Gastautor / 27.09.2017 / 06:15 / Foto: jordanbpeterson.com / 18 / Seite ausdrucken

112-Peterson: Vom Umgang mit einem gefährlichen Alkoholiker

Jordan B. Peterson , Psychologie-Professor an der Universität von Toronto, wird jetzt jede Woche auf Achgut.com vertreten sein. Seine Hauptthemen sind die Psychologie des religiösen und ideologischen Glaubens sowie die Entwicklung der individuellen Persönlichkeit. Im vergangenen Jahr widersetzte sich Peterson einem kanadischen Gesetz, das die Bürger unter anderem dazu zwingen will genderneutrale Pronomen zu verwenden (Bill C-16), weil es nach seiner Auffassung die Redefreiheit verletzt. Mit seiner Kritik an den  damit verbundenen Ideologien erreicht Peterson auf seinen Youtube-Kanälen inzwischen ein Millionenpublikum. Ab heute veröffentlicht die Achse des Guten regelmässig einen ins deutsche übertragenen Beitrag des Kanadiers unter dem Kolumnentitel "112 Peterson".

Von Jordan B. Peterson.

Ich erzähle Ihnen mal eine kleine Geschichte.

Ich hatte in Montreal einen Vermieter, er wohnte gleich nebenan und dieser Kerl war ein Ex-Hells-Angels-Rocker. Er hatte schon einige Zeit hinter Gittern verbracht. Seine Frau hatte eine Borderline-Persönlichkeitsstörung und Selbstmord begangen, während der Zeit, in der ich da wohnte. Er war echt ein schwerer Junge und auch noch ein echter „Québécois“, der Joual sprach, einen französischen Dialekt, den ich kaum verstehen konnte.

Er wußte nicht so recht, was er von mir zu halten hatte, und ich wußte nicht so recht, was ich von ihm halten sollte. Aber wir kamen ganz gut miteinander zurecht.

Ich war natürlich sehr vorsichtig, wenn ich mit ihm sprach, wie sie sich vorstellen können. Aber meine Frau und ich sind dann einen Abend mal rüber gegangen zu ihm und haben gemeinsam Spaghetti gegessen und haben uns auf eine gewisse Art auch unterhalten. Ich habe dann ein Poster von ihm gekauft, so eine Art Holzbild mit Neonlichtern drauf. Davon lebte er, er hatte sich selbst ein bißchen Elektrotechnik beigebracht. Die stellte er also her und versuchte, vom Alkohol loszukommen. Darüber sprachen wir. Er war deutlich älter als ich, bestimmt 20 Jahre. Ich war damals 25 und wir kamen ganz gut zurecht.

Hin und wieder ist er aber losgezogen, um zu trinken. Der konnte richtig trinken, er war einer von den Typen, die 60 Bier trinken konnten und jeder würde denken, soviel kann doch kein Mensch trinken. Falsch gedacht. Ich habe das Thema Alkohol 10 Jahre studiert und ich kann ihnen sagen, daß einige meiner Studienpersonen Väter hatten, die am Tag 40 Kurze tranken und das schon seit 20 Jahren. Man kann also wirklich viel trinken und mein Nachbar trank viel. Er versuchte, nicht zu trinken, aber dann zog er doch wieder los und betrank sich.

Dann war er drei Tage weg und versoff sein ganzes Geld. Wenn er wieder da war hörten wir ihn im Garten mit seinem kleinen häßlichen Hund um die Wette den Mond anheulen. Er heulte und der Hund heulte und dann wieder er – das war schon ziemlich beunruhigend und machte meine Frau nervös.

Was schlimmer war, er kam dann nachts um drei an unsere Tür, klopfte und stand da. Ich weiß nicht, ob sie schon mal mit betrunkenen Alkoholikern von dieser Sorte zu tun hatten. Er stand dann da, schwankend wie ein Baum im Wind, aufrecht und gleichzeitig halb bewußtlos. Er fragte mich, ob ich seinen Toaster kaufen wollte oder seine Mikrowelle, weil er Geld brauche um weitertrinken zu können.

Wissen Sie, ich wollte nicht wirklich seinen Toaster oder seine Mikrowelle kaufen. Aber wenn ein Ex-Hells Angel mit einem seltsamen französischen Dialekt und 60 Bier intus um drei Uhr morgens vor ihrer Tür steht und ihnen seine Mikrowelle zum Kauf anbietet, dann ist das Einfachste von der Welt zu sagen: „Ja, Mann! Ich könnte echt ne Mikrowelle gebrauchen!“

Also hab ich dann die Mikrowelle und den Toaster und noch ein paar andere Sachen gekauft. Aber dann kam meine Frau an, die meinen Vermieter wirklich mochte, auch wenn sie Angst vor ihm hatte, und sie meinte zu mir: „Du kannst dem nicht noch mehr Küchengeräte abkaufen, das ist nicht gut für ihn.“

Tja, dachte ich, das ist ein interessantes Problem. Was soll ich da machen? Weil, „Nein, ich möchte ihre Mikrowelle nicht kaufen!“ klingt nicht nach einer guten Antwort um drei Uhr morgens.

Bei einer Gelegenheit hat er mich auf seiner 750er Honda mitgenommen. Ich glaube, er wollte mir mal seine Höhle zeigen, seine Hangouts. Er gab mir den Helm seiner Frau, der mir nicht paßte, so daß ich ihn einfach nur oben auf meinen Kopf setzen konnte. Ich setzte mich also auf den Sozius und er sagte: „Wenn die Bullen uns verfolgen, halte ich nicht an!“ Und los ging’s!

Und dann sind wir in diesen Bars gewesen, in der Innenstadt auf der Rue St. Laurent, das waren sehr rauhe Pflaster. Er ist in ungefähr vier Prügeleien geraten in dieser Nacht, weil, er war ein harter Kerl und diese dämlichen Punks haben ihn angemacht. Er war ziemlich skeptisch und wenn man nur lang genug vor ihm herum hampelte, dann hat er einem einfach eine verpaßt, weil er wohl dachte, daß man das verdient. Und wahrscheinlich hatte er recht. Ich hatte also eine erstklassige Gelegenheit, ihn zu beobachten.

Und etwa zwei Wochen später stand er dann wieder mal vor meiner Tür. Sie wissen schon, klopf, klopf, mit halb geschlossenen Augen, schwankend, und er wollte mir wieder irgendein Küchengerät verkaufen – keine Ahnung, welches es diesmal war. Und da hab ich zu ihm gesagt: „Nein, Paul, das kann ich nicht. Ich kauf Dir das Teil nicht ab. Weil ich weiß, daß Du versuchst, mit dem Trinken aufzuhören, und wenn ich Dir Geld gebe, dann versäufst Du es wieder und das ist einfach nicht gut für Dich.“

Ich habe ihm auch gesagt, daß diese nächtlichen Besuche bei mir um drei Uhr morgens meiner Frau, die er ja mochte, Angst einjagten und daß das aufhören müsse. Und glauben sie mir, mir ging dabei alles Mögliche durch den Kopf, denn er stand da und beobachtete mich, so wie harte Jungs einen eben angucken. So als ob er denkt: „Wenn Du auch nur ein Wort sagst, das mir stinkt, dann wirst Du dafür bezahlen.“ Und ich hab also nach Worten gesucht, so wie man im Moor nach festen Stellen zum Drauftreten sucht und habe das, was ich zu sagen hatte, sehr, sehr  vorsichtig formuliert.

Und er guckte mich an, so 15 Sekunden lang – das ist eine ganz schön lange Zeit um angeguckt zu werden, um drei Uhr morgens. Und dann ging er einfach. Und er hat mir nie wieder was zum Kaufen angeboten, und wir kamen gut miteinander klar.

Dieses Beispiel illustriert ganz ausgezeichnet die Themen Wahrheit und Erfolg auf fremdem Boden. Denn ich befand mich auf fremdem Boden, als ich da mit meinem Nachbarn, meinem Vermieter sprach. Ich hab es geschafft, ihm sehr vorsichtig die Wahrheit zu sagen, obwohl er ein gewalttätiger Mensch war, und obwohl er sehr betrunken war und allen Grund hatte, mich für verdächtig zu halten, und obwohl wir uns nicht besonders gut verständigen konnten und obwohl ich nicht das tat, was er wollte.

Er hat es geschluckt und ist gegangen. Es gab keine Probleme hinterher und das Leben ging prima weiter.

Unterschätzen sie nie, was es bedeutet, einen gemeinsamen Beziehungsrahmen aufzubauen; zu versuchen, dem Ideal der Wahrheit nachzustreben. Da ist wirklich nichts dabei. Es unterstützt uns und es macht uns stark – und das ist exakt das, was wir der Katastrophe und der Unsicherheit des Lebens entgegenhalten müssen.

Dieser Beitrag ist ein Ausschnitt aus dem Vortrag „Bible Series X: Abraham: Father of Nations“. Hier geht’s zum Original-Vortrag auf dem Youtube-Kanal von Jordan B. Peterson.

Siehe auch hier einen Beitrag von Achse-Autor Bernhard Lassahn zu Jordan B.Peterson.

Foto: jordanbpeterson.com
Leserpost (18)
Angela Maaz / 27.09.2017

Toll. Eine Bereicherung für die Achse!

Stefan Tendis / 27.09.2017

Zunächst haben Sie sich ihm aus Angst unterworfen; verständlich. Sie haben dann etwas getan, von dem ich annehme, dass Sie das in Wirklichkeit überhaupt nicht wollten und in jedem anderen Fall abgelehnt hätten. Und dann hatten Sie beim Showdown einfach pures Glück. Normalerweise kann man diese Typen tatsächlich für den Moment “besänftigen”, aber nie mit Unterwerfung, sondern nur, wenn die bereit sind, Sie zu akzeptieren und dazu bedarf es zweierlei: es gelingt ausschließlich großen, nicht all zu jungen Männern, die sich keine Scherze erlauben und auch sonst ziemlich autoritär rüberkommen. Und zweitens nur dann, wenn sie ihrem aggressiven Gegenüber Respekt erweisen. Dann können Sie kurze Zeit dominieren, weil der Aggressive sie nicht angreifen kann, denn dann würde er gegen seinen Ehrenkodex verstoßen. Vergessen wird er Ihnen aber diese Lektion niemals und Sie sind gut beraten, dem nie wieder über den Weg zu laufen: die Zeit der Ruhe, die Sie danach beschreiben, war trügerisches, dünnes Eis! Andernfalls wird er jede Gelegenheit nutzen, seine führende Position Ihnen gegenüber wieder herzustellen. Das sind Wölfe oder Hunde und sie verhalten sich wie solche. Ich meine das keineswegs despektierlich. Ich weiß nicht, wie groß Sie sind und was Sie wiegen, aber mit Verlaub, auf dem Bild machen Sie in dem Sinne nicht allzuviel her (Sie versuchen, ernst zu schauen und haben in krassem Gegensatz dazu eine zu große Jacke an). Deshalb finde ich, dass Sie neben einer gehörigen Portion Glück die richtigen Worte gefunden haben müssen.  Ich habe ähnliche Erfahrungen wie Sie gemacht und finde deshalb Ihre Geschichte sehr interessant.

Chris Lock / 27.09.2017

Gute Geschichte, sehr kluge Quintessenz.

beat.schaller / 27.09.2017

hoppala, da freue ich mich drauf! b.schaller

Robin Schürmann / 27.09.2017

Eine ganz wunderbare Story.

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