Antje Sievers / 20.10.2016 / 06:58 / 8 / Seite ausdrucken

Von wegen umgekehrte Pubertät

Sind Sie eine Frau? Sind Sie über vierzig? Haben Sie Schlafstörungen? Erkennen Sie sich selbst manchmal gar nicht mehr wieder? Brechen Sie in Tränen aus, weil man Ihre alte Schule abgerissen hat? Werden Sie immer häufiger von notgeilen Bauarbeitern ignoriert? Passiert es Ihnen, dass innerhalb von zwei Sekunden ihr ganzer Körper mit Schweiß bedeckt ist und sie eine Minute danach zittern wie ein Junkie auf Entzug? Kommt ihre Periode nicht mehr mit der Präzision eines Uhrwerks?Dann befinden Sie sich vermutlich in der Prä-Menopause. Machen Sie sich auf was gefasst!

Es ist nämlich mitnichten so, dass dieses Coming-of-old-Age so spannend ist wie eine umgekehrte Pubertät. Im Gegenteil. Lassen Sie sich von Frauenzeitschriften und Ratgebern nicht für blöd verkaufen. Sie werden schließlich von einer schönen jungen Frau zu einer alten Fregatte, die in ein paar Jahren den zweiten Gummi am Handstock haben wird. Und sie landen mitten in der Hölle der Hormone.

Im Leben einer Frau gibt es viele Rollen: Tochter. Freundin. Schülerin. Geliebte. Studentin. Mutter. Ehefrau. Aufsichtratsvorsitzende, Friseurin, Tänzerin, Zahnärztin, Putzfrau. Vergessen Sie das alles. Ab jetzt sind sie die Traumbesetzung für eine erstklassige Charakterhysterikerin.
Demütige Erfahrungen wie die folgende lauern an der nächsten Ecke auf Sie: Ihre Monatsblutung ist schon drei Wochen überfällig. Trotz Schwangerschaftstest mit negativem Ergebnis sind Sie felsenfest davon überzeugt, schwanger geworden zu sein. Sie gehen zur Frauenärztin. Sie fragt Sie, ob sie denn schon einen Test gemacht hätten, und Sie geben mit schamrotem Gesicht zu, dass es eigentlich drei waren. Alle negativ.

Also, äh … etwa vor einem dreiviertel Jahr

Wann denn überhaupt der letzte Geschlechtsverkehr stattgefunden hätte, will die Ärztin peinlicherweise wissen. Warten Sie mal … was haben wir heute? Dienstag? Also, äh … etwa vor einem dreiviertel Jahr. Aber lassen sie nicht die Ohren hängen, wenn ihre Ärztin jetzt in unkontrolliertes Gelächter ausbricht. In einem halben Jahr werden Sie mit dem gleichen Problem am gleichen Ort stehen und auf die Frage nach Ihrem Sexualleben die Antwort geben können: Sie meinen heute? Oder gestern? Oder letzte Nacht? Mittlerweile befindet sich Ihr Körper nämlich im Testosteronrausch. Und der sorgt nicht nur für Pickel auf dem Rücken und Ziegenhaare am Kinn, sondern auch für krankhaft gesteigerte Libido. Testosteron? Hab ich auch! Gehört verboten!

Das hormoninduzierte Gefühlschaos, das Frauen im Klimakterium überfällt, wird mit „Stimmungsschwankungen“ harmlos umschrieben. Rechnen Sie mit manisch-depressiven Anfällen, irrer Lebenseuphorie und klinischer Nymphomanie. Am besten mit allem und damit, dass sämtliche Symptome sie täglich im Zwanzigminutentakt wechselnd überfallen.

Ein typischer Morgen in Ihrem künftigen Leben könnte so aussehen: Der Wecker klingelt. Sie kommen mühsam zu sich. Sie schalten die Nachttischlampe ein, und während Sie versuchen, wach zu werden, wird ihnen mit bleischwerer Krassheit klar, dass Ihr ganzes Leben Scheiße war, ist und sein wird. Und ohnehin ist es bald vorbei. Zum Glück. Es lohnt sich also gar nicht mehr, überhaupt aufzustehen und womöglich noch einer geregelten Arbeit nachzugehen. Aber irgendwie überwinden Sie die innere Schweinehündin und schleppen sich unter die Dusche. Während Sie den Kaffee mahlen, wird Ihnen bewusst, dass der Duft von frisch gemahlenem Kaffee eigentlich etwas sehr Schönes ist, was einem so richtig das Morgengrauen verscheuchen kann.

Sie freuen sich plötzlich wie eine Irre auf ein knackiges Brötchen mit Gouda. Auch der Honig duftet betörend, und plötzlich umfängt das pralle Leben Sie wieder mit seinem berauschenden Füllhorn schöner Dinge. Sie beschließen, zur Feier des herrlichen Tages ihre schönste Unterwäsche anzuziehen. Und während Sie so an der Schublade stehen, fällt Ihnen auf, dass der Mann Ihrer Wahl ja noch gar nicht das neue La Perla-Ensemble aus frivoler schwarzer Spitze kennengelernt hat! Also schwuppdiwupp angezogen und wieder ab in die Kiste. Worauf er beinahe einen Herzkasper kriegt, denn schließlich ist es erst viertel nach sechs. Sein schlaftrunkener Kommentar, dass Sie mit zwei Fünfundzwanzigjährigen vermutlich besser bedient wären als mit einem Fünfzigjährigen, ist in diesem Moment auch nicht wirklich hilfreich. Prompt wird Ihnen beim Frühstück klar, dass Ihr Leben in einer langen, düsteren Sackgasse verlaufen ist.

Aber trösten Sie sich: Eine reife Frau zu sein, hat auch seine guten Seiten – zum Beispiel gerade jetzt fällt mir leider keine ein. Doch! Man kann joviale Satzbausteine wie „Junger Mann!“ oder „Lieber junger Freund!“ verwenden, ohne sich lächerlich zu machen. Man kann knusprige Männer darum bitten, einem die Getränkekiste ins Auto zu heben, ohne dass das als Anbaggerei ausgelegt wird. Man hat einen Persilschein für Verrücktheiten jeder Art – schließlich ist man in den Wechseljahren. Man kann, wenn man so wie ich, dreißig Jahre aktiv getanzt hat, genießen, wie die zwanzigjährigen Schnepfen im Fitnesstudio grün vor Neid werden beim Anblick meiner Kondition, Schlankheit und Cellulitisfreien Oberschenkel. Yeah, take that! Put that in a pipe and smoke it, baby! Albernes grünes Gemüse, ihr kommt auch noch in mein Alter (falls euch vorher nicht der Brustkrebs hinwegrafft) und ob ihr dann noch so fit sein werdet, ist die Frage! Ha!

Und dann stürmt man nachhause, verschwitzt, es ist kalt, es regnet, ich werde mir sicher eine Lungenentzündung holen. Plötzlich folgt mir ein Kerl, der etwa halb so alt ist wie ich. Ich wechsele die Straßenseite. Er wechselt die Straßenseite. Ich wechsele zurück. Er wechselt zurück. Langsam wird es bedrohlich. Ich greife demonstrativ zum IPhone und brülle: Ach, du stehst wo? Da vorne? Ja, ich bin gleich da! Ich seh dich schon! Der Typ zieht ab. War vermutlich ein bundesweit gesuchter Triebtäter. Schade eigentlich. Noch ein Grund mehr, sich umzubringen. Oh, da ist ja der Vollmond! Wie schön! Wie herzzerreißend, erhaben und einmalig prachtvoll! Die Augen werden feucht. Der Suizid hat Zeit bis Morgen. Morgen sieht alles wieder anders aus.
 

Leserpost (8)
Immo Sennewald / 20.10.2016

Schöner offener, pointierter Text :-)

Fanny Brömmer / 20.10.2016

Mich umfängt auch gerade das pralle Leben, trotz Hormonchaos, dank Ihres grandiosen Artikels! Nur der Satz über die jungen Frauen, die der Brustkrebs “hinwegrafft”, war, sorry, völlig daneben. Wenn man Frauen kennt, denen das passiert ist, die zum Teil sehr kleine Kinder zurücklassen mussten,...

Ulli Funk / 20.10.2016

Liebe Frau Sievers, Sie haben einfach Pech. Laut meiner Frauenärztin hat etwa ein Drittel aller Frauen extreme Symptome, wie Sie sie gerade geschildert haben, ein weiteres Drittel leichte Beschwerden und das letzte Drittel merkt kaum etwas. Ich hatte das Glück, zur letzteren Gruppe zu gehören. Nur das Testosteronfieber hab ich zweimal erlebt, es war auf eine angenehme Art befremdlich und ich weiß seither, welch mächtige Gefühle Hormone doch auslösen können…

Otto Klages / 20.10.2016

Herrlich! Das tut ja so gut, morgens bei der Lektüre zur Abwechslung einfach mal laut zu lachen! Sie haben damit meinen Tag gerettet. Dafür vielen Dank, liebe Frau Sievers. Hab’s als reifer Mann gerade an meine Frau weitergeleitet.

Dietrich Herrmann / 20.10.2016

Ein deutscher Kabarettist hat vor etlichen Jahren schon mal Folgendes an die Damen mit Menstruationshintergrund postuliert (oder war das eher für die Männer, oder für beide?): Nach dem Wechsel hat der Monat wieder 30 Tage.  In diesem Sinne - arbeiten Sie daran, wie unsere geliebte Kanzlerin dahinquatschen würde.

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