Beda M. Stadler / 12.02.2007 / 12:45 / 0 / Seite ausdrucken

Wählt atheistische Politiker!

Kolumne von Beda. M. Stadler erschienen am 11. Februar 2007, NZZ am Sonntag:

Wählt atheistische Politiker!
Ein Appell zur Offenlegung der religiösen Gesinnung in der Politik

Wir haben Wahljahr. Bald flattern wieder Prospekte ins Haus, welche die Politkandidaten möglichst kantenlos beschreiben; etwa in welchen Vereinen sie mittun, ob sie gerne wandern und Musik hören.
Mich würde hingegen interessieren, welcher Politiker sich als «Atheist» bezeichnet. Pardon, da es auch die Göttin geben soll, natürlich auch wer «Atheistin» ist. Warum ist dies wissenswert? Professor Sandro Cattacin, Direktor des Soziologischen Instituts der Universität Genf fand in einem nationalen Forschungsprojekt heraus, es gibt einen inneren Zusammenhang zwischen Religiosität und Menschenfeindlichkeit: «Nichtreligiöse sind klar weniger rassistisch, weniger sexistisch, weniger homophob, weniger xenophob.» Sind das nicht Prädikate, die bis jetzt keiner Partei zugeordnet werden können?
Ich weiss nicht, wie gross der Prozentsatz der Atheisten in der Schweiz ist, aber um gewählt zu werden, sollten doch auch Ungläubige als Wählerpotential interessieren. In Amerika scheint dies nicht der Fall zu sein. Schliesslich behauptet G.W. Bushs Vater, ein Atheist sei kein echter Patriot. Im amerikanischen Parlament hat tatsächlich kein einziger Politiker ein Comingout als Atheist gemacht. Oder sollte es vielleicht sein, dass nur religiöse Menschen sich für Politik interessieren und gewählt werden? Fehlen auch bei uns – gemäss Cattacins Definition – die menschenfreundlichen Politiker?
Bei uns besteht in Sachen Religion kein Zweifel, falls ein Politiker einer religiösen Partei angehört. Da weiss der Wähler, bei diesen Leuten könnte die Stellung der Frau in der Kirche - und somit in der Gesellschaft - ein Gewissenskonflikt darstellen. Auch Homosexualität oder Verhütung werden in solchen Kreisen noch immer kontrovers diskutiert. Im letzten Jahr haben sogar Karikaturen der freien Meinungsäusserung Grenzen gesetzt, weil der Respekt vor den Monotheisten ein höheres Gut sei. Dabei hätten Politiker ohne C oder E in der Parteibezeichnung noch weitere Vorteile, gibt es doch wissenschaftliche Untersuchungen, die belegen, Atheisten sind meist intelligenter. Selbst die Scheidungsrate ist bei Atheisten niedriger als bei religiösen Menschen.
Die Säkularisation ist bei uns noch nicht abgeschlossen, wenn Gott in der Verfassung vorkommt oder in der Asyldebatte das Kirchenrecht höher als das Staatsrecht hängt. Es wäre also von einigem Interesse zu erfahren, wer Atheist ist, da bei religiös angehauchten Politikern die Meinung zu Minaretten, Adventskränzen in den Schulen, oder ganz praktischen Fragen wie die Ladenöffnungszeiten gemacht ist. Religiöse Politiker sind zudem eine Bedrohung, da sie an Wunder glauben. Ein Wunder ist nicht reproduzierbar und somit undenkbar, falls es Naturgesetze gibt. Wunder sind also eine Beleidigung für das logische Denken. Sollen Wundergläubige für uns Entscheide treffen?
Als Wissenschaftler interessiert mich, ob ein Politiker noch Begriffe wie «Schöpfung» und «Evolution» durcheinander bringt. Atheisten wären wenigstens eine kleine Garantie, dass bei Themen wie der grünen Gentechnologie, Stammzellforschung, Keimbahntherapie nicht wieder der beleidigende Vorwurf zu hören ist, wir Forscher würden in die Natur eingreifen. So etwas kann nur jemand behaupten, der noch an eine Schöpfung im biblischen Sinn glaubt und in der Schule Biologie geschwänzt hat. Daran zu glauben ist das eine, aber aufgrund eines solchen Märchens unser Leben reglementieren zu wollen, ist ein anderes. Schlimm genug, dass es immer noch Menschen gibt, die meinen, die Evolution sei eine Hypothese. Den Holocaust darf man nicht leugnen. Aber wie lange muss man es noch dulden, dass gewisse Leute die Evolution, ein wissenschaftliches Faktum, leugnen dürfen? Da für diese Glaubensfanatiker selbst Fossilien keine Argumente sind, wäre es eben interessant zu erfahren, welcher Politiker dieses Jahr den Mut hat, sich im Wahlprospekt als Atheist zu outen.

Beda M. Stadler ist Direktor des Instituts für Immunologie und Professor für Immunologie an der Universität Bern.

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