Wolfgang Röhl / 22.11.2017 / 06:18 / Foto: pixabay / 14 / Seite ausdrucken

Vorsicht, bissiges Netz! Über Gegen-Öffentlichkeit

Revolutionen erzeugen immer auch Verlierer. Gilt auch für Umwälzungen in der öffentlichen Kommunikation. Gutenbergs Erfindung der beweglichen Lettern brachte zusammen mit Luthers Bibelübersetzung die Erklärungshoheit des im lateinischen Geheimjargon murmelnden Klerus zu Fall. Seit dieser Zeit wurden Bücher in allgemein verständlicher Sprache gedruckt, später kamen Zeitungen auf. Die Londoner „Times“ erschien erstmals 1788.

Das Radio wiederum - in Deutschland ab 1920 - klaute den Pressezaren Marktanteile. Nach dem Krieg mischten „Rowohlts Rotations Romane“ (rororo) den Goldschnitt-Muff des Buchbürgertums auf. Und Bertelsmanns „Lesering“ aus Gütersloh bot den Abonnenten wohlfeiles Lesefutter, schadete aber natürlich den Buchhandlungen.

Die massenhafte Verbreitung des Kopierers ab den 1950ern – to xerox war mal ein generischer Begriff – sorgte im Nebeneffekt für Transparenz. Was kam nicht alles ans Licht durch Kopien, die man sich unter der Hand ziehen konnte! Der Kopierer knickte ungezählte Karrieren.

In den 1970ern entstand der Fotosatz. Er löste den aufwändigen Bleisatz ab. Dank Fotosatz erblühten nun jede Menge alternative Medienpflanzen, hauptsächlich linke. Stadtmagazine wie das Hamburger „Oxmox“ zum Beispiel, das bundesweit Nachahmer fand und den Kleinanzeigenteilen der überkommenen Blätter reichlich Erlöse abgrub. Aber auch die „taz“ wäre ohne die Erfindung des billigen Fotosatzes wohl nicht auf den Markt gekommen. Was ein Jammer wäre, ist dieses Presswerk doch als linker Dachschadensanzeiger unverzichtbar.

Worin der Schmäh im Begriff Staatsfunk wohl liegt?

Das Internet überbietet spielend alles, was seit Gutenberg ersonnen wurde. Jeder Mensch ein potenzieller Self-Publisher, Kommentator, Rechercheur, Gegendarsteller - das bringt Verhältnisse zum Tanzen. Groß sind die Verluste an Auflage, Reichweite, Werbeertrag und Bedeutsamkeit, die das Netz den etablierten Medien zufügt. Entsprechend heftig fällt deren Lamento aus. Sie vergattern den Bürger, nur ja dem fiesen, dummen Internet nicht zu vertrauen. Ein hysterischer Alarmton ist neuerdings zu vernehmen.

Das Netz sei „hässlich geworden, feindselig, erregt“. Und „jetzt kommt ihm auch noch die Wahrheit abhanden“, denn „Lügen im Internet spannen ein Netz der Verwirrung“. So tönt es aus der FAZ, und die „Zeit“ fährt einen Prof auf, der was mit Medien macht. Er will einen „Stimmungswandel in Richtung des großen Verdachts“ bemerkt haben. Als Beispiel für die „allmähliche Ausbreitung pauschaler Medienskepsis“ nennt er „Schmähvokabeln wie "Staatsfunk’“. 

Worin der Schmäh im Begriff Staatsfunk wohl liegt? Schon der flüchtigste Blick auf die Zusammensetzung der Gremien im öffentlich-rechtlichen Sendebetrieb zeigt ja, dass diese Formulierung nichts anderes darstellt als eine korrekte Zustandsbeschreibung. Klar ist dagegen, was die Dresche der Mainstreammedien bewirken soll. Indem „das Netz“ pauschal als Tummelplatz von Bosheit, Humbug und Verschwörungstheorien abgewertet wird, erfolgt, so die Hoffnung, implizit ein Upgrade der überkommenen Medien zu fairen, nur der Wahrheit verpflichteten Faktencheckern und Nachrichten-Nannys. Erfahrene Spreu-vom-Weizen-Trenner versus Aluhüte und Quarkschreiber. Die Welt von vorgestern, so hätten’s manche gern.

Dem Internet vorzuhalten, dass es unter anderem viel Dreck und Stupidität enthält, gleicht einer Klage über Gutenberg, weil ohne seine Erfindung Hitlers „Mein Kampf“ nicht hätte gedruckt werden können. Das ist traurig und dumm. Es mag ja Menschen geben, die alles für echt halten, was im Netz steht. Die kommen aber im Verhältnis mutmaßlich nicht häufiger vor als Leute, die alles für bare Münze nehmen, was in „Bild“, im „heute-journal“ oder in der „Süddeutschen“ verbreitet wird. Solchen Rezipienten ist sowieso nicht zu helfen.

"Systemimmanente Kritik" nannten das die 68er

Dem Rest bringt das Netz manchmal richtige Genugtuung. Wunderbar, wie es den Mainstream ins Schwitzen zu bringen vermag. Für einen Sender, ein Magazin oder eine Tageszeitung ist es viel schwerer geworden, mit regelrechten Fake News durchzukommen. Okay, Zahlen und Statistiken kreativ in eine gewünschte Richtung zu biegen (ZDF: „67 Prozent der Deutschen sind für Familiennachzug bei anerkannten Asylbewerbern und Flüchtlingen“), das klappt weiterhin ganz gut. Kriegt aber auch Gegenwind im Netz.

Am besten funktioniert die Volkserziehungsmasche der Mainstreammedien mittels Auswahl und Platzierung von Themen. Gaunereien in Versicherungen, Pharmafirmen, Autokonzernen? Gern, jede Woche rauf und runter, vom „Tatort“ bis zur „tagesschau“. Die ungezählten Betrügereien des ökologisch-industriellen Komplexes? Werden mal irgendwo klein-klein eingestreut. Nur als Ausreißer selbstredend, welche der Akzeptanz der ansonsten famosen Energiewende schaden. "Systemimmanente Kritik" nannten das die 68er.

Was die sogenannte Energiewende und den angeblich vollrohr menschengemachten Klimawandel angeht, so befände man sich ohne Internet im tiefen Tal der Ahnungslosen. Die Staatssender lassen bei diesen Themen so gut wie nie eine fundamental andere Position zu als die vom Trio Rahmstorf/Latif/Kemfert vorgesungene. Dass man die Stromversorgung eines Industriestaates nicht einfach wenden kann wie eine Bomberjacke, liegt offenbar jenseits des Glaubenshorizontes von Empfängern der "Demokratieabgabe".

In privaten Medien findet sich gelegentlich das eine oder andere EEG-skeptische Stück, etwa von Axel Bojanowski auf „Spiegel online“ oder von Daniel Wetzel bei „Welt online“. Im Übrigen: Fehlanzeige. Auch die unübersehbare, in vielen Regionen bereits flächendeckende Verwüstung jahrhundertealter Kulturlandschaften ist erstaunlicherweise kein öffentlich breit verhandeltes Thema. Und das in einem Land, wo jede Holzhütte im Außenbereich abgerissen werden muss, wenn für ihren Bau nicht diverse Genehmigungen eingeholt wurden.

Grassrootsmäßig viele neue Abrissbirnchen

Widerstand regt sich hauptsächlich in der digitalen Öffentlichkeit. Und nein, die Frage stellt sich nicht, ob und was dieser Protest konkret bewirkt. Einspruch gegen größenwahnsinnige Unterfangen gebietet schlicht die Selbstachtung. Man muss ab und zu in den Spiegel schauen können, ohne schamrot zu werden.

Jeder frische Blog, jede Webseite, die fragwürdige Gewissheiten mit unbequemen Fakten konfrontiert, ist ein neues Abrissbirnchen gegen den real existierenden Hokuspokus. Und der Maschinenpark wächst! Der interessanteste Neuzugang der letzten Zeit heißt „Publico“, ein angenehm gestaltetes Internetmagazin für „Politik, Gesellschaft & Übergänge“, das wie gerufen zum Ende der bleiernen Merkelzeit kommt.

Der „Focus“-Redakteur, Achse-Mitarbeiter und Buchautor Alexander Wendt betreibt es mit der ihm eigenen Rührigkeit. Schon das erste "Publico"-Stück – die fassungslose Bilanz des langjährigen Müncheners Wendt, den der Beruf in die Barbarenhauptstadt Berlin verschlagen hat - war ein Volltreffer. Es folgten eine wuchtige Abrechnung mit den Lutherfestspielen der EKD und Stücke über öffentlich-rechtliche Umfrageschiebereien sowie über die Hatz auf einen „rechten“ Schwulen.

Das kam gut an. Schon in den ersten neun Tagen besuchten 37.341 Leser das neue Forum, riefen fast 115.000 mal Seiten auf. Scheint, dass Wendts Internet-Motto („Lasst tausend Blumen blühen“) auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Schauen Sie mal bei "Publico" über den Zaun!

Foto: pixabay

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Leserpost (14)
Martin Landvoigt / 22.11.2017

Zeitlos bleibt Shakespeare: ‘Ist es Wahnsinn, so hat es doch Methode!’ Das trifft hier nicht nur für die Energiewende und Medienpolitik zu.

Andreas Rochow / 22.11.2017

Längst wuchern die ö.-r. und Mainstreammedien in die Netze und breiten sich dort mit ihren Angeboten aus. Keine ö.-r. Nachrichtensendung mehr ohne die Aufforderung, den hauseigenen Produkten auf Facebook zu folgen oder gleich die Tagesschau-App downzuloaden. Und die Jugend wird mit Gebührengeldern über “funk” im Netz öffentlich rechtlich beschult, ohne es mitzukriegen. Wenn das legal sein soll zahl ich keine Gebühren mehr. Zum Glück gibt es einige verläßliche Autorenblogs, da weiß man, was man hat, kann Pate werden oder anderweitig diese raren Angebote stützen.

Robert Bauer / 22.11.2017

Kleine Korrektur: den “Schmäh” gibt es nur an der Donau, nicht an der Alster. Wenn man dort geschmäht wird, wie es zur Zeit mit diversen Blättern geschieht, ereilt einen die “Schmach” - mit Recht! Im “Süddeutschen” beobachtet man derweil eine lustige Fernsehwerbung, die Karl-Eduard von Prantl sicher nicht satirisch gemeint hat, die aber genauso ´rüberkommt. Selten so gelacht…

Rudolf Stein / 22.11.2017

Da ist dem Kleber wohl ein Missgeschick passiert. Erst hat er die Wahrheit herausgelassen und hinterher, ganz schnell, das zur Provokation, erklärt. Aber die Wahrheit dürfte ganz simpel sein: die Medienleute, die eingestellt werden, sind das Ergebnis eines langen, intensiven brain.washings an den Journalistenschulen. Manche dürften von Haus aus schon “auf Linie” sein. In der Summe ist es gar nicht notwendig, dass täglich einer von der Regierung oder den Einheitsparteien vorbeikommt, um zu sagen, was angesagt ist. Fragt mal die ehemaligen Journalisten der DDR, die Parteiarbeiter von SED und Nationaler Front und die vielen Staatsfunktionäre der ehemaligen DDR, wie so etwas funktioniert. Eine Melange aus Überzeugung, Kollektivzwang, Parteidisziplin, Karrierehoffnung, Schielen auf den Gehaltszettel und Angst um den sozialen Status - das ist das Rezept, mit dem schon jede Staatsgewalt seine Diener bei der Stange hielt. Der Witz an der ganzen Sache war und ist immer, dass die betreffenden Personen glauben,  ihr eigener Herr zu sein. Das alles kommt dem Stockholm-Syndrom sehr nahe.

Stefan Bley / 22.11.2017

Man muss die Beissreflexe der Staatsflimmeranstalten verstehen. Sie fürchten lediglich um ihre üppige Einnahmequelle in Form der staatlich verordneten Propaganda-Zwangsabgabe. Man fürchtet halt in den Sendeanstalten, der üppige Fleischtrog würde ausgetrocknet sofern die Bemühungen die geschäftsführende Regierung zu stützen in Berlin als nicht nachhaltig genug wahrgenommen werden.

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