Gastautor / 12.01.2017 / 18:00 / Foto: Ildar Sagdejev / 8 / Seite ausdrucken

Was treibt den Denunzianten an?

Von Jeanette Neuendorf.

Denunziation – warum gibt es das eigentlich? Warum haben Menschen überhaupt das Bedürfnis andere Menschen zu denunzieren, anzuschwärzen, zu verraten, zu verpfeifen oder öffentlich anzuprangern... wohlwissend, ob nun zurecht oder zu unrecht, demjenigen damit in der einen oder anderen Form Schaden zuzufügen?

Wikipedia liefert hierzu folgende Definition. Denunziation ist eine „...öffentliche Beschuldigung oder Anzeige einer Person oder Gruppe aus nicht selten niedrigen persönlichen oder oft politischen Beweggründen, von deren Ergebnis der Denunziant sich selbst oder den durch ihn vertretenen Interessen einen Vorteil verspricht.“

Oberflächlich betrachtet haben wir es also mit einem der niederen Instinkte des Menschen zu tun. Vorteilsnahme ist sicherlich ein starkes Motiv für Jemanden, der denunziert. Geht man von der These aus, dass niemand so geboren wird, ist vorteilsbedacht Sein eine Charaktereigenschaft, die Menschen sich im Laufe ihres Lebens und ihrer Sozialisierung aneignen. Geht man jedoch noch einen Schritt tiefer, sind Angst und ein wie auch immer definiertes Gerechtigkeitsempfinden nicht zu unterschätzende Faktoren, die die Handlungsweisen von Menschen bestimmen.

Angst ist ein Grundgefühl, ein auf körperlicher und geistiger Ebene eingebauter Schutzmechanismus, der unser Überleben sichern soll. Angst ist demnach ein wichtiger Indikator Gefahr anzuzeigen, sie kann aber auch blockieren oder zu übertriebenen Handlungen führen, die einen Kontrollverlust vermeiden sollen. So gesehen könnte man also sagen, dass Denunziation auch mit Kontrolle und dem Absichern des eigenen Daseins zu tun hat.

Petzen und Anschwärzen gibts schon im Kindergarten

Im Grunde ist uns allen das Petzen und Anschwärzen bereits aus dem Kindergarten oder Buddelkasten bekannt. Nach dem Motto: "Ich habe gesehen, wie der und der, dem und dem die Schaufel weggenommen hat". Ein Kind rennt zum Erzieher oder einer erwachsenen Person, um zu berichten, was es beaobachtet hat. Ja warum eigentlich? Es betrifft noch nicht einmal seine eigene Schaufel. Das Kind sieht aber etwas, was es nicht für richtig hält, wohl auch, weil es ihm so beigebracht wurde. Anstatt jedoch zu den Betreffenden zu gehen, wendet es sich an eine „Obrigkeit“, die das regeln soll. Das Kind handelt instinktiv, doch es hat ein Bewusstsein. Also was verspricht es sich davon?

Zum einen möchte es sicherlich dafür gelobt werden (Liebe und Aufmerksamkeit) und zum anderen möchte es, dass seine kleine Welt wieder in Ordnung kommt. Sprich Andere sollen etwas tun, damit es sich selbst besser fühlt. Das wiederum ist ein weit verbreitetes Phänomen in unserer Gesellschaft und zwar bis ins Erwachsenenalter hinein. Und hier kommt die Genugtuung ins Spiel, dem Gefühl der Zufriedenheit, das sich einstellt, wenn ein vermeintlicher Ausgleich stattfindet. Wie im Falle der Denunziation, wenn Andere das bekommen, was sie verdient haben. Also eine Art Schuldausgleich, ein Schmerzensgeld, das im Falle der Denunziation für gerechtfertigt gehalten wird, weil aus Sicht eines Denunzianten die Verletzung von Recht und Ordnung stattgefunden hat.

Aber nicht in jedem Fall ist Genugtuung von Dauer. Einer der berühmtesten Denunanzianten bzw. Verräter in der überlieferten Geschichte der Menschheit ist wohl Judas. In sehr verkürzter Form: Judas verriet Jesus, bekommt dafür Geld (Vorteilsnahme), das er später wieder zurückgibt und sich dann selbst erhängt. Man kann davon ausgehen, dass Letzteres aus Reue, Scham und schlechtem Gewissen geschah, als ihm klar wurde, was er einem Anderen, ihm sogar einst geliebten Menschen angetan hatte und damit eigentlich sich selbst. Ob sich dies alles wirklich so abgespielt hat, wissen wir natürlich nicht. Dennoch werden in der Bibel Archetypen beschrieben, die für verschiedene menschliche Charaktere stehen und die ein Spiegel unserer Gesellschaft beziehungsweise jeglicher Gemeinschaft sind.

Denunzieren ist ein persönlich motivierter Akt des Handelns

Zurück zur Denunziation. Andere zu denunzieren ist ein persönlich motivierter Akt des Handelns. Denn auch wenn ein Denunziant möglicherweise der Auffassung ist, Zivilcourage zu beweisen, weil er glaubt, im Sinne der Gemeinschaft zu handeln, müsste er sich dennoch die Frage stellen: Auf welcher Basis habe ich wirklich gehandelt? Aus der selbst empfundenen Sicht von Gerechtigkeit oder aus Sicht einer von außen definierten gesellschaftlichen Bestimmung von Recht und Ordnung? Was ist richtig, was ist falsch?

Es gibt auf Erden keine definitive Instanz, die darüber zu entscheiden vermag. Das Einzige, was sich sagen lässt, ist, dass Gesellschaftsgruppen sich darauf verständigen, welche Werte und Formen sie leben und vertreten möchten und diese notfalls durch Gesetze und übergeordnete Instanzen zu schützen. Aber leider muss an dieser Stelle hinzugefügt werden, dass es Zeiten gab und gibt, da eben diese Werte und Formen einer Gesellschaft von einzelnen politischen Gruppen aufoktroyiert werden.

Und so entstehen Diskrepanzen, die persönliche Weltbilder ins Wanken bringen. An dieser Stelle kommt der Denunziant wieder ins Spiel, der, wie eingangs erwähnt, die vermeintliche Sicherheit und Ordnung wieder herstellen will. Aber wie man es auch dreht und wendet, ein Denunziant richtet letztlich eigenständig über Andere. Indem er dies tut,  lädt er unweigerlich Schuld auf sich. Mit den Konsequenzen seines Handelns muss er demnach alleine fertig werden. Bewusst oder unbewusst, wird sein Handeln jedoch im Kern von Angst bestimmt. Und Angst war noch nie ein guter Berater.

Jeanette Neuendorf ist freie Autorin und lebt in Berlin. Mehr hier.

Foto: Ildar Sagdejev Specious GFDL via Wikimedia

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Leserpost (8)
Karla Kuhn / 12.01.2017

Wahrscheinlich sind es Menschen, die auf irgendeine Weise benachteiligt sind, da gibt es viele Möglichkeiten.  Anstatt an sich selber das Liebenswerte zu suchen, entwickeln sie Haß, Neid, Mißgunst und und betreiben Mobbing und üble Nachrede. Sie sind so überzeugt, daß sie die Gutmenschen sind und wollen die anderen vernichten. Denunziation ist für diese Spezies ein ganz probates Mittel. Für mich sind das ganz arme Typen, Und dann gibt es noch die, die keinerlei Empathie empfinden, denen jedes Mittel recht ist, nach oben zu kommen und die auf Teufel komm raus andere anschwärzen, wobei es vorwiegend infame Lügen sind. Auch bei “Rosenkriege” spielt Denunziation eine große Rolle. Egal welche Sorte Denunzianten es sind, jeder normal denkende Mensch sollte einen großen Bogen um sie machen und ihnen auf keinem Fall vertrauen oder etwas anvertrauen. Als ich 1995 meine Stasiakte einsehen konnte, war ich sehr froh, daß mich niemand aus meinem engen Freundes- und Bekanntenkreis denunziert hatte. Die, die das getan haben, waren die von mir beschriebe erste und zweite Sorte unangenehmer Zeitgenossen.

Martin Lederer / 12.01.2017

“Was treibt den Denunzianten an?”: Manche mögen es aus opportunistische Gründe machen. Aber man stelle sich z.B. jemanden vor, der der SED-Propaganda, der Nazi-Propaganda oder jetzt eben der “One world”-Propaganda glaubt. Der glaubt, es wäre das wichtigste gegen die Feinde der jeweiligne Staatsideologie zu kämpfen. Er hört dauernd, wie wichtig es ist gegen “Rechts” aufzustehen. Und dann macht er es einfach. Als “braver Lehrling”. Und ist dann baff erstaunt: Er macht doch nur das, wozu “alle” auffordern. Und dann soll es auf einmal falsch sein?

Marcel Groß / 12.01.2017

Petzen tut jedes Kind, biss es lernt, dass es unedel ist. Dann findet es andere Strategien. Wer aber zu schwach und dumm ist, den bleibt nur das Petzen, um seinen Willen zu bekommen.

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