Viermal Helmut

1. Bundeskanzler Helmut Kohl besucht die Redaktion. Eigentlich besucht er den Herausgeber Erich Brost, der während der Nazi-Zeit mit Willy Brandt in der Emigration und somit eine Person der Zeitgeschichte war. Kohl machte damals eine Serie solcher Besuche. Der bekannteste war sein Auftritt bei Ernst Jünger. Aber wie gesagt, in die Redaktion kam er auch. Es war ein hochinteressantes Gespräch, von dem ich kein Wort mehr in Erinnerung habe. Unvergessen aber ist das Besuchsfoto. Kohl in der Mitte, rechts neben ihm mein Chefredakteur, links neben ihm ich. Ich liebe dieses Foto. Neben Kohl sehe ich aus wie eine gertenschlanke, geradezu grazile Figur. Diesen visuellen Eindruck von mir hatte ich seit vielen Jahren nicht mehr genießen dürfen. Neben dem Riesen Kohl konnte man sich verschlankt fühlen, als sei man gerade einem Jungbrunnen entstiegen. Ein tolles Gefühl, wenn man nicht das Bedürfnis hat, der größte zu sein und mit einem Hauch des Zwergenhaften leben kann.

2. Helmut Kohl macht als frisch gewählter Kanzler seinen Antrittsbesuch in London. Wir Journalisten, englische und ansässige deutsche Korrespondenten befürchten das Schlimmste. Da kommt dieser grobschlächtige Pfälzer in die coole Weltstadt, die sich mit leichten Einschränkungen immer noch für das Zentrum eines Weltreichs hält. Dann die Überraschung. Die britische Presse feiert Kohl als leutseligen, gemütvollen Herrn, als einen Deutschen, wie man ihn sich wünscht. Ein menschliches und daher angenehmes Gegenstück zu seinem Vorgänger, dem anderen Helmut, der sich in England den Ruf eines oberlehrerhaften Feldwebels erworben hat. Kohl fährt, begleitet von einer positiven, ein wenig gönnerhaften britischen Presse nach Hause, wo ihn der damals in Deutschland übliche Journalistenspott erwartet.

3. Jubiläum eines hochrangigen bayerischen Weggefährten. Der noch kerngesunde und hellwache Pensionär Kohl gibt sich die Ehre. Auch als Gast füllt er mit seiner Persönlichkeit das Festzelt. Und dann das Phänomen des Exkanzlers als gewaltiger Verzehrer von Speisen. Es gibt deftige bayerische Kost, Helmut Kohl scheint sie allenfalls als ein erweitertes Hors d'Oeuvre wahrzunehmen. Es braucht zwei Portionen von allem, erst dann scheint ein gewisser, vorläufiger Sättigungsgrad einzutreten. Ein Gigant auch in dieser Hinsicht.

4. Der Kanzler der deutschen Einheit besucht als Rentner und als Redner die Universität Augsburg. Der große Vorlesungssaal ist rappelvoll. Lauter junge Gesichter mit staunenden Mienen. Da steht und spricht einer, den immer noch der Mantel der Geschichte umweht. Ein deutsches Weltwunder. Die jungen Leute feiern ihn mit Klatschen, Klopfen und Trampeln. Zwei, drei Studentengenerationen zurück, und sie hätten ihn ausgebuht und mit Eiern beworfen. Was heißt hier: hätten. Sie haben. Von der Apo und den SDS-Größen sind nur noch ein paar Untote übrig geblieben. Helmut Kohl hat die Welt als Staatsmann von historischer Statur verlassen.     

Leserpost (2)
Elmar Schlürscheid / 18.06.2017

Super geschrieben, ich muss den “Dicken” jetzt aber nicht nach seinem Tod doch noch lieb haben, oder? Der Feldwebel aus Hamburg war mir da sympathischer, der hatte wenigstens noch etwas Ehre im Leib und war weniger korrupt, kam auch nicht so ländlich stoffelig rüber wie der Gigant aus Oggersheim. So, der musste jetzt noch raus, er möge in Frieden ruhen und Bimbes zählen!

Dr. med. Christian Rapp / 18.06.2017

Sympathisch war er mir nicht. Eins ist aber sicher: Die Politik der CDU würde heute anders aussehen als die grün-linke Einheitssoße. Und wo sind eigentlich die kritischen Journalisten geblieben, die so wie sie “Birne” angegriffen haben, jetzt die “Raute” vor sich her treiben müssten. Wir brauchen eine neue APO damit sich etwas bessert. Schlechter wirds bei der gegenwärtigen Gleichgültigkeit von allein.

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