Quentin Quencher / 16.10.2016 / 12:04 / Foto: Dirk maxeiner / 2 / Seite ausdrucken

Warum wir Stereotypen brauchen und darüber lachen dürfen

In einem Interview über Migration nach Deutschland, bei L.I.S.A. und unter der Überschrift "Das Abendland verändert seine geistige und soziale Physiognomie", erwähnt der Philosoph Ferdinand Fellmann unter anderem, dass Stereotype durchaus hilfreich im Zusammenleben sind:

„Die Gastarbeitermigration in den 1960er Jahren ist nicht vergleichbar mit der unkontrollierten Flüchtlingswelle aus Syrien und anderen Ländern aus dem nahen und fernen Osten, die zunächst Züge einer modernen Völkerwanderung aufwies. Bei den Gastarbeitern handelte es sich um überschaubare Gruppen aus Europa, deren Einordnung durch Stereotype erfolgte.“

Dann spricht er noch ein heißes Eisen an: Die verschiedenen Mentalitäten. Dies wird in der öffentlichen Diskussion weitestgehend ausgeblendet, weil, so Fellmann: „Die Mentalitätsdifferenz darf im öffentlichen Diskurs wegen der "political correctness" allerdings nicht ins Feld geführt werden, da man sich damit des Rassismus verdächtig machen würde.“

Stereotypen sind nur in Richtung rechts erlaubt

Über Stereotype erklärten wir uns die Mentalitäten der anderen und sie helfen dabei den Fremden zu verstehen. Heute wird dies, wie Fellmann erwähnt, auf Grund der "political correctness" zumindest in Öffentlichkeit nicht mehr gern gesehen, ja mehr noch, schnell ist jemand als Rassist abgestempelt, bedient er sich dieser Stereotypen. Die sind, politisch ganz korrekt, nur in Richtung rechts oder AfD erlaubt.

Dabei verwenden wir, wir alle, sie beinahe ständig: Sozen, Schwarze, Grüne, oder Mann, Frau, Bayer, Friese. Niemand käme auf die Idee, dass diese jeweiligen Stereotypen genau eins zu eins aufs Individuum übertragbar wären. In Einzelaspekten schon, dann heißt es: Typisch Mann, typisch Frau, oder so. Dennoch helfen die Stereotypen, sie geben eine Orientierung über das ungefähr Erwartbare. Mehr nicht, eigentlich. Überrascht ist man nur, wenn das Erwartbare genau zutrifft, oder genau das Gegenteil.

Verzichten wir auf Stereotype, was nur theoretisch geht, praktisch aber nie - auch die Refugee welcome Rufer hatten welche im Kopf - bleibt das Fremde, der Fremde, fremd. Aber bezüglich der Mentalitäten, hmm, ist das nicht brandgefährlich und bietet dem Rassismus ein Einfallstor? Nun, mit dem willkürlichen konstruieren von Stereotypen wird in Auseinandersetzungen tatsächlich viel Schindluder getrieben, gerade der Antisemitismus ist von stereotypen Vorstellungen über die Juden geradezu durchsetzt. Der Antiamerikanismus genauso, eigentlich alles was mit Anti beginnt.

Die Vorsilbe Anti gäbe es gar nicht, würden wir nicht in Stereotypen denken. Pro auch nicht. Das betrifft doch Ideologien, nicht Menschen, mag man einwenden. Ich glaube das nicht, es betrifft sowohl das eine als auch das andere. Gruppenidentitäten beschreiben Mentalitäten und Charakter, sie in Stereotypen zusammen zu fassen ist legitim, ungeachtet der Möglichkeit des Missbrauchs, und oft ratsam um einen Anfangszugang zu ihnen zu bekommen. Da die Erwartung nur ungefähr ist, bleibt viel Raum für individuelle Korrekturen.

Volksgruppen ohne die Zuhilfenahme von Stereotypen zu beschreiben ist unmöglich

Kleines Beispiel. 1983 in Stuttgart als Sachse angekommen, überreichte mir der Freund eines Freundes, der zur Einzugsparty unser ersten Wohnung in dieser Stadt einfach erschienen war, ein Büchlein von Taddäus Troll: »Deutschland deine Schwaben«. „Das musst du lesen,“ sagte er, sonst würde ich die Menschen hier nicht verstehen. Er hatte Recht, zumindest erleichterte es mir den Zugang zur Mentalität der Schwaben. Es war sehr hilfreich, unterhaltsam dazu. Ein anderer anwesender Schwabe meinte: „Für Reigeschmeckte sollte der Taddäus Troll verboten werden, jetzt durchschaut der Quentin uns und lacht uns aus“. Das war natürlich nicht ganz ernst gemeint, nur eben so ein typisch schwäbisches »sich selbst auf dem Arm nehmen«, was die Schwaben übrigens mit den Sachsen gemeinsam haben. Stereotype, klar doch. Volksgruppen ohne die Zuhilfenahme von Stereotypen zu beschreiben ist schlicht unmöglich.

Selbstverständlich entdeckte ich schnell auch die Mentalitätsdifferenzen, um wiederholt den Ausdruck von Ferdinand Fellmann zu gebrauchen. Allen war, allen ist deren Existenz bewusst. Besonders schön wird das in Witzen ausgedrückt, sie beginnen meist mit: Was ist der Unterschied zwischen ...? Stopp. Mein Lieblingswitz aus dieser Kategorie muss hier rein, auch wenn er schon einen langen Bart hat:

„Bei den Engländern ist alles erlaubt was nicht verboten ist, bei den Deutschen ist alles verboten was nicht erlaubt ist und bei den Italienern ist alles erlaubt, auch wenn es verboten ist.“

Kann man Mentalitätsdifferenzen besser beschreiben und ist dieser Witz nun rassistisch? Lachen können ja alle darüber, also ist er auch wahr. Er betont trennendes und führt dennoch zusammen, weil Mentalitäten begreifbar werden. Unter Zuhilfenahme von Stereotypen, na und, da ist nichts schlimmes dran. Hätten die Gründungsväter des EURO diesen Witz ein wenig ernster genommen, die darin ausgedrückte Weisheit entdeckt, dann hätten wir heute vielleicht ein Problem weniger.

Stellen wir uns die drei Personen aus dem Witz einmal vor, wie sie über die Euro denken. Der Engländer hätte Bedenken, dass durch die Deutschen jede Flexibilität und Kreativität abgewürgt wird, der Deutsche, dass der Italiener sich sowieso an keine Vereinbarungen hält und dass man dem Engländer ständig auf die Finger schauen muss, weil, was in der City of London geschieht eh windig ist. Und der Italiener, der wird die Lebensart und Kultur der »Latiner« durch den teutonischen Kapitalismus bedroht sehen (bei Agamben abgekupfert).

Rassismus blamiert sich selbst, wie politische Korrektheit auch

Stimmt das alles so? Ungefähr schon. Was Wissenschaftler aller möglichen und unmöglichen Fachrichtungen mit viel Arbeit und vielen Studien heraus arbeiten können, ist als Weisheit schon im vergleichenden Witz transportiert. Unter Verwendung von Stereotypen und Würdigung der Mentalitätsdifferenzen. Also politisch völlig unkorrekt.

Über die verschiedenen Mentalitäten in Europa, oder in Deutschland, machen wir Witze über die meist lachen können, auch und gerade über uns selbst. Nur Kleingeister, und solche die politisch korrekte Sprechweisen zum neuen allgemeingültigen Knigge erhoben haben möchten, verwehren sich dagegen. Dies allerdings mit ziemlich rabiaten Methoden: Dem Rassismusvorwurf.

Natürlich wurde auch Schindluder in der Beschreibung von Mentalitätsdifferenzen getrieben, selbstverständlich wurden die Grenzen zum Rassismus tatsächlich, nicht nur von den Nazis oder von den Kommunisten, überschritten. Doch das ist meist Propaganda und entlarvt sich in der Regel selbst. Derjenige der solche Witze vorträgt, gibt sich lediglich als Anhänger einer bestimmten Ideologie oder Weltanschauung zu erkennen und wird von den anderen nicht mehr ernst genommen. Ein höfliches leicht gequältes Lachen blamiert die Propaganda, ein herzliches, manchmal auch dreckiges Lachen, zeigt an, hier wurde eine Wahrheit im Witz transportiert.

Rassismus blamiert sich eben selbst, wie politische Korrektheit auch, besondere Sprachregelungen sind deswegen unnötig, sind eigentlich sogar gefährlich, wie das angeführte Beispiel von Prof. Fellmann zeigt. Wir sprechen dann nicht mehr über Mentalitäten, aus der Angst heraus uns auf verbotenes Terrain zu begeben und den Zorn der politisch Korrekten zu erwecken.

Ich will Witze über alle möglichen Leute hören

Was geschieht aber, wenn die Mentalitätsunterschiede Witze verhindern? Karikaturen sind ja auch nur gezeichnete Witze. Dann, ja dann, ist Europa nicht mehr Europa. Ist Europa noch Europa? Über unsere Unterschiede, in Stereotype verpackt, lachen wir, natürlich lachen wir auch über uns selbst. Wenn das nicht mehr möglich ist, dann, ja dann, hat sich die geistige und soziale Physiognomie des Abendland verändert, wie es der Wissenschaftler erklärt. Oder Europa ist nicht mehr Europa, wie es der gemeine Bürger sagt.

Ich will Witze über alle möglichen Leute hören, über die Schwaben, die Sachsen, die Friesen, über die Engländer, Franzosen oder die Italiener. Ein herzliches Lachen über das Trennende macht es begreiflich und führt zum gegenseitigen Verstehen. Dies geschieht am Stammtisch, am Arbeitsplatz, im Freundeskreis. Das Lachen erklärt uns die Mentalitätsunterschiede und baut damit mehr Spannungen ab, als es irgendwelche staatliche Programme oder mediale Belehrungen je könnten.

Tim Thaler, der Held eines schönen Kinder- oder Jugendbuches von James Krüss, verkaufte sein Lachen an den Teufel; wir verkaufen es heute an die politische Korrektheit, einen der Teufel der Gegenwart. Oder wir verkneifen es uns aus Angst vor den Befindlichkeiten, ich würde sagen der Mentalität(en), der Migranten. Vielleicht auch wegen deren Religion, doch das ist nebensächlich, die Mentalität ist wichtiger. Tim musste kämpfen, sich Freunde suchen die ihm halfen sein Lachen wieder zu bekommen. Seine Kindheit und seine Jugend verlor er darüber, aber er wusste dann wenigstens, welch kostbares Gut das Lachen ist. Wissen wir es heute? Und wissen wir auch, dass wir ebenfalls um unser Lachen kämpfen müssen?

Dieser Beitrag erschien zuerst in Quentin Quenchers Blog Glitzerwasser hier

Foto: Dirk Maxeiner
Leserpost (2)
Wolfgang Richter / 17.10.2016

Die unterschiedlichen Mentalitäten der bestehenden EU-Mitgliedsländer versucht man ja seit mindestens einem Jahr, vor allem in Deutschland bejubelt, mittels der anders artigen Mentalitäten der “uns geschenkten Menschen” zu überdecken und zu “verwässern”. Auch deshalb gibt es das im Juli diesen Jahres erstellte “Strategiepapier der EU-Kommission zur NEUANSIEDLUNG”  von Menschen, die von außerhalb der EU zuwandern.

Sepp Kneip / 16.10.2016

Vielen Dank, dieser Beitrag erleichtert ungemein und entlarvt die heuchlerischen Gutmenschen samt ihrer Political-Correctness-Blasen.

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