Markus Vahlefeld / 28.08.2017 / 06:26 / Foto: Eleonora Lugara / 32 / Seite ausdrucken

Wie biologistisch ist Merkels Politik?

Biologistische Aspekte des Sozialen sind im Deutschland nach 1945 schwer verpönt. Als Thilo Sarrazin 2010 auch die genetischen Aspekte von Gesellschaften und ihrer Erweiterung durch Migration in den Fokus nahm, hatte er endlich die Grenze überschritten, um als Fremdenfeind, Antisemit und als völkischer Rassist zu gelten. Wer ein derartiges Tabu in Deutschland bricht, hat es nicht anders verdient, als endgültig aus dem Diskurs ausgeschlossen zu werden.

Als Wolfgang Schäuble 2016 in einem ZEIT-Gespräch über die „Flüchtlingskrise“ erklärte, „die Abschottung ist doch das, was uns kaputt machen würde, was uns in Inzucht degenerieren ließe“, ging der biologistische Aspekt der Migration im Rauschen der Medien unter. Zwar beging der deutsche Finanzminister ebenso einen bewussten Tabubruch wie Sarrazin, jedoch wurde Schäubles Äußerung weder von den Linken skandalisiert noch von den Rechten, die der Biologie gegenüber offenherziger sind, weitergedacht. Solange genetische Aspekte („Degeneration durch europäische Inzucht“) zu Offenheit und Buntheit verpflichten, sind sie offenbar opportun.

Das „survival of the fittest“ stellt in geschlossenen Gesellschaften in der Tat keine Konstante dar. Ein Experiment des amerikanischen Verhaltensforschers John B. Calhoun Ende der 60er Jahre machte auf diese Tatsache aufmerksam. Mit vier Mäusepaaren startete er ein Experiment, in dem er die Mäuse paradiesischen Zuständen aussetzte: Keine äußeren Feinde, keine Krankheiten, ideale Umgebungstemperaturen, sichere Nester, Essen und Trinken im Überfluss und ein Platzangebot, das für fast 4.000 Mäuse ausreichend war. Natürlich nahmen die ersten acht Mäuse die idealen Bedingungen dankend an und vermehrten sich rasch. Die Mäusepopulation verdoppelte sich alle 55 Tage und nach fast einem Jahr lebten ca. 600 Mäuse im goldenen Märchenkäfig.

Danach verlangsamte sich das Wachstum der Mäusepopulation erheblich und überschritt nie einen Höchststand von 2.200 Tieren. Jedoch: Die nachkommenden jungen Generationen wurden zu Außenseitern, denen die etablierten Mäuse weder Nester noch Weibchen zubilligten. Die Population begann, sich autoaggressiv zu verhalten. Die Etablierten bissen die Nachkommenden bei ihren Versuchen, einen sozialen Status zu erreichen, schlicht weg, und die Nachkommenden wiederum kämpften vermehrt gegeneinander. Die Population erreichte trotz des autoaggressiven Verhaltens einen hohen Altersgrad und lag mit einem mittleren Alter von 776 Tagen fast 200 Tage oberhalb der reproduktiven Altersgrenze.

"Ein Prüfstein der urbanen Soziologie und Psychologie"

Auch das Verhalten der Weibchen, die von den immer träger werdenden Jungtieren nicht mehr beschützt wurden, veränderte sich eklatant. Sie wurden aggressiv, sowohl den männlichen Tieren gegenüber als auch ihren eigenen Jungen gegenüber. In der Endphase des Experiments war die Reproduktionsrate auf Null gesunken und ein neuer Typus Maus hatte sich durchgesetzt: Der träge Schönling, der kein Interesse an Paarungen zeigte und zum passiven Lebensstil neigte. Diese „Schönlinge“ aßen, tranken, schliefen und putzten ihr Fell, andere Interessen waren nicht mehr erkennbar. Obwohl sich die Bedingungen nicht geändert hatten und weiter paradiesisch anmuteten, war am Tag 1780 des Experiments die gesamte Mäusepopulation ausgestorben.

Populationen, die trotz Platzangebot eine kritische soziale Enge erreichen, neigen zur Selbstzerstörung. Der inzestuöse Effekt dürfte das noch verstärken. Nun ist die Welt jedoch kein geschlossener goldener Käfig, sondern eine weite Fläche, in der der Austausch des Genmaterials verschiedener Populationen durch Aus- und Einwanderung möglich ist. Die Aggression einer Population richtet sich dann nicht mehr gegen die eigenen Außenseiter, sondern gegen die Eindringlinge, die sich durchzusetzen versuchen und ihr Genmaterial erst weitergeben können, wenn sie aus diesen Kämpfen als Sieger hervorgegangen sind. Das Durchschnittsalter einer Population sinkt wieder, da die Alten, Schwachen und Trägen zu den ersten Feinden der Neuen zählen. Die abgehängten trägen Jungtiere werden verdrängt oder sie raffen sich zum Kampf auf. Das biologistische „survival of the fittest“ greift wieder und die Population gesundet. Der erneute Kampf um Weibchen und Nester erscheint wie die Vertreibung aus dem Paradies, stärkt in Wahrheit aber die Gesamtpopulation – oder ist vielleicht sogar die Bedingung der Möglichkeit ihres Überlebens.

Der Wikipedia-Eintrag zu John B. Calhoun endet mit dem Satz: „Calhouns Arbeit wurde als Tiermodell eines gesellschaftlichen Zusammenbruchs betrachtet, und seine Forschung ist zu einem Prüfstein der urbanen Soziologie und Psychologie im Allgemeinen geworden.“ Der Satz deutet an, dass Calhouns Experimente Erkenntnisse geliefert haben, die auch auf menschliche Sozialgebilde übertragen werden können. Und dann sind wir wieder bei Wolfgang Schäubles Satz von der Abschottung, die doch das ist, „was uns kaputt machen würde, was uns in Inzucht degenerieren ließe.“

Schäubles Satz war einer der wenigen ehrlichen Sätze, die im Zuge der deutschen Begeisterung für die Fremden ausgesprochen wurden. Der deutsche Finanzminister outete sich mit diesem Satz als Freund des „genetic social engineering“, das ein degenerierendes wohlstandsverwahrlostes europäisches Genmaterial durch Konfrontation mit dem aufstrebenden wilden Genmaterial der Migranten zu retten versucht. Vieles spricht dafür, dass die Zerstörung des Paradieses – damit ist ein stabiler Rechtsstaat gemeint, der auch den Schwachen Schutz, Sicherheit und Auskommen ermöglicht – eine kraftvolle Dynamik freisetzt, bei der am Ende die Stärkeren übrig bleiben, sich fortpflanzen und die Population absichern. Was die Nazis Rassenschande nannten, entpuppt sich in Wahrheit als stärkender Faktor des Genpools.

Eine gewisse biologistische Komik

Schäubles Aussage entbehrt natürlich nicht einer gewissen biologistischen Komik. Da sitzt ein an den Rollstuhl gefesselter alter Mann, den man problemlos zu den Etablierten zählen kann, die die nachfolgenden Generationen mit ihrer Weigerung, abzutreten, von den sozialen Schaltstellen fernhalten und zu „trägen Schönlingen“ degenerieren lassen, und philosophiert über die Stärkung des Genmaterials, die er höchstselbst aus dem Rollstuhl eingeleitet habe. Gleichzeitig beantwortet diese Komik auch die Frage, warum die „nationale Kraftanstrengung“, die Angela Merkel zur Rückführung abgelehnter Asylbewerber ankündigte, so gar nicht gelingen will: Der politische Wille ist schlicht nicht vorhanden, denn diejenigen „die nun halt da sind“ (Merkel), sollen Europa ja vor der degenerierenden Inzucht schützen.

Neben all der Trauer, die mit der Zerstörung des Paradieses einhergeht, kann beim Weiterdenken des Gedankens auch eine gewisse Freude einsetzen, richtet sich doch die wilde Migration gerade gegen jene, die sie am lautesten willkommen heißen. Die Macht der „trägen Schönlinge“, die vielleicht mit Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter ein Gesicht bekommt, wird durch die Erweiterung mit wildem Genmaterial zurückgedrängt. Gerade sie, die Eitlen und Trägen, werden die ersten Opfer der neuen Gewalt werden. Leider folgt der Zynismus auf dem Fuße: Denn für den Einzelfall der vergewaltigten Frau und des gemesserten Mannes bleibt das Opfer, die europäische Inzucht verhindert zu haben, leider im Dunkeln.

Die Faszination für den „edlen Wilden“, der gerade von den trägen Schönlingen so sehr angebetet wird, entpuppt sich von dieser Warte aus als höheres Wissen um den eigenen verdienten Niedergang. Über so viel Selbstzerstörungslust mag man den Kopf schütteln, aber die Blase, in der sich die Generationen von trägen Schönlingen befinden, lässt offenbar eine Heilung aus eigenen Kräften nicht zu.

Das „genetic social engineering“ wirft für die Demokratie natürlich eine eigentümliche Frage auf: Wie kann man ein Staatsvolk davon überzeugen, in freien Wahlen für die Zerstörung des Erreichten, auf das stolz zu sein es gute Gründe gibt, zu stimmen? Die Antwort liegt auf der Hand: Gar nicht. Niemand baut etwas auf, perfektioniert es, folgt dem Geist des Erschaffenen, um es sich dann für einen höheren Zweck zerstören zu lassen. Mit dieser Ehrlichkeit würde kein Politiker je wiedergewählt werden. Also müssen Zustände geschaffen werden, in denen das Benennen der Zerstörung verboten ist.

Das einzig Erhebende daran ist: Wir werden Zeugen einer der größten Umwälzungen der deutschen Geschichte. Ob es zum Guten gereicht und das neue Genmaterial wirklich das richtige ist, um Schäubles Zweck zu erfüllen, steht in den Sternen. Denn – und das ist das Traurige daran – der demokratische Diskurs darüber ist ausgesetzt.

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Foto: Eleonora Lugara CC-BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons
Leserpost (32)
Ronald Rimbach / 29.08.2017

Herr Vahlefeld, als ehemaliger Biologie-Student begrüsse ich grundlegend Ihren mutigen und prinzipiell richtigen Vorstoss, der Debatte um Biologismen nüchtern zu begegnen. So mutig und erfrischend ich das finde, bin ich jedoch auch entsetzt über zwei ganz fundamentale Fehler in Ihrer Argumentation: 1. Der Ansatz des Calhoun-Versuchs: zwei Mäusepaare als Gründer einer Population von weit über tausend Tieren! So genetisch homogen ist die deutsche Gesellschaft noch nicht mal in den ländlichen Gebieten! 2. Die Regeneration und das Zurückdrängen der “trägen Schönlinge” hat primär eine ganz andere Ursache, nämlich einen zurückkehrenden Selektionsdruck! Das bedeuetet, dass die Fähigkeit zum Ueberleben, die Tüchtigkeit und Tatkraft vor allem von der Notwendigkeit zu überleben abhängt; wenn wir wieder was tun müssen, dann sind wir auch gleich besser. Das hat mit Inzucht nichts zu tun! Ausserdem, wie hier schon öfter angemerkt, sind diese “genetisch überlegenen Migranten” selbst massiv inzuchtgeschädigt, das ist kein Geheimnis. Ein dritter grosser Fehler in der Schlussfolgerung ist der wie selbstverständlich angenommene genetische Austausch, der automatisch die Aufwertung unseres genetischen Materials nach sich zöge. Diese genetische Vermischung findet gar nicht statt, ledich ein Austausch der Kulturen und Ethnien ist zu beobachten.

Rainer Wittmann / 28.08.2017

Das Calhoun-Experiment mit den Mäusen ist natürlich nicht auf einen Staat wie die BRD übertragbar: seit ca. 60 Jahren erleben wir eine Vermischung mit Italienern, Türken, Polen, Russen und vielen anderen Personen, die aus anderen Ethnien und Kulturkreisen stammen. Bis eine Population von 80 Millionen sich selbst zerstört wie im Tierexperiment, kann man nur vermuten. Aber wenn man - wie das im Artikel anklingt - glaubt, daß wir wie die Mäuse im Calhoun-Experiment unter günstigen existenziellen Bedingungen leben, dann könnte sich die Population - wie bei dem Mäuse-Experiment - zunächst vervielfachen. Und den einfältigen Schäuble als Stein der Weisen zu zitieren, verhindert, daß ich das Buch des Verfassers kaufe: wenn es richtig wäre, daß wir uns nicht abschotten dürften, dann wären die europäischen Nationen schon längst ausgestorben, weil es in den früheren Jahrhunderten so gut wie keine Einwanderung und Vermischung gab.

Winfried Sautter / 28.08.2017

Die Reproduktionsrate, Kinderquote sinkt in den westlichen Gesellschaften seit Ende des 19. Jahrhunderts kontinuierlich. Ein Merkmal “fortgeschrittener” Gesellschaften. Der damals vorhandene “Überschuss” an jungen Männern wurde im Ersten Weltkrieg verheizt; der Aderlass des Zweiten Weltkrieges sorgte schon eher für gesellschaftlichen Verwerfungen, aber wurde kompensiert. Die “Baby-Boomer” waren ein Ausreißer in dieser Entwicklung. Die Folgen des Baby-Booms, gerne euphemistisch als “demografischer Wandel” umschrieben, werden sich in 20, 30 Jahren ausgewachsen haben. Dann wird die Alterszusammensetzung der Bevölkerung wieder stimmig, ausgewogen sein. Oder besser würde sein. Schrumpfende Gesellschaften können sich den veränderten Gegebenheiten anpassen, sie brauchen keinen Zuwachs von aussen, es sei denn er passt in die demografische Struktur. Die neu zugereisten jungen Männer, 80 % der “Bereicherung” von 2015 ff., sind in ihren Heimatländern “Surplus” und sie werden auch hier nichts zur Stabilisierung und zum Erhalt der Gesellschaft beitragen. Sie sind - wenn der Biologismus gestattet ist - der Virus, der den eigenen Wirt tötet. Schäuble wird das nicht mehr erleben, Gnade der rechtzeitigen Geburt.

Martin Landvoigt / 28.08.2017

Sensibel dem Zeitgeist auf die Spur geraten. Häufig sind in der öffentlichen Kommunikation, vor allem in den Medien derartige unterschwelligen Strömungen erkennbar. Nicht selten bleiben derartige Motive den Sprechern unbewusst. Und von daher materialisieren diese Ideen auch in wissenschaftlichen Versuchsaufbauten. Faktisch bleiben an dem Versuch selbstverständlich viele Punkte, die eine Übertragbarkeit des Experimentes auf Menschen im Allgemeinen, und Deutschland und Europa im Besondern als ungeeignet erscheinen lassen. So ist die genetische Vielfalt, der Mangel an Herausforderungen wahrscheinlich die Ursache für ein autoaggressives Verhalten, die es in realen Gesellschaften so nicht gibt ... und wenn ja, nicht wirklich doch Zuwanderer zu heilen sind. Im Besonderen, wenn es verpönt gilt, die Zuwanderer als bedrohliche Gruppe zu identifizieren.  Gei einer grundlegenden Populationsgröße Deutschland von 80 Mio Menschen wäre es absurd, hier eine biologische Inzucht-Gefahr herbeizufantasieren. Dies ist Biologismus von seiner dümmsten Seite. Schäuble lässt sich darin nicht von der Ratio und der Biologie leiten, sondern bemüht sachlich falsche Versatzstücke, um seine Ideologie schön zu reden.

Doris Brötz / 28.08.2017

Schäuble’s Behauptung ist doppelt perfide: Das neue Genmaterial ist kein gesünderes, wie jeder Arzt weiß, da unter muslimischen Frauen überdurchschnittlich oft der Ehemann der Cousin oder Onkel ist. Dementsprechende Häufung von vererbten Krankeiten unter Menschen pakistanischer Herkunft war in England bereits in dern 1960er Jahren aufgefallen, aber wie bei uns ein Tabu bis heute.

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