Beda M. Stadler / 19.04.2012 / 22:16 / 0 / Seite ausdrucken

Was die Schweizer Bären lehren

Die Schweiz hat einen Problembären und will es nicht wahrhaben. Solange er noch keinen Bündner gefressen hat und nur Bienenstöcke ausräumt, gilt er offiziell nicht als Problembär. Trotzdem wurde er am 12.?April eingefangen und mit einem Senderhalsband ausgerüstet. Vorgängig hatte er in einem Gehege eine Ziege gerissen. Problemwölfe kennt die Schweiz ¬bislang nicht, es werden höchstens die Walliser zum Problem, wenn sie einen erlegen. Woher kommt also unsere fast grenzenlose Toleranz, gepaart mit Respektlosigkeit, den Bären gegenüber? Wir begegnen ihnen auf eine äusserst noble, humane Art und Weise. Anderen Immigranten gegenüber sind wir meist nicht so tolerant, aber ähnlich respektlos. Nun, einem Raubtier sollte man sehr viel Respekt, aber null Toleranz erweisen.

Es sind wahrscheinlich evolutionäre und anerzogene Verhaltensmuster. Unser Verhalten ist gestört, weil wir die Psyche eines Bären nicht lesen können. Bären können nicht lachen, es fehlen ihnen die nötigen Gesichtsmuskeln. Bären sind Einzelgänger, sie brauchen keine ausgeprägte Mimik für die Verständigung mit Artgenossen. Auch wenn Meister Petz meist grimmig dreinschaut, erinnert er eher an einen Teddy. Wir wissen nicht, ob uns ein Bär mit Mordlust oder Langeweile betrachtet. Wir sollten aber daran denken, dass wir Herdentiere sind, die unter Umständen auf dem Speiseplan von Bären stehen. Für unsere Vorfahren war klar, dass der Bär immer ein Problem ist, und sie haben ihn dort ausgerottet, wo sie wohnen wollten. Das war vernünftig. Im Gemeindekeller meiner künftigen Wohngemeinde Zeneggen hängt die Plampe des letzten vor hundert Jahren erlegten Bären. Im Meiggerli, einer Voralp am Eingang zum Ginanztal, sieht man noch heute die hölzernen Barrikaden, die als Bärenfallen benützt wurden. Noch vor 250 Jahren sind alleine in der Landvogtei St.?Moritz (Unterwallis) jährlich fünfzehn bis zwanzig Bären erlegt worden. Das ist eigentlich noch nicht so lange her, trotzdem gibt es selbst im Wallis immer mehr Wanderer, die als krönendes Naturerlebnis gerne einem Bären begegnen würden. Der Nervenkitzel ist wahrscheinlich grösser als bei einem Wolf.

Derzeit sind wir daran, viele natürliche evolutionäre Selektionsprinzipien für uns Menschen auszuhebeln. Dank den Fortschritten in der Medizin sind alltägliche Bedrohungen durch die Umwelt fast harmlos geworden. Der Wald ist kein Ort mehr, um kleinen Kindern Angst zu machen, er ist Naherholungszone. Dank der geistigen Evolution sehen wir alles mit anderen Augen. Somit geht es heute mehr um die Rechte der Bären als um unser Überleben. Eine Bedrohung durch wilde Tiere gehört nicht mehr zu unserer Erfahrung. Selbst wenn ein Kampfhund zubeisst, bleiben wir verständnisvoll – wahrscheinlich hatte sein Meister eine schwere Jugend.

Wir wurden mit Bärenmilch und Gummibären grossgezogen und hatten den Teddybären als Trostspender. Das infantile Verhältnis zum Kuscheltier werden viele Erwachsene nicht mehr los, und sie projizieren es in den Wald. Bruce M.?Hood beschreibt in «The Science of Superstition», dass etwa 30 Prozent der Geschäftsreisenden ¬einen Teddybären oder ähnliche Objekte im Reise¬gepäck haben. Der Bär ist heute eher ein psychisches Pro¬blem. Wir wollen den Wald zum Streichelzoo machen und vom Mountainbike aus Hase, Reh und Bär beäugen.

Da wir die Natur als romantische Vorstellung zurückerobern wollen, sollten unsere Wälder möglichst von allem Getier besiedelt sein – Adler, Wisent, Luchs, Wolf und Bär, aber bitte keine tollwütigen Füchse oder Zecken. Im Übrigen sollte der Wald dicht von Bären besiedelt sein, damit man sie auch mal zu Gesicht bekommt. Unsere Eltern hatten noch ein anderes Verhältnis zur Natur mit ihren Gefahren. Ihnen gefiel es, einen sicheren Zaun vor sich zu haben oder, noch besser, die Bären in einem tiefen Graben zu wissen. Nachdem der Berner Bärengraben in der Volksseele zum Folterin¬strument mutierte, leistete die Stadt sich ein finanzielles Desaster, um ihrem Symbol einen artgerechten Käfig zu bauen.

Die neue «Freiheit» hat der Bär Finn dann artgerecht genutzt und einen 25-jährigen, geistig behinderten Mann, der ins Gehege des Bärenparks fiel, an Kopf und Bein verletzt. Finn, dem Wüstling, wird aber weiterhin jeder Liebesdienst erwiesen, etwa die Sterilisierung. Ein illuster besetztes Operationsteam unter der Leitung von Zootierarzt Willi Häfeli, ¬einem Anästhesisten aus Buenos Aires und zwei deutschen Ärzten hat laut Bund die Gefahr gebannt, dass Finn «mit seinen Töchtern Ursina und Berna Nachwuchs zeugt». Man wollte das arme Tier nicht kastrieren, damit der Hormonhaushalt des Männchens nicht gestört wird. «Finn dürfte sich künftig deshalb nicht anders verhalten als ehedem.» Logisch, dass ¬eine Glasbrüstung zur Sicherung der Mauerkrone gegen das Beklettern und Übersteigen der Natursteinmauer gebaut werden musste. Der Bär soll Natur bleiben und muss vor uns Menschen geschützt werden. Die architektonische Wunderleistung führte dann allerdings dazu, dass Kinder auf der sicheren Seite ins Wasser fielen.

Zur Neuinstallation einer lieben romantischen Natur gehört, Raubtiere niedlich zu machen. Auf 20 Minuten online meinte der Schweizer Bärenkenner Reno Sommerhalder: «Von den europäischen Braunbären geht generell nur eine extrem geringe Gefahr aus. Die Gefahr, von einer Kokosnuss erschlagen zu werden, ist grösser.» Auf dem Internet schreiben alle einander den Satz ab: «Jährliche Todes¬fälle durch fallende Kokosnüsse (weltweit): 150». Als ob man das herausfinden könnte! Tatsache ist, dass kein vernünftiger Mensch unter einer Kokospalme schlafen würde, geschweige denn Menschen in der Nähe von Kokospalmen wohnt. Es ist also richtig: Solange wir keine Bären haben, geht davon auch keine Gefahr aus.

Einer meiner Ex-Studenten betreibt dieses Business bis zur Perfektion. David Bittner verbringt fast jedes Jahr zwei Monate bei den Grizzlys in Alaska und meint: «Es geht nicht um den Adrenalinkick, sondern um das Natur-Erleben. Der Bär ist ein Symbol für Wildnis und intakte Natur. Aber klar ist es ein wahnsinniges Gefühl, wenn sich ein so grosses wildes Tier neben dir hinlegt oder dich neugierig betrachtet. Ich fühle mich dann als Teil eines grossen Ganzen.» Seine Vorträge sind tatsächlich ein Erlebnis, und man ist berührt. Trotzdem habe ich mich das letzte Mal von ihm mit den Worten verabschiedet: «Vielleicht sehen wir uns nie wieder!» Auch er müsste schliesslich wissen, dass Timothy Treadwell und seine Freundin Amie Huguenard die romantische Überzeugung, Grizzlys persönlich zu schützen, mit dem Leben bezahlten. Ein Grizzlybär hat sie getötet und gefressen. Niemand hat dem Bären einen Vorwurf gemacht, aber er wurde noch am selben Tag von Wildhütern ¬erlegt. Es gibt also Grenzen.

Eines steht fest: Die Schweizer wollen keine Zweitwohnung im Gebirge, dafür aber Bären. Jetzt haben wir endlich wieder einen Braun¬bären namens M13, der laut Wildhütern an der Schwelle zum «Problembär» steht. 20 Minuten online fütterte letzte Woche die Schweiz mit wackeligen Bärenvideos der Jägerfamilie Riatsch. Vor allem für die Kinder sei der Bär ein riesiges Ereignis gewesen. Doch hätten sie auch ein mulmiges Gefühl gehabt. «Er sah so lieb und niedlich aus, aber man sollte immer vorsichtig sein», sagt Jägerin Seraina Riatsch. Hoffen wir, 20 Minuten und die anderen Medien verhelfen uns noch lange zu weiteren marginalen Adrenalinkicks. Der Wunsch, die Natur auch live zu erleben, wächst derzeit sicher. Solange bewaffnete Menschen auf Bärenpirsch gehen, haben zumindest beide eine Chance. Die Frage ist allerdings, welche Chance wir dem Bären wirklich geben sollten.

In Österreich gibt es drei eigens beauftragte Bärenanwälte, um in Bärenregionen die Akzeptanz der Tiere zu fördern und bei der Klärung von Schadensfällen zu helfen. Auf Wikipedia wird behauptet: «Trotz gelegentlicher Schäden an Haustieren und Bienenstöcken ist die Anwesenheit von Braunbären in Österreich heute von der Bevölkerung weitgehend akzeptiert.» Hoffen wir, die Haustiere sehen das auch so.
Bei uns hat das Bundesamt für Umwelt (Bafu) ein Konzept Bär Schweiz verfasst. Bezweckt wird «eine prinzipiell positive Grundeinstellung zur Wiederansiedlung der Braunbären unter Berücksichtigung aller möglichen Konsequenzen und Risiken».

Für M13 bedeutet dies, dass er umerzogen werden soll! Auf der Website des Nationalparks steht die frohe Botschaft: «M13 muss wieder mehr Scheu vor den Menschen beigebracht werden, damit seine Fluchtdistanz wieder vergrössert werden kann. Damit soll auch verhindert werden, dass er regelmässig in Siedlungsnähe auftaucht und dort nach Fressbarem sucht.» Eines steht allerdings fest: Das Fressen werden sie ihm nicht abgewöhnen. In krassem Gegensatz zur schweizerischen ¬Bärenliebe steht übrigens das informative Merkblatt «Der Bär ist ein Raubtier: Halten Sie ¬Distanz!» des Amts für Jagd und Fischerei Graubünden auf derselben Website. Darin werden Ratschläge erteilt, etwa: «Was tun, wenn ein Bär angreift.» Jeder Teddybär stiftet mehr Trost als das Merkblatt. Wer gerne der gruseligen Realität in die Augen schauen will, sollte auf Youtube «bear attack» eintippen. Man kann dann nämlich sehen, was in den Ländern passieren kann, wo diese Merkblätter erfunden worden sind und verteilt werden.
Jeder Bär ist nämlich ein Problembär. Wir wissen es und blenden es aus. Warum wohl wird sogar der arme Finn hinter Gittern seiner Potenz beraubt? Weil er Junge haben wollte, die wiederum Platz und Futter brauchen. Heute kann man aus lauter politischer Korrektheit einen Zoobären nicht mehr essen, also braucht es die Umsiedlung, und die ist teurer als eine Sterilisierung. Unser Nationalpark hat aber letztlich genau wie der Bärenpark ein Platzproblem. Schon heute zählt das Unter¬engadin offensichtlich zum Bärenausflugs¬gebiet. Noch sind viele Bündner enthusiastische Jäger, das Problem könnte sich somit in Grenzen halten. Mit wachsender Bärenpopulation werden aber einige der Gebirgsregionen nicht mehr Nah¬erholungszone für uns sein. Wir müssten sie abtreten, inklusive Skilift und Wodka-Bar. Wer sich für mehr Bären in einem vermeintlichen Streichelzoo in ganz Graubünden und im Wallis einsetzt, sollte sich auch bereits jetzt für die Bärenjagd engagieren, damit das Problem sich in Grenzen halten lässt. Nur, diese zwei Seelen wohnen selten in der gleichen Brust.

Zuerst erschienen in Die Weltwoche, Ausgabe 16/2012 | Mittwoch, 18. April 2012

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