Warum unsere Zukunft nicht berechenbar ist

Haben Sie vor zwanzig Jahren die Möglichkeit vermisst, eine SMS zu schreiben? Oder hatten Sie damals das Gefühl, ohne ein Navigationssystem wäre eine Autofahrt von Bern nach Schaffhausen unmöglich? Wie oft haben Sie in den 80er Jahren Ihren Kaffeehersteller angerufen und gesagt: Ich hätte gerne ein Kapselsystem, bei dem ich meinen Kaffee nicht mehr im Geschäft kaufen kann, sondern nur noch übers Internet? All das war nicht vorhersehbar. Doris Day hatte vollkommen recht, als sie in Que sera, sera sang “the future’s not ours to see”.

Das Problem: Zuzugeben, dass viele Aspekte unseres Lebens ziemlich unberechenbar sind und dass wir meist nicht die leiseste Ahnung haben, wie eine Sache ausgehen wird, kommt für uns oft einer Kapitulation gleich. Wir mögen keine Unsicherheiten. Deswegen sagen wir zu jedem noch so komplexen Thema irgendetwas vermeintlich Schlaues: „Kein Problem, die Renten sind sicher!“, „Neenee, um die Jahreszeit brauchst du da nie und nimmer Schneeketten!“ oder „Ach, der Knubbel am Hals geht garantiert wieder weg.“

Und auch, wenn wir mit solchen Sprüchen schon zigmal falsch lagen, schnattern wir uns auch beim nächsten Mal wieder um Kopf und Kragen. Das ist bei Experten nicht viel anders. In den achtziger Jahren hat der Sozialpsychologe Philip E. Tetlock die renommiertesten Experten aus unterschiedlichen Fachgebieten gebeten, Einschätzungen über die Zukunft abzugeben. Wie sieht die Welt in zwanzig Jahren aus? Wie entwickelt sich die Bevölkerung? Wird es mehr oder weniger Kriege geben? Gehen die Rohstoffe zur Neige? Et cetera, et cetera.

Insgesamt befragte er 248 Fachleute aus den unterschiedlichsten Wissensdisziplinen und erhielt so über 80 000 detaillierte Einschätzungen zu Ereignissen und Entwicklungen in der Zukunft. Dann wartete er 20 Jahre lang und glich die Aussagen der Fachleute mit der Realität ab. Das Ergebnis war niederschmetternd. Die Einschätzungen der Fachleute waren praktisch alle falsch. Allein 15 Prozent der von ihnen als vollkommen undenkbar eingestuften Ereignisse traten tatsächlich ein, während 25 Prozent der von ihnen als absolut sicher eintretende Entwicklungen ausgeblieben sind.

Doch noch viel schlimmer: Tetlock stellte eine bemerkenswerte Korrelation zwischen der Prognosequalität der Experten und deren Häufigkeit fest, mit der sie im Fernsehen auftreten. Sie ist auch als „Goldene Regel der Sektherstellung“ bekannt: Die größten Flaschen sind meist auch die lautesten.

Warum irren Experten? Immerhin wissen sie zweifellos viel mehr über bestimmte Zusammenhänge als Laien. Tetlocks Ergebnisse zeigen, dass erfahrene Fachleute den Laien durchaus überlegen sind. Aber nur, wenn es um eng begrenzte Themenfelder, Tätigkeiten oder Aufgaben geht. Stephan Lichtensteiner verwandelt mit Sicherheit mehr Elfmeter als Sie, lieber Leser. Sofern Sie nicht zufälligerweise Lionel Messi heißen. Ein Gehirnchirurg kann eine Lobotomie wesentlich besser ausführen als ein Steinmetz. Wobei es für das Opfer wahrscheinlich keinen Unterschied machen würde.

Wenn es jedoch um vielschichtige, weltumspannende Prognosen und Erklärungen geht, scheitern Fachleute. Nicht, weil sie Experten sind, sondern weil die Welt als Ganzes zu komplex ist, um sie zu erfassen. Löst China die USA als Weltmacht ab? Zerstört der Handywahn unsere Gesellschaft? Ist es in Zukunft möglich, ohne Atomstrom die vielen Windräder anzutreiben? Die einzige sinnvolle Antwort auf diese Fragen lautet: WIR WISSEN ES NICHT!

Es ist schlichtweg unmöglich, Unvorhersehbares vorherzusehen. Wissenschaftliche Erkenntnisse und Technologien verdoppeln sich je nach Fachgebiet alle zehn bis 20 Jahre. Noch im Jahr 2005 ist der Modezar Rudolf Moshammer mit einem Telefonkabel erdrosselt wurde. Heute wäre das rein technisch gar nicht mehr möglich.

Alleine die Dynamik des Fortschritts macht es unmöglich, die Zukunft weiter als ein Jahrzehnt vorherzusagen. Genau deswegen erscheinen uns rückblickend praktisch alle Zukunftsprognosen der namhaftesten Experten ihrer Zeit als lachhaft. Wenn man überhaupt etwas mit Gewissheit über die Zukunft sagen kann, dann nur, dass sie uns überraschen wird. Wir fliegen heute nicht mit Rucksackraketen durch die Lüfte, essen keine Astronautennahrung und haben kein Mittel gegen Krebs. Dafür haben wir das Internet, keine Mauer mehr und eine Pille, die bei ihrer Einnahme eine Erektion verursacht. Und seien wir mal ehrlich, wer braucht da schon Rucksackraketen?

“The future’s not ours to see” - für viele von uns ist das eine unbefriedigende Vorstellung. Doch in Wirklichkeit ist das toll. Denn wenn unser Leben tatsächlich vorhersehbar und berechenbar wäre, würde das ja bedeuten, dass die Zukunft feststeht. Wenn aber die Zukunft feststeht ist, wo ist dann die Freiheit? Wo ist dann der Raum für Phantasie? Freiheit, Fortschritt und Innovation gibt es nur um den Preis der Unberechenbarkeit. Que sera, sera …

Achse-Autor Vince Ebert ist Physiker, Autor, TV-Moderator und Wissenschaftskabarettist. Soeben ist sein viertes Buch erschienen: «Unberechenbar: Warum das Leben zu komplex ist, um es perfekt zu planen.» Mehr vom Autor unter http://www.vince-ebert.de/buecher/

 

 

 

Foto: Bildarchiv Pieterman
Leserpost (5)
Helmut Driesel / 27.02.2016

Das ist fabelhaft, aber dennoch Metaphysik: “Denn wenn unser Leben tatsächlich vorhersehbar und berechenbar wäre, würde das ja bedeuten, dass die Zukunft feststeht. Wenn aber die Zukunft feststeht ist, wo ist dann die Freiheit?” Wenn in der unbelebten Natur die Entropie stetig zunimmt und in den organisierten intelligenten Systemen ab, dann gibt es rein hypothetisch in der Zukunft lokale Punkte maximaler Organisation, wo es nicht mehr weiter geht. Freiheit dann = Null. Ausweg: Die Systeme machen Fehler, die Strukturen zerstören sich selbst, um mit neuen Anfangsbedingungen unter der unbarmherzigen Knechtschaft der Thermodynamik von vorn zu beginnen. Sisyphos lässt grüßen! Man kann die Zukunft derzeit zwar nicht komplex genug vorausberechnen, aber es gibt immer Leute, die zutreffende Vorhersagen machen. Das ist ein Auswahlproblem, keine Frage der Mathematik. Dass es auch kein Glaubwürdigkeitsproblem ist, sieht man beispielsweise an den Vorhersagen der Begründer des Christentums. Je perfekter die Gegenwart schon ist, um so weniger wird sich in der Zukunft verändern. Insofern ist Ihre These als Überschrift ein gelungenes Produkt aus einer sehr unfertigen Zeit.

Gerhard Sponsel Lemvig / 26.02.2016

Ich freue mich aufs Buch. Am Samstag kommt es.  Hoffentlich ist wirklich genung Atomstrom vorhanden um die Windräder anzutreiben. Ich lese nämlich nur mit naturstrombefeuerten Licht.

Stefan Peltzer / 25.02.2016

Ein Genuss, dies zu lesen. Ich habe mich prächtig amüsiert. Der etwas schräge Humor trifft genau die Synapsen meines Hirns, die mir mein Leben lebenswert machen. Ich als Techniker wünschte mir schon, dass Herr Ebert mit seiner leichten Art uns den Stress der Gegenwart nehmen könnte. Aaaber….. leider gibt es da einen Haken. Die “technische Zukunft” ist etwas anderes als die gesellschaftliche oder politische Zukunft. Ich vermute, dass sich seinerzeit nicht wenige Zeitgenossen bei Göbbels Rede im Sportpalast (“Wollt ihr den totalen Krieg?”) schon darüber im Klaren waren, wie die Zukunft aussehen wird. Was ich damit sagen will: Die - wahrscheinlich richtige - Erkenntnis Eberts nimmt uns nicht die Mühe und Arbeit ab, die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen mit Sorge zu beobachten und zu versuchen, diese mit Aktivitäten unterschiedlichster Art in eine wünschenswerte Richtung (selbst hier hauen wir uns mitunter die Köpfe ein, diese zu definieren) zu lenken. Mal ehrlich: Wenn wir die technischen Fortschritte der letzten 50 Jahre mit denen der Gesellschaftlichen vergleichen, welche schneiden da besser ab? Haben wir die Kriminalität in den Griff bekommen? Können wir heute unsere Häuser unverschlossen halten? Ist die Bevölkerung mündiger geworden? Werden wir besser informiert? Warum muss es überhaupt die Achse geben? Gehen wir respektvoller miteinander um? Haben wir die Arbeitslosigkeit in den Griff bekommen? Leben wir die Freiheit, die die Väter des Grundgesetzes sich vorstellten? (Demokratie, Meinungsfreiheit…) Um die “technische Zukunft” mache ich mir eigentlich wenig Sorgen. Wenn wir in Deutschland die Gentechnik ablehnen, Kernkraft (Spaltung und Fusion) nicht wollen und zukünftige Forscher nur noch auf Mittelmaß schulisch bilden, dann werden dies halt andere Länder übernehmen. Aber wo landen wir gesellschaftlich? Dies ist meine Sorge!

Jürgen Althoff / 25.02.2016

Da könnte man schon mal fragen, zu was eine jährlich Nobelpreisträgertagung mit Diskussionen über Zukunftstrends nütze ist, außer als gesellschaftliches und PR-Ereignis. Um heute einen Nobelpreis zu erhalten, muss man sehr viel Glück haben und auf einen winzigkleinen Ausschnitt eines Fachgebietes fokussiert sein. In der Realität wird dann jemand, der sich sein Forscherleben lang z.B. mit dem Signalaustausch zwischen Körperzellen befasst hat, nach seiner Meinung - “als Nobelpreisträger” - z.B. zum Klimathema gefragt. Würde der Interviewer seinen Nachbarn fragen, wäre die Wahrscheinlichkeit einer sinnvollen Aussage kaum größer.

Thomas Schade / 25.02.2016

...und über die Vergangenheit gibt es auch nicht nur eine Meinung. Der Blick in die Zukunft ist getrübt und der Blick in die Vergangenheit ist verstellt - immer von unseren eigenen Vorstellungen und Erfahrungen. Menschlich eben! Danke für diesen humorigen Artikel als kleinen Tritt vor´s Schienbein der Bescheidwisser, Experten und Welterklärer und gegen mein eigenes… Thomas Schade

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