Gastautor / 07.10.2017 / 06:05 / Foto: Tim Maxeiner / 19 / Seite ausdrucken

Warum Vegetarismus das Leben der Tiere nicht verbessert

Von Thilo Spahl

Manche mögen einfach kein Fleisch, manche wollen ihren CO2-Abdruck reduzieren, manche glauben, es sei gesünder, aber wahrscheinlich die meisten Vegetarier verzichten zumindest teilweise deshalb auf Fleisch, weil ihnen die Tiere leidtun und sie es ethisch für falsch halten, sie zu essen.

Tun sie das Richtige? Vegetarier, die ihren Verzicht auf das Fleischessen ethisch begründen, handeln nicht konsequent, sagt Thomas M. Sittler-Adamczewski von der Oxford University in einem Aufsatz in der Zeitschrift "Journal of Practical Ethics". Vegetarier behaupten letztlich, das Dasein der vom Menschen gehaltenen Schlachttiere sei so schlecht, dass es für sie besser wäre, nicht zu existieren. Indem Vegetarier auf Fleisch verzichten, sorgen sie dafür, dass weniger Tiere zur Fleischgewinnung erzeugt und gehalten werden.

Sie wollen das Leiden reduzieren, indem sie die Zahl der Tiere reduzieren. Das höhere Ziel ihres Verzichts ist also die Nichtexistenz der Tiere, die sonst für ihren Bedarf erzeugt würden. Würden sie glauben, die Tiere hätten ein Leben, dass zwar mit Leiden verbunden ist, aber immer noch besser sei als gar nicht erst auf die Welt zu kommen, dann wäre nicht Fleischverzicht die richtige Strategie, um den Tieren zu helfen, sondern ein Engagement für bessere Haltungsbedingungen.

Wollten solche ethisch motivierte Vegetarier konsequent nach ihren Überzeugungen handeln, müssten sie jedoch andere Prioritäten setzen, als sich fleischlos zu ernähren, behauptet Sittler-Adamczewski. Denn wenn man glaubt, Nutztiere lebten ein Leben, das es nicht wert ist, gelebt zu werden, dann müsse man in Hinblick auf wild lebende Tiere allemal zum selben Schluss kommen.

Wild lebende Tiere sind sehr viel öfter sehr viel größerem Leiden ausgesetzt als Nutztiere. Für Wildtiere ist es nicht ungewöhnlich zu verhungern, zu verdursten oder bei lebendigem Leib aufgefressen zu werden – von Raubtieren oder auch von Parasiten. Sie frieren und erfrieren, werden verletzt, werden gejagt, leben in Angst. Sie sterben qualvoll an allen möglichen Krankheiten. Natürlich gibt es auch einzelne Tiere, die ein Leben in Freiheit leben, es genießen (was auch immer das für die jeweilige Art bedeutet) und ihre Lebensspanne weitgehend ausschöpfen. Doch solche Individuen sind nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Sittler-Adamczewski verweist darauf, dass die Mehrzahl der Tierarten der sogenannten r-Selektion unterliegt. Diese evolutionäre Strategie besteht darin, dass eine große Zahl an Nachwuchs zur Welt gebracht wird, von dem dann nur ein geringer Teil das fortpflanzungsfähige Alter erreicht (und so in die Lage kommt, die eigenen Gene wieder an eine weitere Generation zu vererben). Die meisten Tiere sterben also jung und damit eher auf leidvolle Art und Weise, ohne davor lange Zeit gehabt zu haben, sich ihres Daseins zu erfreuen.

Wildtiere töten oder ihnen helfen

Einem Vegetarier müssten die Wildtiere also ebenso am Herzen liegen wie die Nutztiere. Und wenn er ethisch handeln möchte, müsste er sich auch bei ihnen darum bemühen, dass sie gar nicht erst geboren werden. Sittler-Adamczewski geht noch weiter. Seiner Meinung nach müsste sich ein Vegetarier in seinem Bemühen auf Wildtiere konzentrieren, weil hier viel mehr Leiden zu verhindern wäre. Zudem gebe es sehr viel mehr Wildtiere als Nutztiere. Während der Mensch rund 24 Milliarden Tiere hält (davon 17 Milliarden Hühner), wird die Zahl der wildlebenden Landvögel, Säugetiere und Fische auf rund 60, 100 und 10.000 Milliarden geschätzt. Es gibt da draußen also unzählige Tiere, deren Leiden verhindert werden könnte, wenn man ihre Existenz verhindern würde.

Die Maßnahmen, die Sittler-Adamczewski hierfür vorschlägt, dürften den meisten von uns, ob Vegetarier oder nicht, intuitiv keinesfalls als moralische Großtaten erscheinen. Man könnte die Tiere zum Beispiel sterilisieren oder besonders tierreiche Ökosysteme wie Regenwaldgebiete zerstören. Auf diese Art könnten sehr viel mehr Tiere „gerettet“ werden als durch Fleischverzicht. Eine Möglichkeit wäre auch, mehr Fleisch zu essen. Denn um Futter für das Schlachtvieh zu produzieren, wären zusätzliche Anbauflächen notwendig, die dann nicht mehr für eine im Vergleich größere Zahl von Wildtieren als Lebens- und Leidensraum zur Verfügung stünde. So könnte man, indem man ein großes Tier, etwa ein Rind, mästet – und auch schützt und gesund erhält, um es am Ende essen zu können – mitunter Hunderten kleineren ein leidvolles Leben in freier Wildbahn ersparen.

Auch wenn ein Vegetarier die plausible, aber naturgemäß schwer zu beweisende Annahme ablehnte, dass das Leben von Wildtieren durchschnittlich leidvoller ist als das von Nutztieren, und der Überzeugung wäre, dass bei Wildtieren Existenz besser wäre als Nicht-Existenz, so müsste er dennoch, um möglichst viel Gutes zu tun, sich eher um die Wildtiere kümmern. Nicht indem er versucht, ihre Zahl zu verringern, sondern dann durch Verringerung des Leidens. Hierzu kann etwa die Ausrottung von Raubtieren beitragen oder die Impfung gegen Krankheiten oder auch individuelle Hilfen.

Sittler-Adamczewski nennt als Beispiel Zahnersatz für Elefanten, denn die Dickhäuter sind ohne ihre Zähne nicht überlebensfähig. Vom Hunger geschwächt können sie sich nicht mehr verteidigen und werden von Raubtieren bei lebendigem Leib gefressen. Dieses Beispiel zeigt allerdings auch, dass es nicht einfach zu entscheiden ist, ob man mit einer Intervention Leiden verringert oder vermehrt. Wenn der Elefant nicht stirbt, leidet eine ganze Reihe anderer Tiere an seiner Weiterexistenz. Solche, mit denen er um Futter konkurriert und die daher vielleicht hungern. Solche, die er zertrampelt und mitunter auch die Löwen, deren Überleben letztlich davon abhängt, dass sie auch einmal einen Elefanten, einen Büffel oder ein Flusspferd erlegen und gemeinsam mit Geiern und Hyänen fressen können.

Was Sittler-Adamczewski nicht behandelt, ist die Frage, was mehr Tierleid verursacht: eine fleischlose Ernährung oder eine fleischbetonte. Auch sie ist nicht einfach zu beantworten. Wir müssen bedenken, dass der Anbau von Obst, Gemüse und Getreide ein ständiger Kampf gegen Tiere ist, die das Ganze möglichst schon vor der Ernte verputzen wollen. Der australische Biologe Mike Archer schätzt, dass für die Erzeugung eines Kilogramms Eiweiß 25 Mal mehr leidensfähige Tiere sterben müssen, wenn wir Pflanzen statt Rindfleisch aus Weidehaltung essen. Und diese Tiere werden nicht nach strengen Tierschutzgesetzen getötet, sondern zerhackt und vergiftet.

Wenn wir uns also über Vegetarismus und Tierschutz Gedanken machen, müssen wir letztlich feststellen, dass es keinen Zusammenhang gibt. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.

Thilo Spahl ist Diplom-Psychologe und lebt in Berlin. Er ist freier Wissenschaftsautor, Mitgründer des Freiblickinstituts und Novo-Redakteur, wo dieser Beitrag zuerst erschien.

Foto: Tim Maxeiner

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Leserpost (19)
Matthias Thiermann / 07.10.2017

@M. Münch. Der Artikel ist nicht unausgegoren. Wenn überhaupt, dann gibt er Sichtweisen von zwei Forschern wieder und deren Analyse, und die kann man als unausgegoren bezeichnen. Sollte man aber nicht unbedingt. Keiner hat behauptet, Vegitarismus sei doof oder dumm. Lediglich eine häufig benutzte Begründung für Vegitarismus wurde untersucht und in Frage gestellt. Dieses Vorgehen kann in einer gesinnungsethisch überladenen Zeit in meinen Augen nicht schaden. Es könnte helfen Hysterie einzudämmen und den Blick für die Realität und das sinnvoll machbare wieder zu erlangen.

Wolfgang Richter / 07.10.2017

@ Marina Münch Ich konnte mich in Malaysi persönlich davon überzeugen, daß der Urwald dort den Palmölplantagen (Öl für Lebensmittel, Kosmetik- u. Reinigungsmittelproduktion, u. der gute Bio-Diesel) weichen mußte, was mit Tierfutter eher weniger zu tun hat. Gleiches gilt für Indonesien. Und daß in Brasilien der Regenwald neuzeitlich vor allem mit dem Ziel der Ethanol- gewinnung platt gemacht wird, damit die Brasilianer und “wir” als Perverseion des Begriffs “Essen auf Rädern” sog. Biosprit tanken müssen, dem Willen der politischen Weltenretter folgend, ist auch kein Märchen der Gebrüder Grimm.

Winfried Sautter / 07.10.2017

Das Elend dieser Welt wird letztendlich nur durch die Abschaffung des Menschen erlöst. Zumindest deshalb, weil es dann niemanden mehr gibt, der darüber moralisiert.

Prof. Dr. Uwe Ebel / 07.10.2017

Man weiß bei der Lektüre dieses Ergusses nicht, ob der Verfasser bewusst an der Sache vorbei argumentieret oder ob er selbst glaubt, was er schreibt. Das Leben vieler “Nutztiere” - was schon für ein Wort! - ist sicherlich angenehm, das vieler anderer allerdings nicht, man denke nur an Hühner, an Kälber usw. Die Tötung der “Nutztiere” jedoch ist allemal auf Qual abgestimmt. Man möge doch mit Argumenten kommen, nicht mit Verunglimpfungen! Mir sagte vor einiger Zeit eine Fleischfresserin, dass “Gott” wolle, dass der Mensch Tiere töte - ein praktisch,es Argument, weil man sich ein Phantom wie “Gott” selbst zurechtphantasieren kann. Dass Fleischfresser in Vegetariern ganz offensichtlich Feinde sehen, die es mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt, besagt etwas über ihre eigene Gewissensnot. Warum sagen sie nicht einfach, dass sie dem Leiden von Tieren gegenüber empfindungslos sind. Wäre wenigstens ehrlich und entspräche exakt dem, was der Verfasser hier zum Ausdruck bringt - freilich versteckt.

mike loewe / 07.10.2017

Es funktioniert, und zwar wie bei einer Religion: Die Vegetarier brauchen nur ganz fest daran zu glauben, dass Vegetarismus etwas am Tierwohl verbessert. Und da die Landwirte wissen (oder glauben), dass die Vegetarier das glauben, fangen sie an, die Tierhaltung zu verbessern (und zwar in dem Sinne, wie Vegetarier glauben, was eine Verbesserung darstellt), einfach aus dem schnöden Grund, dass sie nicht wollen, dass noch mehr ihrer Kunden Vegetarier werden. Für die Vegetarier ist das freilich eine Bestätigung ihres Glaubens.

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