Claudio Casula / 29.07.2014 / 12:05 / 7 / Seite ausdrucken

Was sagen Sie als so feinsinniger und empfindsamer Mensch zu der Kultur des Todes?

Sehr von Antisemiten verehrter Herr Todenhöfer,

Ministerpräsident Netanyahu ist derzeit mit wichtigeren Aufgaben beschäftigt, als Offene Briefe mediengeiler Ex-Politiker zu lesen, die auch noch auf Deutsch verfasst sind, weil sie sich ohnehin nicht an ihn, sondern an ein einschlägiges Publikum richten.

Daher, wenn Sie erlauben: Darf ich Ihnen mitten auf Ihrer beeindruckenden Selbstdarstellungstournee ein paar Fragen stellen? Als Deutscher, der weiß, dass man aus unserer Geschichte nicht unbedingt gelernt haben muss, den Juden zu raten, sich nicht gegen ihre Todfeinde zu verteidigen und der den Antisemitismus nicht nur pro forma ablehnt, weshalb er sich nicht ausgerechnet auf den einzigen jüdischen unter den 200 Staaten dieser Welt einschießt?

Haben Sie sich schon einmal vorgestellt, wie es wäre, nicht nach Gaza zu fahren, um vor der Kamera den Vater Teresa der leidenden Palästinenser zu geben, sondern wenigstens ein einziges Mal nüchtern zu beobachten, was sich dort seit Jahrzehnten tut?

Wenn Sie schon eine rührselige Blumenzüchtergeschichte vortragen, wissen Sie dann auch, dass Israel beim vollständigen Abzug vor neun Jahren 3000 Gewächshäuser intakt zurückgelassen hat, die von den Menschen, die Ihnen so am Herzen liegen, in Nullkommanix zerstört wurden? Ist Ihnen bekannt dass die „Blockade“ eine Folge des Raketenbeschusses aus dem Gazastreifen ist, der gleich nach dem Rückzug intensiviert wurde? Ach, ich vergaß – für Sie ist ja die Hamas eine „radikale, streng konservative“ Bewegung, die „mit teilweise selbst gebastelten Raketen dilettantisch und in inakzeptabler Weise versucht, wenigstens ein paar Rechte der Palästinenser durchzusetzen“.

Es ist natürlich legitim, von „sogenannten palästinensischen Terrorbewegungen“ zu sprechen oder der Hamas edle Absichten zu attestieren, so wie es legitim ist, sich vorzustellen, wie lustig und vor allem angemessen es wäre, Ihnen einen Chinaböller in die Hose zu stecken. Aber erwarten Sie nicht, dass Herr Netanyahu Ihr ebenso weinerliches wie redundantes Geschreibsel ernst oder auch nur Kenntnis nimmt. Er könnte Ihnen nämlich auch einige Geschichten erzählen.

Etwa über die Brutalität, mit der ihre Schützlinge seit den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts gegen die jüdische Existenz im Land vorgehen. Sagt Ihnen der Schlachtruf „Idbach al-Yahud“ etwas? Das heißt: Schlachtet die Juden, und es ist seither zahllose Male versucht und auch getan worden. Haben Sie schon mal die Bilder der Familie Fogel gesehen, die von zwei edlen palästinensischen Freiheitskämpfern in ihren Betten abgeschlachtet wurde? Oder die Leichenteile in einem zerbombten Linienbus und in den Bäumen und auf den Balkonen in der Dizengoff Street? Die schwangere Tali Hatuel und ihre drei kleinen Töchter, ermordet im Auto? Den Säugling Shalhevet Pas, von einem palästinensischen Scharfschützen im Kinderwagen abgeknallt? Ach nein, die können Sie gar nicht gesehen haben – anders als Ihre Freunde in Palästina wahren die Israelis die Würde der Opfer und zerren sie nicht noch zum Wohle der Propaganda vor die Kameras.

Versuchen wir es also so herum: Was sagen Sie als so feinsinniger und empfindsamer Mensch zu der Kultur des Todes, die dort gepflegt wird, wo Sie „am liebsten sofort wieder hinfahren würden”? Zu den „Sommer-Camps“, in denen man schon Hunderttausende von Dreikäsehochs in Tarnanzügen durch den Sand robben lässt? Zum Kinderfernsehen, in dem man zum Jihad gegen die Juden aufruft? Nein, nicht zum Ende der Blockade oder ähnlichem – zum Judenmord ruft man dort auf, und zwar jeden Tag, den der Herr werden lässt.

Steht Ihnen da nicht das tadellos frisierte Haupthaar zu Berge? Haben Sie schon einmal gesehen, wie man in Palästina bei der Nachricht von einem gelungenen Terroranschlag feiert und Süßigkeiten verteilt? Und wie man Bombenattentate mit Attrappen nachstellt? Und dass man live, open air, vor Publikum die Verschleppung Gilad Shalits nachgespielt hat, inklusive eines palästinensischen Laienschauspielers, der auf der Bühne in grüner Uniform vor den maskierten und bewaffneten „Konservativen“ der Hamas auf dem Boden kniete und ängstlich nach seiner Mutter rief? Saukomisch, so was, oder? Landestypischer Humor! Hochzivilisiert!

Wissen Sie, was, Herr Todenhöfer? Machen Sie, was Sie wollen, ignorieren Sie die Realität des Nahen Ostens, pfeifen Sie auf jüdisches Leid, solidarisieren Sie sich mit einem von selbsternannten Gotteskriegern zum Jihad erzogenen Volk und reden Sie sich auch noch den niederträchtigsten Terror schön, raten Sie den Israelis, die binnen nicht einmal drei Wochen mit 2400 Raketen beschossen wurden, dazu, für ihre Mörder die Grenzen zu öffnen, damit diese nicht mehr so mühsam Tunnel graben müssen; dafür haben Sie ja Ihre Facebook-Seite, die von den Antisemiten so unweigerlich angesteuert wird wie der Kuhfladen von der Schmeißfliege.

Aber, bitte: Verschonen Sie uns mit dieser schmierigen Leidensnummer, dieser lächerlichen Legende vom palästinensischen Opfervolk und der taktischen, weniger als lauwarmen Distanzierung von der Hamas, die Sie sich pflichtschuldigst abringen; sie ist alles andere als glaubwürdig, eher, wenn ich das einmal so offen sagen darf, rechtschaffen ekelhaft. Nehmen Sie sich lieber ein Beispiel an jenem CDU-Ratsherrn, der vor ein paar Wochen aus seinen Herzen keine Mördergrube gemacht und den wahrhaft israelkritischen Satz „Juden sind scheiße“ auf seiner Facebook-Seite hinterlassen hat. Das war kurz, knapp – und, im Gegensatz zu Ihrem larmoyanten Sermon, wenigstens ehrlich.

Mit dem Ausdruck meiner Geringschätzung,
Claudio Casula
http://spiritofentebbe.wordpress.com/2014/07/27/offener-brief-an-jurgen-todenhofer/

Leserpost (7)
Peter Korne / 30.07.2014

Sehr geehrter Herr Claudio Casula, es ist absolut vergebliche Liebesmüh’, einen Mann wie Herrn Todenhöfer mit Argumenten zum Umdenken bzw. Nachdenken zu bewegen. Herr Todenhöfer hat weder ein fundiertes Geschichtsbewusstsein, noch ist er überhaupt INTELLEKTUELL dazu in Lage, die Probleme zwischen der Hamas und Israel rational zu analysieren. Die Hamas ist schlicht und einfach eine Terrororganisation (sie wird auch von Ägypten als solche eingestuft), die seit Jahren durch Sprengstoffanschläge und Raketenbeschuss Israel terrorisiert. Das erklärte Ziel der Hamas ist die VERNICHTUNG der Juden und sonst nichts. Die Brutalität der Hamas hat sogar das eigene Volk erlebt, als sie vor acht Jahren die Mitglieder der Fatah im Gaza zu Hunderten buchstäblich abgeschlachtet hat, einschließlich Frauen und Kinder der Fatah-Familien. Ich war damals entsetzt über die Grausamkeit der Hamas am eigenen Volk. DAS WÜRDE AUCH MIT JEDEM JUDEN PASSIEREN, WENN DIE HAMAS DAZU IN DER LAGE WÄRE! Was die Blockade des Gaza anbetrifft, so frage ich mich, wie die Hamas tausende hochmoderner Raketen in den Gaza bringen konnte, die bis nach Jerusalem reichen. Anstatt Medikamente und Waren, wurden Raketen durch die Tunnels in den Gaza gebracht. Dass Israel dann auf den Dauerbeschuss reagiert, war ja wohl zu erwarten. Die Hamas will mit ihrem fortdauernden Terror Israel immer wieder dazu zwingen militärisch zu reagieren um sie dann aufs Neue weltweit an den Pranger zu stellen. Dabei ist es der Hamas absolut egal, ob das eigene Volk darunter leidet, ja sie schießen sogar mit Kindern auf dem Arm auf die israelischen Soldaten. Es ist eben eine absolut menschen-verachtende Organisation! Dass Herr Todenhöfer durch seinen Besuch im Gaza so eine Organisation hofiert und moralisch aufwertet, hat an sich nichts mehr mit Naivität zu tun, sondern dadurch SYMPATHISIERT er mit dieser Terrororganisation. Ich würde diesem Mann nie die Hand zum Gruß reichen!  Ich schäme mich als Deutscher, dass solche Leute wie Herrn Todenhöfer und Gleichgesinnte überhaupt Deutsche sind!

Elisabeth Zillmann / 29.07.2014

Wow,schließe mich 100%ig an. Ich fühle mich immer mehr wie in meinen jungen Jahren in der DDR, voll ohnmächtiger Wut auf die täglichen Lügen in -fast- sämtlichen Medien. Der Unterschied zu heute: Damals durften Journalisten nicht wahrheitsgemäß berichten, es wäre nicht gedruckt worden. Manchmal schrieben sie so, daß man zwischen den Zeilen ein Stückchen Wahrheit ahnen konnte. Aber Heute?? Sind sie dumm? Informieren sie sich nicht? Sind sie zu faul,den dingen auf den Grund zu gehen? Korrupt? Feige? Kann mir das mal einer erklären?

Maria Leuschner / 29.07.2014

Herr Todenhöfer, tun Sie nur, um des lieben Geldverdienens, so scheinheilig betroffen? Sie sind schlimmer als Judas und ich frage Sie, haben Sie sich irgendwann und irgendwie jemals mit dem immer schon vorhandenen Israel-Vernichtungs- Willen seitens des gesamten arabischen Raumes befasst? Dazu gehören saubere Recherchen, ein vielfältiges und differenziertes Literaturstudium und hierbei integre Berater. So wären Sie automatisch auf das Werk Tilman Tarachs gestoßen, der in “Der ewige Sündenbock” sowohl die historischen Komplexitäten des Juden/Israelhasses wissenschaftlich aufzeigt, als auch vermag, dass der letzte Verweigerer dieser Tatsachen irgendwann demütig wird. Dies, Herr Todenhöfer, ist Ihnen nicht gegeben, auch fehlt Ihnen eine humanistische Bildung, die Ihnen Einhalt gebieten müsste, solch Verlogenheiten von sich zu geben. Und zuletzt: Ihnen fehlt Integrität!

Bernd Hoenig / 29.07.2014

..wohl richtig, doch ist Todenhöfer für diese Art von Argumentation ebenso wenig zugänglich wie viele meiner Freunde, die ich seit unseren alten DDR-Tagen kenne. In diesem kleinbürgerlichen/sozialistischen Ländchen bekam jeder den Israel-Hass in der Schule und aus den DDR-Medien eingebläut. Der Jude war im Alltag nirgendwo sichtbar und das Wort Jude wurde gewöhnlich als Schimpfwort gebraucht - die Helden vom KZ Buchenwald waren Kommunisten aus der Arbeiterklasse. Solcherart Fans von Todenhöfer bekommen gerade wieder Schaum vor den Mund - wie immer, wenn die Juden/Israel zu den Waffen greifen. Gebildete Leute, die allerdings in Kenntnissen über die jüdische Kultur, die Geschichte Israels oder des Zionismus große Lücken haben, wollen mir anhand der israelischen Unabhängigkeitserklärung nachweisen, dass Israel kein Judenstaat sei, und anhand der politischen Alltagspraxis in Israel beweisen, dass es ein Apartheidstaat, ein Staat der Unterdrücker, Besetzer etc. pp. ist. Sie kümmert das Schicksal der arabischen Einwohner Palästinas ebenso wenig, wie das Schicksal der abgeschlachteten Araber in Syrien oder das Schicksal unterdrückter Menschen irgendwo anders, wo weder Juden noch Amerikaner involviert sind. Sie wollen nicht einsehen, dass Israel an feindliche Entitäten grenzt, die ihnen Kampf bis zur Vernichtung immer wieder androhen, die ganz offen ihren Judenhass zum Ausdruck bringen, mit denen Verhandlungsergebnisse immer nur temporär gelten können ... dies alles sind Ausdrücke erlernten Hasses, aus dem Elternhaus oder der Schule oder, oder, je nachdem wo die Leute aufwuchsen. Judenhass ist ja nichts angeborenes, doch leider hat er sich in Europa seit Jahrhunderten etabliert. Was mag dagegen helfen? Aufklärung und wieder Aufklärung und Bildung, humanistische Bildung - vor allem aber denke ich, wenn diese traditionellen Juden-Hasser die Juden einfach in Ruhe lassen und als Menschen ihres-, unseresgleichen anerkennen. Allerdings fürchte ich, dass dazu noch einige Generationen ins Land gehen müssen und bis dahin gilt die erschreckende Klarheit in der Antwort, die mir ganz trocken, aber ehrlich ein Bekannter gab, als wir darüber sprachen, dass die arabischen Apokalyptiker auch die Atombombe gegen Israel einsetzen würden, wenn sie die Möglichkeit dazu hätten: “Es würde nicht die Falschen treffen.”

August Wilhelm Schmitt-Lange / 29.07.2014

Dieser Geringschätzung gegenüber Todenhöfer (oder wie der alte Wehner besser rief: Hodentöter) schliesse ich mich an. Der Mensch hat möglicherweise alle Tassen im Schrank, aber die sind kräftig durcheinander!

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