Rainer Bonhorst / 01.03.2017 / 19:43 / Foto: Bildarchiv Pieterman / 10 / Seite ausdrucken

Was? Trump hält eine gute Rede?

In Washington ist etwas merkwürdiges passiert. Donald Trump, weithin als Clown im Weißen Haus und als kurzatmiger Twitterking bekannt, hat im Kongress eine ziemlich gute Rede gehalten. Natürlich hatte er als Anfänger mit dem Teleprompter noch nicht die lässige Kompetenz des genialen Vorlesers Barack Obama. Aber es war eine beachtliche Vorstellung.

Über eine Stunde lang sagte Trump Sachen, die er im Prinzip schon immer gesagt hat, aber zusammenhängender, konzeptioneller und stellenweise bewegender als selbst seine Freunde es erwartet haben. Das war nicht der kurzatmige Twitter-Schnösel, den seine Gegner so schätzen.

Van Jones, ein linker, schwarzer CNN-Journalist, also das Gegenteil eines Trump-Anhängers, sagte staunend: „Heute ist der Gewinner der Wahlen zum Präsidenten geworden.“ Dabei bezog er sich auf eine Episode, in der Trump die Witwe des im Jemen gefallenen Soldaten Ryan Owen, die er auf die Galerie eingeladen hatte, persönlich ansprach. In präsidialen Worten versicherte er Corinna Owen, dass der Name ihrer Mannes für alle Zeiten „als Held in das amerikanische Gedächtnis eingebrannt“ bleiben werde. Da blieben zwar viele, aber nicht alle Augen trocken, die der Witwe schon gar nicht.

Inhaltlich bewegte sich Trump wieder zwischen allen Links- und Rechtsklischees und brachte nach und nach immer mehr Demokraten in Verhaltensnöte. Eigentlich waren sie fest entschlossen, quasi auf ihren Händen zu sitzen, auch wenn nebenan die Republikaner vor gehorsamer Begeisterung von den Sitzen sprangen und klatschten.

Die Beifallverweigerung fiel ihnen leicht, als Trump wieder mal das Ende von Obamacare und die Mauer gegen Mexiko ankündigte. Aber als er dann von einem milliardenschweren Infrastrukturprogramm, von erneuerten Schulen, Straßen und Brücken sprach, entglitten dem einen oder anderen Demokraten doch die Hände zu einem zustimmenden Klatschen. Und wenn er von der Schaffung von Millionen neuer Arbeitsplätze sprach, weil er dem Auswandern von Arbeitsplätzen einen Riegel vorschieben werde, dann konnten noch mehr Demokraten den Beifall nicht unterdrücken.

"Wenn Trump so bleibt, schafft er auch acht Jahre"

Kurz: Donald Trump, dieses Geschenk des Himmels für Satiriker, hat an diesem Tag im Kongress eine Menge Fleißkärtchen als ernsthafter Politiker gesammelt. Dies natürlich mit ein bisschen Hilfe seiner Freunde. Und ihm ist durchaus zuzutrauen, dass er von den gewonnenen Pluspunkten nun als freier, von Redenschreibern unabhängiger Twitterer eine Menge wieder verspielen wird. Diese Aussicht hält bei den Demokraten die Hoffnung am Leben, in absehbarer Zeit vielleicht doch wieder ins Weiße Haus einzuziehen. Allerdings hat ein Trump-Anhänger nach dem Auftritt im Kongress den Teufel an die Wand gemalt: Wenn Trump so bleibt, schafft er auch acht Jahre.

Das wäre natürlich ein Schock für alle, die ihm höchstens vier Jahr geben, wenn überhaupt so viel. Allein schon die Vorstellung, dass Donald Trump eine ganze Präsidial-Ära prägen könnte, dürfte gerade diesseits des Atlantiks Panik auslösen.

Zur Beruhigung könnte beitragen, dass sich in Amerika eine liberale und sehr weibliche Anti-Trump-Bewegung formiert, die sich in ein Gegenstück zur rechten „Tea Party“ auswachsen könnte. Allerdings ist bisher kein Charismatiker in Sicht, der dem ebenso populären wie verhassten Donald Trump in der Kunst des Aufputschens das Wasser reichen könnte. Den wird es aber wohl brauchen.

Wir erleben zur Zeit nicht nur in Amerika, wie Charismatiker ihre trockeneren Kollegen an die Wand spielen, egal, ob sie von rechts wie Marine Le Pen oder Geert Wilders oder von links wie Martin Schulz kommen. Dieser Schulz droht doch tatsächlich - als eine Art linker Donald Trump - die von politischer Materialermüdung geplagte Angela Merkel zur deutschen Hillary Clinton zu machen.

Steht uns also ein transatlantisches Traumpaar in Gestalt eines „America-first“- Donald Trump und eines rotrotgrünen Martin Schulz ins Haus? Ein, wie ich finde, wunderbar satirischer Gedanke. Das Problem: Heutzutage wird die Satire regelmäßig von der Realität überholt.

Foto: Bildarchiv Pieterman
Leserpost (10)
Lutz Muelbredt / 02.03.2017

Dem Realismus eine Gasse. - Habe mir die gesamte Rede angeschaut. Glaubhaftes Menscheln verbunden mit großer Sorge um die Heimat. Hillary Clinton beherrschte oder interessierte diese Dinge nicht. Trump dagegen zieht gerade die Mehrheit der amerikanischen Öffentlichkeit auf seine Seite. Die Zweiflerfront bröckelt. Sollte ihm das gelingen, muß das ZDF unter Nato-Ägide gestellt werden, um den Sendebetrieb vorerst weiter gewährleisten zu können. Vielleicht ist das auch schon geschehen.

Matthias Hofmannm / 02.03.2017

Bei allem Respekt und Zustimmung; wie kommen Sie darauf, dass der Eurokrat Schulz “von links kommt”? Die Linken mögen ihm ja -in Verkennung der Realitäten- zujubeln. Aber sonst? Besser wäre, wenn wir nicht mehr in solchen Schubladen denken würden; links oder rechts…..Es kommt darauf an, was gut für unsere Heimat und unser Volk ist.

Jörg Hollingshauser / 01.03.2017

Donald Trump hat in seiner Kongressrede auch den Angehörigen der Opfer von Gewalt durch illegale Migranten ein Gesicht gegeben! Welch ein Kontrast zu dem schäbigen Verhalten unserer sogenannten Volksvertreter in Bezug auf die Opfer des Berlin-Anschlages vor Weihnachten.

Gerlinde Gronow / 01.03.2017

In Amerika formiert sich eine liberale und sehr weibliche Anti Trump Bewegung? Das ist ja interessant, vielleicht kann Herr Bonhorst uns mehr darüber verraten. Ich hatte bisher nur von diesem Aufmarsch mit Häkelmützchen, Hijabs, und einem wahren Gruselkabinett an der Spitze gehört. Linda Sarsour, die sich die Sharia für die USA wünscht, Donna Hylton, die an Entführung, Folter und Mord beteiligt war, Ashley Judd, die wirr “Hitler auf der Straße spürte”. Oder ist etwa der bevorstehende “Day Without A Woman” im März, mitveranstaltet von einer für Terrorismus und Mord verurteilten Frau, Rasmea (Rasmieh) Yousef Odeh, gemeint?

Sepp Kneip / 01.03.2017

Vielleicht verkünden ja morgen die deutschen Medien, dass Trump sich die “Vorgaben” aus Deutschland zu Herzen genommen und seine Politik gändert habe. Dass er Merkels “Mahnung”, die gemeinsamen Werte zu achten, nunmehr befolge. Zuzutrauen wäre das unserem Polit- und Medien-Establishment in seiner Selbsüberschätzung. Was die gemeinsamen Werte sind, hat ja Merkel nicht näher definiert. Ich denke, Trump wird seinen Werten und seiner Linie treu bleiben, allerdings seine Sprache etwas kultivieren. Nun, den Vergleich mit Schulz wird Trump wohl verkraften, wie auch den mit Merkel. Die Obama’sche Vision, dass Merkel nun zur Führerin der westlichen Welt aufsteigen würde, könnten Trump und Schulz tatsächlich gemeinsam platzen lassen. Aber - warten wirs ab, es wird noch viel gewählt in diesem Jahr.

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