Gastautor / 21.08.2017 / 09:59 / Foto: Hakeliha / 5 / Seite ausdrucken

Vom Angst haben

Von Gerald Wolf.

Der Herzog heißt Herzog, weil er vor dem Heer herzog. Früher. Selbst Könige taten das mitunter. An der Front ihrer Heere, da klirrten die Schwerter, flogen die Pfeile, dort war es gefährlich. Bald aber wurde das den Herzögen zu dumm. Oder wem auch immer, der so wichtig war, dass er vor dem Heer herzuziehen hatte. Man zog vor, die Kampfesleitung nach hinten zu verlegen. Heute ist das allgemein üblich. Die Wichtigsten des Landes, die Politiker, die bleiben hinten. Und weil mittlerweile selbst hinten Gefahr droht, schützen sie sich auch dort, so gut es immer geht. Zum Beispiel, indem sie sich mit Bodyguards umgeben und in gepanzerten Limousinen umherfahren. Natürlich können nicht alle Menschen in gepanzerten Limousinen umherfahren und von Bodyguards umgeben sein, selbst wenn ihnen Gefahr droht. Einfach, weil überall Gefahr ist, zumindest zu sein scheint.

Früher hieß es, man solle Mut und Tapferkeit beweisen. Diese Begriffe haben heute ausgedient.  Andererseits ist es nicht gut, wenn unsere Menschen immerzu Angst haben, nur weil sie ständig irgendwelche Einzelfälle vor Augen haben. Oder viele Einzelfälle. „Nein, wir lassen uns von der Angst nicht unterkriegen,“ rufen die Politiker aus ihren gepanzerten Limousinen heraus und von Bodyguards umgeben. „Denn“, rufen sie, „davon profitieren die da nur, die Angstmacher“. Auch warnen die Politiker und ihre Kommunikationshelfer vor Ängsten und Phobien, wie es bisher allein Sache der Psychiater war. Denn Ängste und Phobien sind Anzeichen von seelischen Störungen, und davor, jawohl, vor den Ängsten und Phobien sollte man Angst haben!

Viel, viel älter als die Menschenstaaten sind die der Insekten. Natürlich kann man uns Menschen nicht mit staatenbildenden Insekten vergleichen, mit Ameisen, Bienen und Termiten. Einfach, weil wir Menschen Menschen sind.

Dennoch haben solche Vergleiche aus systembiologischer Sicht ihren Reiz. Die wichtigsten Individuen in solchen Insekten„staaten“ nennt man „Königinnen“. Nicht etwa große Politikerinnen sind das, nein, sie sind nur Eierlegemaschinen. Immerhin hängt das Wohl und Wehe ihres jeweiligen „Volkes“ von ihnen ab, und so sind diese Königinnen samt und sonders im Inneren ihrer Staaten von Wachmannschaften umgeben, die sie bestens schützen. Seit Millionen und Abermillionen von Jahren funktioniert das. Hervorragend. Und zwar, ohne dass diese Königinnen oder etwaige Kommunikationshelfer den Einzelnen in ihrem Volke ständig sagen müssten, sollten sie, obschon ständig von Gefahren bedroht, keine Angst haben. Sich weder von Ängsten noch von Phobien leiten lassen. Denn die Glieder eines solchen Volkes, die Arbeiterinnen und die Soldatinnen, sind – mit Verlaub gesagt – so doof, dass sie Angst gar nicht kennen!

Professor Gerald Wolf ist Hirnforscher und emeritierter Institutsdirektor. Er widmet sich in seinen Vorträgen und Publikationen und regelmäßig im Fernsehen (MDR um 11, Sendung „GeistReich) dem Gehirn und dem, was es aus uns macht. Neben zahlreichen Fachpublikationen und Fach- und Sachbüchern hat er auch drei Wissenschaftsromane veröffentlicht.

Leserpost (5)
Klaus Klinner / 21.08.2017

Nun ja, Ängste sind durchaus nicht immer Anzeichen von psychischen Störungen, sondern primär völlig vernünftige menschliche Reaktionen. Ängste entstehen immer dann, wenn wir uns in Lebenssituationen befinden oder wähnen, die wir als unangenehm oder bedrohlich erleben. Und da der Mensch etwa gegen das Eindringen eines Messers in den Körper oder das Überfahrenwerden durch ein Auto absolut ungeschützt ist, ist es natürlich sinnvoll davor Angst zu haben und ggf. einem Fluchtreflex nachzugeben, mit dem Ziel der bedrohlichen Situation zu entkommen. Im übrigen ist Angst auch keine intellektuelle Leistung, sondern ein ganz natürliches Verhalten, sodass der Bezug “doof” gleich “keine Angst” nicht passt.

Cornelia Buchta / 21.08.2017

2016 hörte ich im SWR eine Sendung über Risiko+Angst, in der der Moderator einer Anruferin irrationale Ängste einreden wollte, weil sie zunehmend mehr Bedenken hatte auf einsamen Stellplätzen allein im Wohnmobil zu übernachten. Ich war extrem wütend! Das Verleugnen von Risiko und berechtigter Angst nennt man nicht Mut, sondern Leichtsinn. Aus Angst davor, dass mich die Angst lähmen könnte meine Augen fest zu verschließen und so zu tun, als ob das Risiko überhaupt nicht da wäre, ist kindisches und unverantwortliches Handeln. Einer Bedrohung ins Auge zu sehen ist zwar eine extrem unangenehme Sache, aber es klärt den Blick und setzt Energien frei, dieser Bedrohung mit klarem Verstand zu begegnen. Problem: weite Teile unserer Gesellschaft sind solch ein Verhalten nicht gewohnt. Es war im Gegensatz zu heute auch nicht nötig!

Dr.Wolfgang Schönfelder / 21.08.2017

Mit Verlaub: Sind die Ameisen nicht deshalb doof, weil sie es nach unserem Denken sein sollten? Im übrigen, wenn die Königin ihre Leistungen nicht mehr bringt, dann sorgt das Volk auf direktem Wege für eine Neue. Wo gibt es das schon bei uns so direkt.

Helmut Driesel / 21.08.2017

Staatenbildende Insekten beweisen uns, dass es programmatische Strukturen gibt, die von echten Lebewesen mit einer gewissen Varianz ausgefüllt werden. Grundsätzlich spricht nichts dagegen, dass sich Menschen auch zu solchen Strukturen entwickeln könnten, also wenn man die Diktatur Nordkoreas noch hundert Jahre in die Zukunft denkt… Wenn die Bedrohung zur Normalität wird, also wenn jemand beispielsweise 20 Jahre in einem amerikanischen Gefängnis verbracht hat, oder wenn jemand in Israel wohnt, dann wird aus Angst einfach nur Vorsicht. Die Christen haben ja das “Fürchte Dich nicht, denn der Herr ist bei Dir!” - Das hilft seit Jahrtausenden, obwohl Ihn noch keiner in seiner Nähe gesehen hat. Aber Furcht ist bekanntlich nicht Angst, der Definition nach ist man nicht phobisch, wenn man das Objekt/Subjekt seiner Furcht benennen kann. Das kann auch eine ganze Stadt, ein ganzes Land sein. Wer sich fürchtet rüstet auf. Wer Angst hat, geht zum Psychiater. Der Psychiater sagt: “Was im Kopf entstanden ist, muss auch in dem Kopf bekämpft werden, wo es entstanden ist. Und der General da drin sind Sie!” Die Furcht aber lässt ansonsten harmlose Menschen mit Messern, Spray und Revolvern herumlaufen. Wer Opposition und Anarchie fürchtet, verherrlicht den Polizeistaat. Wer ganze Staaten fürchtet, findet Sympathien für große Raketen oder Lastwagen voller Sprengstoff. Aber wie diagnostiziert man normale Menschen? Sind sie arglos und unbesorgt, lassen sich vielleicht mit gutmenschelnden Schlußgedanken friedlich, angstfrei und furchtlos abstechen? Wenn es einer guten Sache dient? Da sind wir wieder bei den Bienen. Da wollte ich gar nicht hin. Wirklich komisch.

R. Helene van Thiel / 21.08.2017

Kleine sprachliche Anmerkung: Es muß “Vom Angsthaben” heißen - das Verb ist substantiviert worden.

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