Wolfgang Röhl / 05.09.2017 / 06:04 / Foto: Bildarchiv Pieterman / 14 / Seite ausdrucken

Von Krabbenbrötchen, jungen Frauen und mehr Reschpekt

Was ist wirklich wichtig für unser Leben? Unübersichtliche Zeiten wie diese verlangen nach Sortierung. Zum Glück gibt es Medien, die uns dabei helfen. First things first! Mein Lieblings-Relevanzportal „Zeit online“ brachte neulich einen Skandal ans Licht, der untergründig schon länger schwelt, sich bald aber zu einem Flächenbrand ausweiten könnte: die „Krabbenbrötchen-Krise“ .

Es ist nämlich so, dass die Nordseekrabbe Crangon crangon heuer enorm im Preis gestiegen ist, weil die Fischer an der Nordseeküste im 1. Halbjahr 2017 nur die Hälfte der Fänge aus dem Vorjahreszeitraum eingeholt hatten. Folglich stieg das leckere Krabbenfleisch schon mal auf 8,50 Euro für schlappe 100 Gramm und wurde zu einer Speise, die allein Reiche, Schöne und Mächtige sich noch leisten konnten. Der Plebs konnte nur sehnsüchtig seufzen und seine Nase an der Fischvitrine plattpressen.

Man muss wissen, dass für große Teile der Bevölkerung Crangon crangon praktisch das Hauptnahrungsmittel darstellt. Zwei, drei reich gefüllte Krabbenbrötchen am Tag gehören für viele Millionen Menschen einfach zum Leben. Doch was, wenn der Nachschub aus dem Meer dauerhaft versiegt? Hungeraufstände könnten die Folge sein. Mit Plünderungen der Kühlhäuser in Cuxhaven, Bremerhaven oder Büsum, wo das „rote Gold der Nordsee“ (Zeit online) lagert, muss jederzeit gerechnet werden, ebenso mit dem Einsatz der Bundeswehr.

Jedenfalls steht der innere Friede auf Messers Spitze, um mal ein Sprachbild zu wagen, wie es dem metaphermächtigen „Zeit“-Granden Theo Sommer gefallen dürfte. Dank Zeit online sind wir dankenswerterweise gewarnt. Jetzt rasch zu Rewe, die letzten verbliebenen Krabben aus dem Kühlregal abgreifen!

Schließlich ist da noch die Sache mit der Gerechtigkeit

Ein anderes, ebenfalls weithin tabuisiertes Thema ist das Unrecht, das mitten in unserer Gesellschaft Menschen zugefügt wird. Genauer gesagt: weiblichen Menschen. Zon sagt es noch deutlicher: „Es ist Alltag, dass junge Frauen diskriminiert werden. Nicht nur von männlichen Vorgesetzten, auch von älteren Kolleginnen. Hört endlich auf, das zu verharmlosen“ . Echt jetzt, Vorgesetzte nennen eine Berufsanfängerin tatsächlich schon mal „Prinzessin“, wenn Letztere mit robusten Aufgaben nicht so gut klarkommt! Kollegen legen in der Konferenz den Finger an den Mund, wenn sie mitbekommen, dass eine Anfängerin etwas sagen möchte. Ja, es ist leider vorgekommen, dass junge Frauen sogar von älteren Kolleginnen manchmal nicht für voll genommen werden.

Beklagen tut das die Theresa, Jahrgang 1990. Sie schreibt auch sonst ganz wichtige Sachen; etwa, dass ihr aus nachhaltiger, kinderarbeitsfreier Produktion stammendes Fairphone  den Geist aufgegeben hat („Ein Leidensbericht“). In ihrem noch nicht sehr lange währenden Journalistenleben ist die Theresa schon oft diskriminiert worden. Nur sie? Dreimal nein! Als Theresa mit Bekannten darüber sprach, brach ein Sturm los: „Die Resonanz war enorm. Einmal angesprochen war es kaum mehr möglich, das Thema zu wechseln, so groß war das Bedürfnis der jungen Frauen nach Aussprache.“ Also, wenn Sie das nächste Mal einer jungen Frau mit starkem Aussprachebedürfnis begegnen - bitte mehr Reschpekt!

Schließlich ist da noch die Sache mit der Gerechtigkeit. Ein Thema, bei dem die einen so und die anderen so sagen. Aus Anlass der Bundestagswahl gibt Zeit online Wählern das Wort (natürlich total zufällig ausgewählte Menschen, wie sie auch in Staatsfunksendern auftreten) und lässt diese schnacken, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Über Gerechtigkeit, zum Beispiel.

Freies WLAN und eine Tischtennisplatte

Jessica Naomi, 23 Jahre alt, studiert Musicalgesang und Musikpädagogik in Osnabrück. Sie kann als Studentin mit Bafög „ganz gut leben“, sorgt sich aber: „Wenn ich mit dem Studium fertig bin, muss ich in den Beruf. Ich frage mich, ob ich dann wirklich von der Kunst leben kann.“ Kleiner Tipp: Wenn Jessica Naomi sich mit dem Studium ein wenig Zeit lässt, ist bei ihrem Examen vielleicht schon das bedingungslose Grundeinkommen eingeführt worden. Letzteres genau das Richtige für Leute, die gern ein Liedchen trällern, aber nicht zwingend in einen Beruf müssen.

Doch Jessica Naomi wäre keine junge biodeutsche Frau von heute, würde sie nicht auch mit denen leiden, welche es noch viel schwerer haben als sie. „Die Flüchtlingspolitik finde ich total daneben“ , zürnt sie. In Osnabrück gibt es nämlich „viele Flüchtlinge. Das ist abseits der Musik auch ein Thema, das ich ständig mitverfolge.“

Daran stinkt ihr manches gewaltig: „Dass man plötzlich rechtes Gedankengut äußern kann.“ Krass: rechten Hetzern missfiel eine Demonstration von Flüchtlingen, die in ihrer Unterkunft freies WLAN und eine Tischtennisplatte haben wollten. Jessica Naomi: „Irgendwie völlig daneben. Jeder Mensch hat hier WLAN und ein Smartphone und für die Flüchtlinge ist es die einzige Verbindung nach Hause.“

Verstehen Sie, warum ich Zeit online liebe? Für mich ist es eine immens wichtige Verbindung. Zu einer Welt, die ich mir in den kühnsten Träumen nicht ausdenken könnte.

Foto: Bildarchiv Pieterman

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Leserpost (14)
Rudolf George / 05.09.2017

Der Volksmund (oder muß es jetzt heißen, der Mund aller, die hier leben?) sagte einst: Lehrjahre sind keine Herrenjahre (ach schon wieder so ein suspekter Begriff; vielleicht HerrI*nnenjahre?). Kleine Abschweifung: ist die deutsche Sprache nicht wunderbar? Sie vermag Worte wie “Herrin” oder “Frauenmannschaft” zu schaffen, ohne dass es die geringsten Verständnisprobleme gäbe. Ausser natürlich bei Gendertugendwächtern, die auf der Suche nach dem nächsten aus Steuergeldern alimentierten “Forschungsobjekt” sind.

Wilfried Cremer / 05.09.2017

Die ZEIT hat von allen Blättern die krasseste Metamorphose hingelegt - vom Steinadler zum Waldrapp oder so ähnlich.

C. J. Schwede / 05.09.2017

Jessica Naomi - wieder so eine Schneeflocke… Die meisten Menschen haben Hobbies, Träume, Leidenschaften und die wenigsten können damit ihren Lebensunterhalt verdienen; sie erwarten aber auch nicht, dass die Gesellschaft sie aushält, sondern übernehmen Verantwortung, gehen zu Plan B über und übernehmen ggf. einen Job, der nicht so viel Spaß macht, sie aber finanziert. Ja, auch ich kann nachvollziehen, warum Sie diese Seiten lesen.

Stefan Bergfeldt / 05.09.2017

Man stelle sich mal vor diese Diven würden eine Berufstätigkeit im Handwerk anstreben.

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