konsequent, wenn in einer Zeit, da eine Frau das höchste Amt der Stadt bekleidet, Männer das Rathaus stürmen würden, aber im Kölner Karneval sind Traditionen und Dogmen noch schwerer zu ändern als in der katholischen Kirche. Da braucht es schon schwere Geschütze. Hier mal beispielhaft fünf große Veränderungen im Kölner Karneval.  

Fünf große Veränderungen

Erste große Veränderung: Ursprünglich hieß „Prinz Karneval“ noch „Held Carneval“. Das aber änderte sich mit der Gründung des Deutschen Reiches im Jahr 1871, wohl weil der Kaiser des neuen Deutschen Reichs nur einen Helden im Reich akzeptieren konnte, nämlich sich selbst. 

Zweite große Veränderung: Die offiziellen Regenten über das närrische Volk, der Prinz, der Bauer und die Jungfrau, sind heute unter dem Wort „Dreigestirn“ bekannt, hießen aber ursprünglich noch „Trifolium“. Die Namensänderung wurde von den Nazis vollzogen. Sie wollten lieber ein deutsches Wort haben, statt des lateinischen Wortes für „Kleeblatt“. Die Nazis vollzogen auch die dritte große Veränderung.

Dritte große Veränderung: Bis zu den Nazis wurden die Jungfrau im Trifolium und das Funkemariechen stets von Männern dargestellt. Erst unter dem Regime der Nationalsozialisten wurden die Rollen von Frauen übernommen, wohl um Anzüglichkeiten homosexueller Anspielungen auszuschließen. Nach den Nazis wurde die Rolle der Jungfrau wieder von Männern übernommen. Das Funkemariechen aber blieb weiblich, bis heute.

Vierte große Veränderung: Die Roten Funken sind das älteste Traditionscorps im Kölner Karneval und nahmen als Garde bereits am 10. Februar 1823 am ersten Kölner Rosenmontagszug teil. Seit der Gründung sind die Roten Funken ein reiner Männerverein. Laut Satzung aber wird der jeweilige Oberbürgermeister der Stadt Köln automatisch Mitglied. Da im Jahr 2015 mit Henriette Reker erstmals eine Frau das Amt des Oberbürgermeisters bekam, wurde sie das erste weibliche Mitglied und durfte somit beim Regimentsappell im Maritim mit den Rekruten den Eid auf die Fahne schwören: „Bei Öllig, Böckem, ähde Nötz …“

Fünfte große Veränderung: Eine der wohl feministischsten Bräuche des Kölner Karnevals ist heute vollkommen verschwunden, nämlich das „Mötzenbestot“. Im 18. und 19. Jahrhundert skandierten Frauen an Wieverfastelovend um genau zwölf Uhr mittags auf dem Alter Markt den Schlachtruf „Mötzenbestot“, was in etwa sowiel bedeutete wie: „Runter damit, heute tue ich, was ich will.“ Dabei rissen sie sich ihre Bedeckungen vom Kopf. Ein Chronist der Zeit schrieb:

„Am tollsten war dies Treiben auf dem Altermarkt unter den Gemüseweibern, den Verkäuferinnen und den Bauern, oft ein wahrer Mänadentanz.” 

Lose Frauenzimmer oben ohne

Der Brauch rührt daher, dass am Rhein noch bis ins 19. Jahrhundert für Frauen ein Zwang zur Kopfbedeckung bestand. Die Hauben auf dem Kopf gaben Aufschluss darüber, ob eine Frau schon verheiratet, also unter der Haube, war oder ob sie „noch zu haben war“. Die Haube galt als Zeichen der Frauenwürde und der Wohlanständigkeit. Eine Frau ohne Kopfbedeckung galt als „loses Frauenzimmer“. In manchen Kulturen ist das heute noch so. Im Islam zum Beispiel gilt das Kopftuch als politisches Zeichen, das die durch patriarchale Strukturen definierte Würde und Ehre der Frau schützen soll. Daher findet im 21. Jahrhundert das Mötzenbestot auch im Iran statt.

Seit Wochen stürmen Frauen auf die Straßen des Iran und reißen sich demonstrativ ihre Kopftücher vom Haupt. Sie demonstrieren damit gegen den im Iran herrschenden Kopftuchzwang für Frauen und die alltäglichen Verfolgungen und Gewalttaten gegen Frauen. Mittlerweile hat die Polizei im Iran schon mehrere Frauen festgenommen, weil sie ihr Kopftuch ausgezogen haben. Einige von ihnen trugen die Kopftücher demonstrativ auf Stöcken vor sich her. 

Im April 2017 erklärte der österreichische Bundespräsident Alexander Van der Bellen:

„Wir werden noch alle Frauen bitten müssen, Kopftuch zu tragen, aus Solidarität mit jenen, die es aus religiösen Gründen tragen.“

Wäre es jetzt nicht an der Zeit, mal alle Frauen zu bitten, ihr Kopftuch abzunehmen, aus Solidarität mit jenen, die eingesperrt werden, weil sie das Kopftuch nicht tragen wollen? Wäre es nicht an der Zeit, dass alle Frauen nicht nur in Köln, egal zu welcher Religionsgemeinschaft sie gehören, laut „Mötzenbestot“ rufen, um sich dabei die Kopfbedeckungen vom Leibe zu reißen?

Die Frauen wollen das! Wirklich?

Natürlich wäre es an der Zeit, aber die Realität sieht leider anders aus. Statt sich solidarisch zu zeigen mit den Frauen im Iran, die unter Einsatz ihres Lebens ein „Mötzenbestot“ wagen, wirbt Katjes mit einer Frau unter’m Kopftuch für Fruchtgummis, bietet Mattel eine Barbie mit Kopftuch an, lässt der Kinderkanal KiKa ein Mädchen probeweise einen Tag lang mit Kopftuch herumlaufen und ziehen sich die vermeintlich feministischen Frauen der europäischen Regierungen demütig das Kopftuch über, jedesmal, wenn sie zu den Thronen der islamo-faschistischen Diktatoren pilgern. 

In keinem Land der Welt wird eine Frau ermordet oder gesteinigt, weil sie ein Kopftuch trägt. In vielen islamischen Ländern jedoch bedeutet für Frauen das Nichttragen einer Kopf- und Körperverhüllung Gefahr für Leib und Leben. Auch in Europa ist es für Musliminnen gefährlicher, sich gegen das Kopftuch auszusprechen als dafür. Sogenannte „Ehrenmorde“ gibt es auch in Europa.

Dennoch kämpfen mehr Frauen und Männer in der deutschen Politik für das Tragen des Kopftuchs als für das Recht, das Kopftuch ablegen zu dürfen. Wenn man sie fragt, warum, dann antworten sie stets mit der gleichen Floskel: „Die Frauen wollen das Kopftuch tragen.“ Sie merken dabei nicht mal mehr, dass sie klingen wie ein Zuhälter, der Frauen benutzt, verkauft und versklavt, aber dabei im Brustton der Überzeugung sagt: „Die Frauen wollen das!“

Ja, Frauen wollen eine ganze Menge und jede Frau will was anderes. Das ist auch gut so, denn das ist Emanzipation und Selbstbestimmung. Allerdings erleben nicht alle Frauen die gleiche Unterstützung. Zur Zeit, zum Beispiel, zeigen viel zu viele Frauen in Europa ihren Geschlechtsgenossinnen im Iran, die ein „Mötzenbestot“ wagen, die kalte Schulter. Allerdings ist diese kalte Schulter von einem Kopftuch bedeckt. 

Foto: Unbekannt

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Leserpost (10)
Elmar Schürscheid / 09.02.2018

Was für ein “toller” Artikel. Er spricht aus dem Herzen der Kölner Seele. Verstehen kann dies nur jemand der dort geboren wurde. Doch geht es wieder in Richtung Mittelalter. Alles was Napeleon eingedämmt hat, und sogar verboten hat,  scheint sogar Salonfähig zu werden. Wer fährt schon noch nach Köln zum Karneval? Die Zeiten sind vorbei.

Hanna Hilligardt / 09.02.2018

Und bei uns wird so getan wird, als wäre es eine freie Entscheidung aller kopftuchtragenden Frauen. Damit entledigen wir uns der gesellschaftlichen Auseinandersetzung im Sinne der Gleichberechtigung. Die richtige Frage wäre doch, was passiert, wenn eine Frau ihr Kopftuch ablegen möchte? Die Reaktionen auf diese Frage in den islamischen Kreisen würde die Freiwilligkeit des Kopftuchtragens mehr als in Frage stellen (siehe dazu auch Iran). Was ich nicht für denkbar gehalten hätte und was ich mir inzwischen durchaus vorstellen kann ist, dass wir in nicht mehr so fernen Tagen von unseren weltoffenen und toleranten Politikern ermuntert werden, dass doch alle Frauen ein Kopftuch umbinden und verhüllen sollen, damit wir vor Belästigungen sicher und wir als ehrbare Frauen zu erkennen sind. Und einmal im Jahr zum Karneval dürfen wir uns alle das Ding vom Kopf reißen.  

Georg Dobler / 09.02.2018

Das große “Warum” stellt sich in Deutschland leider oft in letzter Zeit. Und schlimmer ist noch, dass wenn man “warum” fragt man dann auch noch in die rechte Schmuddelecke gestellt wird. Gerne würde ich den Herrn Schulz fragen, wenn er denn mit mir sprechen würde, warum es sozialdemokratisch ist, bedenkenlos und unbegrenzt mittellose Menschen aus fremden Ländern aufnehmen zu wollen, die aus den von Arbeitnehmern mit in- und ausländischem Pass gefüllten Sozial- und Steuerkassen bedient werden. Wenn er sagen würde: “Aus christlicher Menschlichkeit”, O.K. Aber dies will er ja als Sozialdemokrat tun, während die christlichen Parteien beim Zuzug zurückhaltender sind. Also: Was ist daran sozial, was sozialdemokratisch? Warum will er Politik für Fremde und nicht für hier Lebende und Arbeitende? Warum?

Dr. Ralph Buitoni / 09.02.2018

Die Kopfbedeckung als Zeichen der Wohlanständigkeit war keineswegs auf Frauen beschränkt - kein anständiger europäischer Mann hätte sich bis nach 1945 ohne Hut oder - im Falle der Arbeiter - ohne Mütze auf die Straße gewagt. Um so mehr galt dies im 18. und 19. Jahrhundert, als man nur mit Kopfbedeckung “vollständig” bekleidet war. Der Vergleich mit der islamischen Verschleierungspraxis, die die Frau symbolisch wie praktisch “von der Straße bannen will” - von der modisch-stylistisch ganz anders gearteten, die fraulichen Reize keineswegs vollständig verbergenden europäischen Kopftracht zu schweigen - hinkt mal wieder um der political correctness willen.

Frank Stricker / 09.02.2018

Danke Herr Buurmann, dass sie in Zeiten von #metoo-Gedöns noch die wirklich wichtigen Dinge ansprechen ; Hunderte von Millionen Frauen sind immer noch nicht gleichberechtigt auf dieser Welt, speziell im arabischen Teil, aber außer den üblichen Floskeln haben wir hier in Deutschland dazu nichts zu sagen. Einfach nur traurig !!

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