Gideon Böss (Archiv) / 10.01.2016 / 15:41 / 6 / Seite ausdrucken

Warum die Herkunft von Tätern etwas “zur Sache tut”

Auf Twitter und Facebook sehe ich immer wieder Aufforderung, weniger konkret über die Täter von Köln zu berichten. Gern geteilt wird dabei zum Beispiel ein „korrigiertes“ Statement vom nordrhein-westfälischen Innenminister Jäger, das im Original lautet:

„Wir nehmen es nicht hin, dass sich nordafrikanische Männergruppen organisieren, um wehrlose Frauen mit dreisten sexuellen Attacken zu erniedrigen.“

Die korrigierte Version liest sich dann so:

„Wir nehmen es nicht hin, dass Männer wehrlose Frauen mit dreisten sexuellen Attacken erniedrigen.“

Tausende User finden den veränderten Satz besser, der nun so allgemein gehalten ist, dass er gar keinen speziellen Bezug mehr zur Tatnacht hat.

Ein anderes Beispiel wäre Tilo Jung, der auch mehr Diffusität fordert: „Was tut es eigentlich zur Sache, was für eine Herkunft oder Religion Arschlöcher haben?“

Diese Haltung ist ziemlich kurzsichtig. Dahinter steht der Wunsch, die Sexualverbrechen von Köln möglichst so weit weg von der Flüchtlingsthematik zu halten wie möglich (und auch das Misstrauen gegenüber der Bevölkerung, dass sie nicht unterscheiden könnte zwischen komplett verrohten Verbrecher und Hunderttausenden Flüchtlingen, die nicht so sind). Aber der Zweck heiligt in Fragen der Sicherheit eben nicht die Mittel. In einem Rechtsstaat muss Wert auf Aufklärung gelegt werden, da kann nicht aus ideologischen Gründen mal ein Auge zugedrückt werden. Es geht auch nicht, einerseits Edward Snowden als Helden zu feiern und andererseits von staatlichen Einrichtungen beinahe zu verlangen, Fakten zurückzuhalten.

Vor allem aber ist denen, die wie Tilo Jung argumentieren, offenbar nicht bewusst, was die Konsequenzen aus ihren Forderungen wären. Wenn nämlich der Täter nicht mehr genau benannt wird, kann auch gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit nicht mehr verfolgt werden. Aus dem einfachen Grund, weil dann nicht mehr ermittelt werden kann, wer konkret der Täter ist. Das entscheidet jedoch darüber, ob eine Tat fremdenfeindlich ist oder nicht. Es ist ein Unterschied, ob ein Syrer einen Syrer niederschlägt oder ob ein Nazi einen Syrer niederschlägt. Es ist absurd, so zu tun, als sei es nicht relevant, möglichst viel über die Täter in Erfahrung zu bringen. Wer das nicht möchte, kann Rassismus, Homophobie, Frauenfeindlichkeit, Islamhass und Antisemitismus schlicht nicht bekämpfen.

Gideon Böss ist Autor. Im März 2016 erscheint sein neues Sachbuch “Deutschland, Deine Götter

Leserpost (6)
Hubert Cumberdale / 11.01.2016

Als Anders Breivik Menschen abschlachtete, sprach da irgendjemand von einem “atheistischen Täter” oder einem “nordeuropäisch/skandinavisch aussehenden Mörder”? Bezeichnete man Robert Steinhäuser nach seinem Amoklauf als “mitteleuropäisch aussehenden” Schüler mit weißer Hautfarbe und thüringischem Hintergrund? War Uli Hoeneß ein “süddeutsch aussehender” Steuerhinterzieher? Herr Böss übersieht, dass auch Neo-Nazis in der Regel als solche bezeichnet werden und nicht als “mitteleuropäisch aussehende” Menschen mit “sächsisch klingenden Dialekten”. Ich selber wurde hin und wieder als “südeuropäisch/osteuropäisch aussehend” bezeichnet. Ist das nun schon “südländisch” und gibt es eine Unterscheidung zwischen “gutem” südländischen Aussehen (Italiener, Spanier) und “schlechten” (Türken, “Jugoslawen”, Roma, Marokkaner)? Seit wann ist “Nordafrika” überhaupt ein Land? Oder “Arabien”? Sahen die Ägypter Gamal Abdel Nasser oder Anwar al-Sadat nicht dunkelhäutiger aus als der alte und der junge Assad, obwohl die doch alle “Araber” sind? Man traut sich gar nicht auszumalen, wie sich einige Leute in Israel zurecht finden würden, denn dort gibt es sogar “arabisch/nordafrikanisch aussehende” Juden… Hinfort mit diesen unsinnigen Gruppenzuschreibungen! Lediglich die Polizei muss erstmal wissen, wie ein Täter aussieht. Sollte er nicht gefunden werden, gibt es Fahndungsfotos für alle, auf denen dann auch deutlich die Hautfarbe erkennbar ist. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ein Vergewaltigungsopfer im Moment der Tat erstmal andere Sorgen hat als beim Täter nachzufragen, welchem Glauben er angehört oder in welchen Ländern seine Großeltern geboren wurden.

Roland Schmiermund / 11.01.2016

“Tausende User finden den veränderten Satz besser” Das ist überrieben: 800 Jusos-Anhänger finden das richtig. Man muss die Herkunft schon benennen. Spätestens dann nehmen normal-begabte Menschen, die Wertung nicht mehr ernst.

Werner Schmidt / 10.01.2016

Der Argumentation des Autors kann ich nur zustimmen. Die Vorgabe des deutschen Pressekodex, wonach die Herkunft eines Täters nur dann genannt werden soll, “wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht”, erscheint mir in Einzelfällen sinnvoll. Anders sieht es m. E. dann aus, wenn eine bestimmte Volksgruppe bei einer Vielzahl von einzelnen Straftaten weit überrepräsentiert ist. Wenn Volksgruppen in der Berichterstattung immer wieder als Opfer vorurteilsbehafteter Diskriminierung genannt werden, während die Nennung im Zusammenhang mit von ihnen ausgehenden überproportionalen oder sogar systematischen kriminellen Aktivitäten unterbleibt, dann entsteht beim Leser zwangsläufig ein völlig falsches Bild von der Wirklichkeit. Dabei denke ich nicht nur an die aktuell im Fokus stehenden arabischen Migranten. Wenn aus der Befürchtung heraus, die ungeschminkte Darstellung des Geschehens könnte politisch unliebsamen Randgruppen Argumentationshilfe verschaffen, in Redaktionsstuben entschieden wird, was der angeblich so mündige Leser wissen darf und was nicht, dann findet dort nichts anderes als eine Vorzensur statt, welche eine Desinformation der Bevölkerung (Staatsbürger, Wähler) zur Folge hat.

Axel Wahlder / 10.01.2016

@Ein anderes Beispiel wäre Tilo Jung, der auch mehr Diffusität fordert: „Was tut es eigentlich zur Sache, was für eine Herkunft oder Religion Arschlöcher haben?“ : Hmm, diese Frage ist vielmehr an “Deutschland ist Scheiße!”-Rufer gerichtet. Warum Deutschland? Warum kein Neukaledonien?

Fridolin Kiesewetter / 10.01.2016

Komisch: Wenn es in einer Meldung heißt: In den USA hat ein weißer Polizist einen Farbigen erschossen, regt sich keiner der Gutmenschen darüber auf, daß die Hautfarben genannt werden. Nach deren Logik (“Was tut es zur Sache, welche Hautfarbe A. haben?”) müßte der Satz eigentlich lauten: Ein Polizist hat einen Mann erschossen. Aber was tut eigentlich das Land, Geschlecht, der Beruf oder die Tatwaffe zur Sache? Also am besten so: Irgendwo hat irgend jemand irgendjemanden irgendwie getötet.

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