Die Achse des Guten / 25.09.2017 / 06:15 / 10 / Seite ausdrucken

Wahlergebnis: Was meinen die Achgut-Autoren?

Susanne Baumstark:

Noch am Morgen des Wahltags wurde man angesichts der Voraussehbarkeit des Einzugs einer neuen Partei in den Bundestag mit kruden Schlagzeilen bombardiert wie „Das Ende der Bundesrepublik“ (Zeit). Sachlich gelassen dagegen n-tv: Unter dem Titel „Bundestag war zur Adenauer-Zeit bunter“ hieß es dort: „Der wahrscheinliche Einzug der rechten AfD in den Bundestag vergrößert dessen politische Vielfalt.“ Die Veränderung im Bundestag sei „Ausdruck einer größer gewordenen Dynamik in der deutschen Politik“. Man gleiche sich damit der europäischen Normalität an. Das Ende der politischen Einfalt wird sich sicherlich nachhaltig belebend auswirken. Darüber sollte nicht vergessen werden, dass die Zeit drängt, auf die massive Problematik der fragilen inneren Sicherheit effektiv zu reagieren. Das ist auch aus dem Wählerauftrag herauszulesen.  

Claudio Casula:

Kaum etwas dürfte den fortschreitenden Realitätsverlust der politischen Klasse deutlicher illustrieren als die Bilder aus den Parteizentralen, wo sich die Master of Disaster frenetisch feiern ließen, und der surreale Eindruck sollte sich bei der Berliner Runde und bei Anne Will fortsetzen. Ihr Unvermögen, die Ursache für den massiven Vertrauensverlust zu erkennen, und der ebenso durchschaubare wie untaugliche Versuch, vom eigenen Versagen durch das immer gleiche, nun wirklich ermüdende AfD-Bashing abzulenken, lassen für die Zukunft nichts Gutes ahnen. Von diesem Personal ist ganz gewiss keine Lösung von Problemen wie Migrations- oder Europakrise zu erwarten. Es wird verdammt ungemütlich.

Günter Ederer:

Minus 8,6 Prozent für die CDU, das schlechteste Wahlergebnis seit 1948 und da verzieht die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende keine Miene, sondern spricht vom Wählerauftrag an die CDU/CSU. Und daneben stehen ihre Hofschranzen und erklären, warum die Union eigentlich die Wahl gewonnen hat. Diese Partei ist nur noch peinlich. Wie inhaltlich und personell  muss sie ausgezehrt sein, dass eine solche Niederlage nicht zur sofortigen Abwahl des Spitzenpersonals führt - und was muss passieren, um diese Kanzlerin los zu werden, wenn selbst so krasse Wahlniederlagen ihr nichts anhaben können. Für die AfD ist Merkel ein Glücksfall.

Rainer Grell:

Ich versuche, das Wahlergebnis als Optimist im Sinne von Karl Valentin zu sehen, der gesagt hat: „Ein Optimist ist ein Mensch, der die Dinge nicht so tragisch nimmt, wie sie sind.“ Ich fürchte allerdings, dass es so endet, wie Bertolt Brecht es beschrieben hat: „Und sie sägten an den Ästen, auf denen sie saßen und schrien sich ihre Erfahrungen zu, wie man besser sägen könne. Und fuhren mit Krachen in die Tiefe. Und die ihnen zusahen beim Sägen schüttelten die Köpfe und sägten kräftig weiter.“

Manfred Haferburg:

Mutti hat die größte Hilfsorganisation für Nordafrika – nämlich die SPD – auf Platz zwei verwiesen. Die Bronzemedaille geht an die AfD - es gibt wieder sowas wie eine Opposition im Bundestag. Allerdings manifestiert sich jetzt womöglich eine Worst-Case-Bananenrepublik in Jamaikafarben. Jetzt müssen sie „alle alles erst mal analysieren“, so als wüssten sie nicht, woran es liegt. Am besten hat mir der vor Realitätsverlust tosende Beifall in der SPD-Zentrale für den von 100 Prozent auf 20 Prozent reduzierten Kakamaschu gefallen. Was klar ist: von heute ab wird medial gegeifert - halbe Seite gegen Trump, halbe Seite gegen die AfD. Das wird langweilig.

Gunnar Heinsohn:

Konservative und Liberale gemeinsam könnten mit über 55 Prozent jetzt die brennenden Probleme angehen. Die Dämonisierung des gelegentlich unsinnig Formulierten, aber aus den alternativen Reihen immer auch Korrigierten verhindert das. Doch selbst eine solche Koalition könnte nichts mehr daran ändern, dass beim Nachwuchs nur 5 Prozent die Kompetenz für Innovationen mitbringen, während bei der ostasiatischen Konkurrenz 30 bis 50 Prozent zukunftsfähig sind. Nicht einmal die Mittel zum Einkauf fremder Talente stehen zur Verfügung, weil in den kommenden Jahrzehnten 1,5 Billionen Euro für die Versorgung der Bildungsfernen aus der Fremde festgelegt sind. Deshalb geht aus der lebenswichtigen 5-Prozent-Minderheit die Flucht in Kompetenzfestungen weiter. Diese Könner bleiben mit wirklichen Konsequenzen für Deutschland handlungsfähig, weil allein sie es jederzeit verlassen können.

Gerd Held:

Die Bundestagswahl 2017 bedeutet zunächst eins: Merkel-Dämmerung. Der Merkelismus hat Perspektive und Ausstrahlung verloren. Jetzt gibt es nur noch ein schäbiges Klein-Klein und ein ständiges egoistisches Koalitionsgeschiebe.

Aber es gibt Wichtigeres als Merkel. Diese Wahl signalisiert den Anfang vom Ende eines historischen Zyklus: Seit 1990 durfte die deutsche Wiedervereinigung gar nicht richtig zum Zuge kommen, sondern musste sogleich „international eingebunden“ werden. Eine Politik, die am eigenen Land Maß und Mitte findet, wurde gar nicht entwickelt, sondern sogleich ein viel größeres Rad gedreht. Deutschland musste „europäisiert“ werden und die EU musste in einen staatsähnlichen Überbau über alle alten und neuen Mitgliedsländer verwandelt werden. Alle ruinösen Entscheidungen und Baustellen der letzten Jahre haben mit diesem großen Rad zu tun: Euro-Rettung, Energiewende, Klimapolitik, Preisgabe der Grenzkontrolle, Massenmigration, Parallelgesellschaft, Türkei-Affäre, Trump-Hetze, Grenzwert-Wahnsinn usw. usw. Die Ergebnisse sind ernüchternd. Sie verweisen auf eine grundlegende Fehlaufstellung Deutschlands. 

Im Ergebnis der Bundestagswahlen 2017 kommt dies nun politisch zu Bewusstsein und findet einen demokratischen Ausdruck: Durch den historischen Einbruch beider Volksparteien (auf die tiefsten Werte seit 1949) - diesmal auch bei der Kanzlerpartei CDU/CSU. Zugleich zieht mit der AfD eine Partei in den Bundestag ein, die – mehr oder weniger deutlich - eine Rückbesinnung auf die Maßstäbe und Möglichkeiten des eigenen Landes als ihr Markenzeichen hat. Ebenso werden dissidente Tendenzen in den etablierten Parteien sichtbar, auch zwischen CDU und CSU.

Noch ist es zu früh, um vom Beginn eines neuen Zyklus in der deutschen und europäischen Politik zu sprechen. Die erforderliche Umorientierung ist zu groß, als dass einfach umgeschaltet werden könnte. Aber eins kann man schon sagen: Der Zyklus wird noch einmal neu an den europäischen und deutschen Errungenschaften von 1989 ansetzen. Er wird die gewonnenen Freiheiten noch einmal neu aufgreifen. Nach den Eigenarten der jeweiligen Länder – politisch, wirtschaftlich und kulturell. Für das vereinigte Deutschland bedeutet das, dass es endlich als demokratisches, produktives und um seiner selbst willen liebenswertes Land auftreten kann. Und sich außenpolitisch nicht überheben muss.           

Peter Heller:

Demokratie ist fast immer für fast alle ein Ärgernis, weil manche laut aussprechen, was man nicht teilt, und andere wählen, was man nicht will. Aber Ärger ist auch ein Antrieb zur Veränderung, wie diese Wahl zeigt. Nun könnte die FDP tatsächlich Merkel stürzen. Denn Jamaika wäre für die Liberalen tödlich, weil sie gegen die Grünen selbst und die ergrünte Merkel-CDU unter Begleitung einer zahnlosen CSU keine Chance hätte, die Teile ihres Programms umzusetzen, für die sie gewählt wurde. Und in baldige Neuwahlen ginge die Union wohl nur mit einem anderen Kandidaten.

Walter Krämer:

Ich freue mich über diese Riesenklatsche für zwei Versager und hoffe auf eine Neuwahl im Januar. Dann ist Merkel endlich weg.

Vera Lengsfeld

Das wichtigste Ergebnis der Bundestagswahl ist, dass die Aufblähung des Bundestages gestoppt werden muss. Es gab eine Parlamentsreform in der Wahlperiode 1994-1998, die eine Größe von 500 Abgeordneten vorsah. Das wurde nie umgesetzt, statt dessen wurden die unsäglichen „Ausgleichsmandate“ geschaffen, die für die stete Vermehrung der Abgeordnetenspitze sorgen. Zweitens brauchen wir dringend eine Amtszeitbergrezung für für die Kanzler auf zwei Perioden. Für die Abgeordneten sollte es eine Begrenzung auf drei Perioden geben. Nur so kann das Parlament wieder zum politischen Arbeitsinstrument, statt einer Versorgungsanstalt für Abgeordnete werden.

Roger Letsch:

Es ist etwas faul, im Staate Deutschland und alle etablierten Parteien haben keine Ahnung, warum sie das Problem einfach nicht in den Griff bekommen. Stattdessen versuchen sich Grüne, FDP und SPD gegenseitig die Stufen zum Koalitions-Schafott hochzuschieben und niemand stellt den Führungsanspruch der Person in Frage, die gestern am deutlichsten abgestraft wurde: Angela Merkel. Sie sollte nach dem desaströsen Wahlergebnis die erste sein, die zurücktritt.

Jesko Matthes:

Nach der Wahl ist vor der Wahl, da ist Politik nicht anders als Fußball. Mit etwa 9% Wählerverlust ist dabei die „Wahlsiegerin“ CDU gleichzeitig die größte Verliererin der Partie. Denn noch ist Vieles möglich, auch, dass wir in ein paar Monaten erneut an die Wahlurnen gebeten werden. Der Wahlzettel – ein Denkzettel für alle, auch die Wähler selbst.

Denn schon vor der Wahl zeichnete es sich ab, dass es wohl nur die Alternativen einer alternativlos gewordenen Politik geben würde, die „Große“ Koalition zweier ehemaliger „Volksparteien“ und die seltsame „Jamaika-Konstellation“, in der die FDP den Wirtschaftsflügel und die Grünen den ökosozialen Flügel der CDU verstärken helfen. Ob sie sich auf diese funktionalen Rollen so einfach einlassen, ist keineswegs klar. Gerade die FDP und die Grünen trennen Welten.

Auch, ob die SPD zu ihrem Wort, dem Manuela Schwesigs und später auch dem des Martin Schulz, wirklich steht, ab sofort die Rolle der stärksten Oppositionspartei zu spielen, daran darf man noch seine Zweifel haben. Der erste Katzenjammer darüber ist bereits zu hören, auch aus der CDU.

Andere Parteien können dagegen tiefenentspannt in die ihnen vorgezeichnete Opposition gehen; die Linkspartei mit ihrem gerade noch befriedigenden Ergebnis und die AfD, die eigentliche Siegerin des Wahlabends, haben an diesem Abend die geringsten Probleme mit ihrem Selbstbild. Sie werden im nächsten Parlament über Inhalte sprechen können, ohne deren personelle Umsetzung befürchten zu müssen. Gerade in sozialen, europapolitischen und außenpolitischen Fragen rechne ich sogar mit  Übereinstimmungen und gar gemeinsamen Positionen in der nun grundlegend veränderten Oppositionslandschaft.

Die FDP dagegen ist wieder in ihrer traditionellen Position des potentiellen Mehrheitsbeschaffers angekommen. Hier droht nichts, hier locken Ministerämter. Und, weiß der Himmel, diese locken auch die Grünen, und auch der SPD, Sigmar Gabriel, Heiko Maas und vielen anderen, wird noch eine Weile das Regierungshemd gedanklich deutlich näher sein als der Oppositionsrock.

Der SPD droht also eine Zerreißprobe – aber nur, solange es noch Funktionsträger gibt, die nach Einfluss in der Regierung schielen; andere werden klarer und präziser sehen, dass sich die SPD auf Dauer in der Rolle des Juniorpartners der Angela Merkel noch viel stärker selbst zerlegt.

Doch auch der Pyrrhus-Siegerin Angela Merkel selbst ist noch eine ganze Weile unklar, ob sie nicht am Ende selbst zum größten Opfer der Zerreißproben anderer wird.

Denn die zweite, beinahe noch größere Zerreißprobe droht den Grünen: Wie soll eine traditionell linke, ökosozialistische Partei am Ende der Wegstrecke ihrer eigenen Ideen die Funktion des ökokonservativen, biederen Sozialreformers und verlängerten linken Flügels der CDU einnehmen, ohne sich zu zerlegen wie die SPD es bereits heute mit ihrem schlechtesten je erzielten Wahlergebnis erlebt hat? Werden sich Özdemir und Göring-Eckard in diese Beziehungsfalle begeben? Werden sie massenweise Parteiaustritte in Richtung SPD (und diesmal auch Linkspartei) riskieren wie weiland die FDP am Ende der sozialliberalen Koalition - nur um regieren zu können?

Von der SPD und den Grünen hängt also jetzt sehr viel ab. Zum Beispiel, wann wir eventuell wieder an die Wahlurnen gehen, und damit sogar, ob die nächste Bundeskanzlerin überhaupt Angela Merkel heißt.

Ihres Postens kann sich Angela Merkel ab sofort nicht mehr so sicher sein. Sie wird jetzt beweisen müssen, ob ihre persönliche politische Integrationskraft, die sie zum einzigen Inhalt ihres Wahlkampfes gemacht hat, noch ein voraussichtlich letztes Mal ausreicht, eine für eine ganze Legislaturperiode handlungsfähige Regierung zu bilden.

Unbelastet glücklich sein kann man über solche Mehrheitsverhältnisse vielleicht nicht. Es ist nicht schön, gewohnte Stabilitäten und eingefahrene Denkweisen hinter sich lassen zu müssen, für Regierende nicht, nicht für Regierte. Es ist nicht mehr möglich, sich ewig sicher zu fühlen, ewige Sicherheit zu wählen.

Ich persönlich halte dieses Wahlergebnis, die Schwierigkeiten, die jetzt auf Angela Merkel zukommen, für ein wichtiges, hoch verdientes, respektables Ergebnis der Wahl – selbst dann noch, falls am Ende die Kanzlerin wieder Angela Merkel heißen sollte. Deutschland ist dabei ein gutes Stück demokratischer geworden, gedanklich freier. Die Zerreißproben sind dabei der Preis, den einige werden zahlen müssen. Die Zeiten des automatischen Konsens sind so oder so in einiger Kürze zu Ende. Quer durch viele Parteien gehen schon lange tiefe Risse, die diese schwierige Wahl bloßgelegt hat. Und mit der verteufelten, zerrissenen AfD haben diese Risse, außer arithmetisch, am wenigsten zu tun.

Quentin Quencher:

Amorph liegt der Wählerwillen vor uns. Vorher schien er schön sortiert in Gefäßen aufbewahrt.

Wolfgang Röhl:

Den mutigen und nimmermüden Anstrengungen nahezu der gesamten deutschen Staats- und Privatmedien ist es zu danken, dass die AfD noch wesentlich stärker wurde als vorausgesagt. Gauland, Meuthen, Höcke und die anderen danken sehr herzlich den Öffis sowie Spiegel, Zeit, Süddeutschem Beobachter und den anderen.

Thomas Rietzschel:

Packen Sie’s an, Frau Bundeskanzlerin. Nicht alle Blütenträume können reifen. Die Hoffnung, Frau Göring-Eckardt nicht mehr am Rednerpult des Deutschen Bundestages erleben zu müssen, ist am Wahlsonntag fürs erste geplatzt. Die Grünen sind wieder drin. Sie freuen sich schon wie Bolle darauf, Angela Merkel zuarbeiten zu können. Denn auch die Kanzlerin hat wieder erreicht, woran ohnehin niemand zu zweifeln wagte. Sie wird uns weiter führen. Schwere Dampfer brauchen nun einmal länger, um zu sinken. Acht oder neun Prozent Verlust für CDU/CSU fallen da kaum ins Gewicht. Bleiben ja noch immer gut 32, die sich in den kommenden Jahren aufbrauchen lassen. Und mit etwas Geduld werden wir auch das noch aussitzen. „Wir schaffen das“, liebe Angela Merkel, zumal sie je selbst schon, keine Stunde nach Schließung der Wahllokale, gesagt haben: „Natürlich liegt eine große neue Aufgabe vor uns. Das ist der Einzug der AfD in den Bundestag.“ Also dann packen sie’s an Frau Bundeskanzlerin. Wem wenn nicht ihnen sollten wir in Sachen Integration vertrauen.

Ralf Schuler:

Kurz vor der Wahl ließ die CDU noch eine Umfrage zum internen Dienstgebrauch machen, in der unter anderem gefragt wurde, wo man die Union auf einer Skala von 1 (links) bis 10 (rechts) verorte. Mit einigem Stolz ließen die Strategen aus dem Adenauer-Haus durchsickern, dass die CDU als Partei bei 5,3 landete, die Kanzlerin selbst habe sogar eine Punktlandung in der Mitte mit einer glatten 5,0 hingelegt. 

Ganz offensichtlich ist indessen, dass die Union der Mitte am rechten Rand einen beachtlichen Streifen im Parteienpanorama frei gemacht hat, den nun die AfD füllt. Auch das gehört zum Erbe von GroKo und Kanzlerin. Das Absacken der SPD zeigt zudem, dass weder die zahlreichen Sozialgesetze der GroKo die Wähler nachhaltig beeindruckt haben, noch die Wahlkampagne zur sozialen Gerechtigkeit von Martin Schulz. Offenbar treibt die Deutschen die Sorge über einen möglichen Verlust der kulturellen Identität weit mehr um, als die Furcht vor sozialem Abstieg.

Reparieren lässt sich all das nur, wenn die etablierten Parteien endlich anfangen, auch jenen wieder zuzuhören, deren Meinung offenbar nichts in vorgefasste Schema passt. Und: Der enorme Vertrauensverlust in Politik und Medien insgesamt wird nur mit neuen Köpfen glaubhaft aufzufangen sein.

Reinhard Schlieker:

Man darf anfangen zu grübeln, ob nicht auch in Deutschland mal eine Minderheitsregierung vorstellbar sein sollte...jede denkbare Koalition mit stabiler Mehrheit verspricht ungefiltertes Grauen, und sei es nur das des "Weiter so". Ein Trost: Jeder denkbare Bundeskanzler würde es immerhin nicht so weit treiben, unter Zuhilfenahme von breiter Gossensprache den Deutschen Fußballbund und seine Spieler zu beleidigen.

Joachim Steinhöfel:

Der größte Verlust der Union in der Geschichte der Bundestagswahlen. Das schlechteste Ergebnis der CDU seit 1949. Ein Fanal für Merkels rot-grüne Politik. Aber: „Es bleibt dabei, dass wir unsere Wahlziele erreicht haben“, sagte Kauder am Sonntagabend in der ARD. Da kann ich dann auch nicht mehr helfen. Wer Kauder und Oppermann in den ersten
Stellungnahmen bei ARD und ZDF gesehen hat, sah Schock, Fassungslosigkeit, Auflösungserscheinungen. Wenn eine Partei 1,2 Millionen Nichtwähler an die Wahlurnen bringt, wird sie normalerweise als Retter der Demokratie gefeiert. Diesmal nicht, denn das gelang der AfD.

1,1 Millionen Wähler sind von der Union an die AfD übergelaufen, 500.000 von der SPD, 400.000 von der Linken. Ich wusste gar nicht, dass in diesen Parteien so viele Nazis zuhause waren. Es wird sich zeigen, ob die AfD nach mehreren Metamorphosen von Lucke zu Petry zu Weidel/Gauland sich zu einer veritablen konservativen Kraft entwickeln kann oder durch internes Chaos untergeht. Christian Lindner hat Applaus verdient. Er und Wolfgang Kubicki haben die FDP wieder zurück in den Bundestag gebracht. Freudentränen bei der FDP.

Und jetzt der Wahlkater. Mit Frau Göring-Eckardt in Koalitionsverhandlungen enden. Ein Albtraum. Bleibt da noch etwas übrig vom „neoliberalen Kältehauch“, den das Land so dringend braucht? Käme es zu Jamaika, wäre die AfD die einzige Opposition. Endlich ist die Große Koalition Geschichte, es sei denn, der Nachfolger von Martin Schulz, der ebenfalls Geschichte ist, überlegt es sich anders. Spannende Zeiten.

Joachim Steinhöfel hat auch einen Video-Kommentar gesprochen, den können Sie hier ansehen.

Markus Vahlefeld:

Nach fast 700 gültigen Gewinnspiel-Einsendungen die Wahlvorhersage für die Bundestagswahl betreffend, darf ich festhalten: statt Demoskopen sollte man die Wahlvorhersagen den Achse-Lesern überlassen. Die Achse-Leser sind so gut informiert und scheinen so nah am Puls der Zeit zu sein, dass sie das Wahlergebnis im Rahmen meines Gewinnspiels mit einer Abweichung von maximal 1 Prozent vorhersagen konnten:

Das vorläufige amtliche Wahlergebnis und in Klammern die Vorhersage der Achse-Leser:

CDU/CSU:     33,0%    (Vorhersage der Achse-Leser: 32,8%)

SPD:        20,5%    (Vorhersage der Achse-Leser: 19,8%)

AfD:            12,6%    (Vorhersage der Achse-Leser: 13,6%)

FDP:        10,7%    (Vorhersage der Achse-Leser: 10,2%)

LINKE:        9,2%    (Vorhersage der Achse-Leser: 9,2%)

GRÜNE:        8,9%    (Vorhersage der Achse-Leser: 8,4%)

Gunter Weißgerber:

Martin Schulz hatte faktisch  keine Chance. Die SPD hatte ihre Strategie längst in Corporate Identity mit Linksaußen und Grünen festgezurrt. Der gemeinsame Lagerwahlkampf mit Linksaußen und Grünen war inhaltlich fest angelegt und wurde mit einer Gerechtigkeitsdebatte gestartet, der in normalen Zeiten eventuell ein Beachtungs-Erfolg hätte beschieden sein können. Wir leben aber in keinen normalen Zeiten. Seit 2015 weiß die Bevölkerung nicht, wohin und mit wem die Reise gehen soll und  vor allem, was am Ende dieser Reise von einem europäischen Deutschland übrig bleiben wird. Das sind viel härtere Fragen als die nach einer Gerechtigkeit, die zudem jedermann völlig anders zu beantworten weiß.

Der Ausgang der Bundestagswahl wäre aber ohne den Blick auf Merkels Jubelperser im Feuilleton nicht vollständig. Frau Merkel sieht immer auf die Wallungen und Zuckungen der Meinungsbesitzer. Was ahnen die? Was schreiben die?  Wo könnte der Ball hinlaufen?Das war bei der Auszeit für die Wehrpflicht so, so tat sie es mit dem Atomausstieg und so vollzog sie es in furchtsamer Gehorsamkeit zu den Meinungsbesitzern des Feuilletons mit ihrem Dublin-Bruch. Angela Merkel ist die Feuilletonkanzlerin. Angela Merkel ist das Medium des Feuilletons zum Mitregieren, sozusagen.

Wann wurde Angela Merkel zur Feuilleton-Kanzlerin? Dafür muss rund 15 Jahre zurück geschaut werden. Damals war sie beim Feuilleton als neoliberal noch gut verhaßt. Der Leipziger CDU-Bundesparteitag 2003 wurde von ihr und ihrem als eiskalt verrufenen Programm geprägt. Unter Angela Merkel trieb die Union die Regierung Schröder bis 2005 in die Enge. Die Agenda 2010 war Frau Merkel nicht hart genug. Dafür bezog sie viel schmerzhafte Kritik, gerade aus den Medien. Mit der Amtsübernahme 2005 übernahm sie auch Schröders Agenda. Was ihr mit Hilfe der SPD-Linken mühelos gelang. Die Erfolge der Agenda wurden Merkels Erfolge. Das Feuilleton nahm sich ihrer nun an. Angela Merkel begann sich an wärmenden Worten aus dem Feuilleton zu erwärmen. Süchtig wurde sie danach.

Böse Worte gab es erst wieder aus dem Feuilleton mit der Verlängerung der Atomkraftwerkslaufzeiten. Das tat weh und verunsicherte. Das Seebeben von Fukushima in Verbindung mit lascher japanischer Handhabung von Sicherheitsbelangen in deren Atomkraftwerken gab ihr die Chance, vom Feuilleton wieder geliebt zu werden. Sie nutzte die Chance und machte den Atomausstieg sofort. Von nun an wurde sie von Liebe aus den Reihen der Meinungsbesitzer überflutet.

Schwierig wurde es noch einmal zwei Monate vor dem 4. September 2015. Angela Merkel sagte einem Flüchtlingsmädchen, dass sie als Bundekanzlerin keine individuellen Asylentscheidungen treffen kann. Das war für das Feuilleton eindeutig zu viel. Merkel war jetzt eiskalt und das klang so wie neoliberal und pro-Atom. Es muss der verletzten Merkel-Seele verdammt weh getan haben. Nie wieder böse und eiskalt, so die Metaphysikerin in ihr. Der 4. September 2015 mit ihrer Individual-Entscheidung konnte kommen.

Merkels historische Schuld ist somit auch am Verhältnis Regierung und Medien zu diskutieren. Standen Brandt, Schmidt, Kohl und Schröder oft gegen das Feuilleton und setzten sie sich sehr oft gegen diese verdammt klugen Leute durch, so ließ Angela Merkel das Feuilleton, wie weiter oben bereits beschrieben, mitregieren.
Auch das Feuilleton wurde heute abgewählt! Den vollständien Text finden Sie hier.

Erich Wiedemann:

Die zwei Großen haben tüchtig was auf den Sack gekriegt, die AfD ist dritte Kraft, die FDP erfreulich stark, die Linken verdientermaßen Schlußlicht im Bundestag. Wie schön? Die Grünen finde ich überbewertet, aber sonst ist es ein Spitzenergebnis.

Oliver Zimski:

Den Volksparteien kommt das Volk abhanden, so die Anmoderation. Nach der Prognose lange Gesichter. Der gescheiterte Kandidat lässt sich feiern und definiert die neue Rolle seiner Partei als antifaschistisches Bollwerk. In der Elefantenrunde warnen Linkspopulisten vor Rechtspopulisten. Wer jetzt noch nicht verstanden hat, muss weiter schrumpfen.

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Leserpost (10)
Arno Nuehm / 25.09.2017

Hat eigentlich jemand registriert, was Schulz gestern bei seinem ersten Auftritt vor seinen Parteisoldatinnen und -soldaten als größte Errungenschaft ihres Wirkens in dieser Legislaturperiode verkündet hat und dafür tosenden Beifall erntete? DIE EHE FÜR ALLE! Peinlicher geht es nicht mehr, liebe Sozialdemokratie!

Winfried Sautter / 25.09.2017

Merkels Reaktion ist das eigentlich Grausige - in jeder funktionierenden Demokratie würde ein/e Regierungschef/in mit einem derart desaströsen Wahlergebnis den Stuhl räumen und den Weg für einen Neuanfang freigeben. Sie dagegen hält knapp erreichte 33 % für einen “Regierungsauftrag”. In der einstigen politischen Wahlheimat ihrer protestantischen Eltern legte das Regime Wert auf Akklamationswerte von deutlich über 90 %. In einer “alternativlosen” Demokratur kommnt man/frau eben mit weniger aus.

Sepp Kneip / 25.09.2017

Eine geschäftsführende GroKo bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag - welch schrecklicher Gedanke. Nein. die Herrschaften sollen sich beim Versuch, eine Jamaika-Koalition zu bilden, die Augen auskratzen, damit der Wähler erkennt, wes Geistes Kinder unsere Politiker sind. Wenn das nicht gelingt, könnte man ja mal auf den Gedanken kommen, die AfD ins Boot zu holen. Ein verwegener Gedanke, ich weiß. Aber eine GroKo darf es, schon allein mit Rücksicht auf den Wählerwillen, nicht mehr geben. Aber wer fragt schon danach? Der Bürger und Wähler ist doch den Herrschaften gleichgültig. Hauptsache, er bleibt als Stimmvieh erhalten. Eine Lehre aus diesem Wahlergebnis zu ziehen, fällt den “Etablierten” hierzulande genau so schwer, wie der EU, die durch Brexit, das Erstarken der Rechtsparteien und andere Menetekel nicht dazu zu bringen ist, endlich Reformen anzupacken. Egal wie es weiter geht, ist nur zu hoffen, dass die AfD auch tatsächlich die Finger in die Wunden legt, die das bisherige Polit-und Medien-Estäblishment der Gesellschaft beigebracht hat.

Torsten P.Neumann / 25.09.2017

Verloren hat vor allem die ‘Refugees-welcome-Industrie’ insbesondere die Kirchen, als größter finanzieller Nutznießer und Stimmungsmacher der Flüchtlingskrise.  Meiner Ansicht nach wird es nicht nur Zeit, die Aufblähung des BT anzugehen (s. Vera Lengsfeld), sondern auch die Steuerprivilegien der Kirchen abzuschaffen.

Ulla Smielowski / 25.09.2017

Ganz, ganz wunderbar diese vielseitigen Kommentare auf der Achse des Guten…  Dafür danke ich… und jetzt ist von mir eine Spende, zumindestens auch für POGO fällig, die ich überweisen werde.  So viel tolles Engagement muss doch belohnt werden..

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