Maxeiner & Miersch / 18.01.2013 / 11:00 / 0

Vorbeugender Verzicht

Die Mittelschicht, kann man in Umfragen lesen, hat Angst vor dem Abstieg. Offenbar plagt der Alptraum eines Tages ein Leben ohne iPhone und Espressomaschine füh-ren zu müssen, viele Menschen so sehr, dass sie schon jetzt keinen Spaß mehr da-ran haben. Wie anders ist es zu erklären, dass mitten in Friedenszeiten Ersatzpro-dukte in Mode kommen. Trendbewusste Stadtbewohnerinnen lesen „Landlust“,  schwelgen in Omas Kochrezepten und verkünden stolz, dass man gar keine teuren Pinienkerne braucht, um Pesto selbst zu machen. Günstige Walnüsse tun es doch auch.

Ersatzprodukte waren einmal typisch für Kriegs- und Krisenzeiten. Wenn Bohnenkaf-fee knapp und teuer wurde, musste sich die Bevölkerung mit Malzkaffe zufrieden geben. Heute dagegen ist der Verzehr von Sojabohnenquark (Tofu) statt Fleisch kein Zeichen von Knappheit sondern von höherem Bewusstsein. Wer Fahrrad fährt statt Auto signalisiert vorbildliche Gesinnung. Urlaub in Deutschland ist keine Notlösung mehr sondern Ausweis nachhaltigen Lebensstils.

Mit Bescheidenheitsprotzerei hebt man sich von den Schichten ab, die keine Angst vor dem Abstieg haben, weil sie bereits unten sind. Ob es das ist, was Oskar Lafon-taine einst mit postmaterieller Gesellschaft meinte? Billiger ist dieses Leben nicht unbedingt, wie man an den Preisen im Manufactum-Katalog unschwer erkennen kann. Eher haben wir es mit einer vorauseilenden Neubestimmung der bürgerlichen Statussymbole zu tun. Falls der Abstieg wirklich kommt,  hat man sich schon mal für viel Geld die passende Haltung zugelegt.

Die Mittelschicht stellt damit eine ihrer wichtigsten Qualitäten unter Beweis: Anpas-sungsfähigkeit. Im Gegensatz zur Unter- und Oberschicht, in die man geboren wird und in der man meist automatisch lebenslang bleibt, müssen die dazwischen ihren gesellschaftlichen Status immer wieder neu erobern und absichern. Wichtiger als materielle Güter sind dabei ein gewisser Bildungsstandard, Geschmack, Stil und Mo-ral. Damit ausgestattet kann sich der freie Webdesigner in prekärer Finanzlage ebenso mittelschichtlich fühlen wie der verbeamtete Schuldirektor. Das Erfolgsrezept friedlicher Gesellschaften lautet: Mit der richtigen Einstellung und ein bisschen Wal-nusspesto kannst auch du dazugehören.

Erschienen in DIE WELT am 11.01.2013

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