Richard Wagner / 12.09.2014 / 11:33 / 4 / Seite ausdrucken

Von allen guten Geistern

Früher, als die Kirche noch für die öffentliche Moral zuständig war, und damit auch für die Identifikation des Bösen, war im Gegenzug auch die Zuständigkeit für die Kriegserklärung unwiderruflich geregelt. Sie lag im Verantwortungsbereich der Regierung, und konnte damit den Interessen folgen, die sich aus den weltlichen Angelegenheiten ergaben. Mit dem Zusammenbruch der alten Ordnung im 20. Jahrhundert wurden die Zuständigkeiten zunächst einmal in Frage gestellt. An Gottes Stelle traten die Führer.

Die Denker des Westens bemächtigten sich auch dieser Problematik, sie riefen zum ewigen Frieden auf, in dessen Gefolge Freiheit und Rechtsstaat einkehren sollten. So der Plan. Heute wissen wir, dass statt des angestrebten Sozial- Biedermeier, der Kalte Krieg und der Bolschewismus Europa beherrschten. Vor dem Hintergrund dieser Täuschungskulisse aber hatte die Intelligenz einen Trumpf in der Hand, wie sie meinte, das Gute. Währen der Einzelne im Osten zum Untertan gedrillt wurde und im Westen zum Objekt der Werbung ( und sei es für die Demokratie)  abstieg, wurden die traditionellen Gebote zunächst klammheimlich und dann lautstark in die Öffentlichkeit gehoben.

Und das kam so: Wenn die Demokratie zum Ritual geworden war und die Utopie zur Posse, musste der Bürger sich wieder der Metaphysik zuwenden können, der Verantwortung für Natur, Tier und Ressourcen. Im Ergebnis fand er das Böse nur noch bei sich selbst. Nicht weniger bedeutsam aber war seine Anlehnung an das Gute, als dessen Träger er sich versteht. Der westliche Mensch von heute ist also der Krypto-Christ, der es besser weiß als seine Ex-kirche, aus der er ausgetreten ist.

Er ist selbstbestimmt und bestimmt auch den Gegner. Er wählt ihn, gewissermaßen. Das hat dazu geführt, dass die meisten Rebellen des Ostens sich in der Nachkriegszeit auf ihn beriefen und seit dem Ende der Utopie von 1989 und 1991 auch die Geschäftsführer des Bösen sich zumindest das westliche Outfit gegeben haben. Putin nennt sich Präsident, er könnte aber genauso gut auch Zar oder Duce heißen.

Die Nachkriegszeit hatte es vergleichsweise einfach. Der Eiserne Vorhang markierte die Grenze von allem, auch die des Denkens. Nach seinem Fall blieb nur noch die Verteidigung des Guten. Sein Verhängnis ist seine Überbewertung, und vor allem sein Argumentationseinsatz in Krisensituationen.

Der der Mystik des Ökologischen zugewandte Mensch, greift tollpatschig ins Geschehen ein. Man könnte auch sagen: Die regionalen Krisenmacher ziehen die jeweilige Großmacht in ihre Scharmützel hinein. Sie tun so, als ob sie ihre Sprache sprechen würden, zumindest aber erwecken sie den Anschein als könnten sie sie beim Wort nehmen. In Kiew gab es einen „Maidan“  fürs Westfernsehen, der ein karnevalistisch gefärbtes Spektakel suggerierte, sozusagen ein leichtes Spiel, und einen für die innenpolitische Kostümierung des ukrainischen Nationaldämons.

Dieser machte aus seinen Gegnern im geographischen Osten des Landes von vornherein „Separatisten“, so wie diese in den Lemberger Revoluzzern „Faschisten“ zu erkennen glaubten. Wollten sich hier zwei Nachbarvölker tatsächlich politisch und kulturell trennen oder haben wir es doch mehr mit Machtgruppen und Seilschaften zu tun, die sich des jeweiligen Jargons der Diktatur oder der Demokratie bedienen, um ihren Machtanspruch zeitgemäß zu legitimieren. Auch für sie gilt, dass am Guten kein Weg vorbei führt, jedenfalls keiner an dem nicht die Maut des Guten zu entrichten wäre.

So sprach der polnische Außenminister Bronislaw Komorowski dieser Tage von der „Autobahn der Freiheit“, die er wohl auf Dauer mit seinem Dienstwagen zu befahren denkt, überall hin gefolgt von einem fliegenden Schutzschirm der NATO. Derweil halten die Vereinigten Staaten Manöver im Schwarzen Meer, und zwar mit der ukrainischen Flotte. Wollen sie etwa die Krimkriege des 19. Jahrhunderts wiederbeleben? Nein? Aber was wollen sie dann?

Es haben sich auch andere Völker in Europas Osten voneinander getrennt. Unauffällig und ohne Tote beklagen zu müssen. Slowaken und Tschechen. Heute sind es prosperierende Gesellschaften, innerhalb der EU.  Wer in Moskau und in Kiew nach den Menschenrechten sucht, sollte, bevor er sich ins volle Ornat wirft, zuerst einmal nach ihnen fragen.

Leserpost (4)
Dieter Krause / 13.09.2014

Die Chronologie der im Artikel eingestreuten Metaphysik erscheint mir sehr abenteuerlich. Ebenso ist die vermeintliche, eher an die Aufklärung anlehnende Selbstbestimmtheit, eher als Zerrbild derselben erkennbar. Die Frage nach den Menschenrechten erübrigt sich meiner Meinung nach - da diese stets nur soweit Anwendung finden, als sie dem austauschbarem, gerade (beliebigen) herrschenden System dienlich sind… “Schädliches” Verhalten, also Non-Konformität wird stets mit Repression bestraft.

Roßmeißl Franz / 12.09.2014

Ein guter Kommentar, der nachdenklich stimmt. Wo bleibt denn in den westlichen Mainstream-Medien beim Ukraine-Problem die Forderung nach dem Selbstbestimmungsrecht der Völker? Dieses Selbstbestimmungsrecht ist m.E. doch höher einzuschätzen als das sog. Völkerrecht, das ja von jeder Seite anders ausgelegt werden kann und das von den “Westmächten” in den vergangenen Jahren zigmal gebrochen wurde (z.B. Bombardierung Serbiens im Kosovo-Konflikt, Überfall auf den Irak oder neuerdings die geplante Bombardierung Syriens ohne Zustimmung der rechtmäßigen Regierung). Es ist doch bezeichnend, dass von westlicher Seite niemand die Forderung nach einer international überwachten Volksabstimmung im Donbass oder der Krim stellt. Wahrscheinlich wird befürchtet, dass sich dann die Mehrheit für einen Anschluss an Russland aussprechen könnte!

Karsten Dahlmanns / 12.09.2014

“So sprach der polnische Außenminister Bronislaw Komorowski dieser Tage von der „Autobahn der Freiheit“, die er wohl auf Dauer mit seinem Dienstwagen zu befahren denkt, überall hin gefolgt von einem fliegenden Schutzschirm der NATO.” Außenminister? Vor einiger Zeit, in einem Artikel von Hansjörg Müller (“Alter Hass in neuen Gewändern”) hier auf achgut: “Heute ist beispielsweise noch der erzkatholische polnische Hetzer Janusz Korwin-Mikke ein Exponent des Antisemitismus alter Schule.” Das ist ein recht verkürztes Urteil über Herrn Korwin-Mikke. Es wäre sinnvoll gewesen, nicht “mal eben” in die deutsche Wikipedia zu schauen, sondern sich selbst ein Bild zu machen. Sprachbarriere?  Was Polen angeht, sind Sie, meine Herren, eher die “Achse der Blinden”.

Jerome Frey / 12.09.2014

“Nach dem Neuen Forum folgt der „Aufruf zur Einmischung in eigener Sache“ der Initiative Demokratie Jetzt. Weitere Gruppen werden folgen. Darin zeigt sich, wie wenig homogen die DDR-Bürgerrechtsbewegung war. Während die Existenz zahlreicher, unabhängig voneinander operierender Gruppen während der Zeit des DDR-Regimes ein unschlagbarer Vorteil war, wird dies in der Aufbruchszeit nun zum entscheidenden Nachteil. Die Opposition spricht nicht mit einer Stimme. Sie kann weder zu einem stringenten Konzept noch zu gemeinsamem Handeln finden. Wie das Neue Forum will auch Demokratie Jetzt eine „oppositionelle Sammlungsbewegung zur demokratischen Erneuerung“ sein. Sie bleibt aber immer die viel kleinere Schwester des Neuen Forums. Im Anbetracht der Ereignisse des Tages glänzt die Schlagzeile im Neuen Deutschland mal wieder durch eine gewisse Komik: „Für eine starke DDR – Jeden Tag hohe Leistungen.“ In der Tat schickt sich die Opposition an, Höchstleistungen zu erbringen.” Genau so ist es, was Sie, Herr Richard Wagner, hier so trefflich beschrieben haben.

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