US-Wahlkampf: Hoffen auf das geringere Übel

Letzten Mai war es, als ich im Süden Brooklyns, nicht weit entfernt von jener Avenue Z, in der in den Sechziger- und Siebzigerjahren Donald Trumps Vater Fred sein Büro hatte, an einem Getränkeladen vorbeikam. «Bud Light ist für Bier das, was Donald Trump für Frisurenmodelle ist. Trinkt nicht diesen Scheiss», stand dort unter einer Werbung für bayrisches Bier. Ach ja, Trump, den gibt es ja auch noch, dachte ich. Der Immobilien-Tycoon schien mir damals in erster Linie einer der notorischen Habitués der «Page Six» zu sein, der legendären Klatschseite des Boulevardblatts «New York Post»: eine Figur der urbanen Folklore, keinesfalls aber eine Person von nationaler Bedeutung.

Mit diesem Eindruck war ich nicht allein, auch einen Monat später noch nicht, nachdem Trump bekannt gegeben hatte, sich einmal mehr um die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner zu bewerben. Ein Werbegag sei das Ganze, schrieb David Remnick, der Chefredaktor des «New Yorker», nichts als «eine Schwindelei, die enden könnte, noch bevor in Sioux City und New Hampshire der erste Schnee fällt». Wie die Geschichte weiterging, ist bekannt. Ihr vorläufiges Ende fand sie am Dienstag, als Trump in sieben von elf Bundesstaaten eine Mehrheit gewann und damit der Nomination wieder einmal ein gutes Stück näherkam.

Sein Erfolg ist von Journalisten und anderen professionellen Beobachtern beidseits des Atlantiks zur Genüge analysiert worden, sodass eine kurze Rekapitulation genügt: Wer für Trump stimmt, dürfte jenem Teil der Mittelschicht angehören, der meint, dass ihm in Zeiten der beschleunigten Globalisierung der Boden unter den Füssen weggezogen wird; die politische Elite, personifiziert durch den Präsidentensohn und -bruder Jeb Bush, ist dem gemeinen Trump-Wähler ein Gräuel; dass er Einwanderung, vorab solcher aus Lateinamerika, kritisch gegenübersteht, heisst nicht zwingend, dass er ein Rassist ist. Dass der Anteil von Rassisten unter Trumps Anhängern allerdings grösser ist als unter denen aller anderen Bewerber, ist eine Annahme, die auch ohne demoskopische Grundlage nicht allzu gewagt ist.

Politik als Bohren dünner Bretter

Dass Donald Trump als Präsident notwendigerweise irreparables Unheil anrichten würde, ist keineswegs eine ausgemachte Sache. Vielleicht ist es ja auch so, wie Walter Russell Mead, der Chefredaktor der Zeitschrift The American Interest, kürzlich im Gespräch mit dieser Zeitung sagte. Trump, so glaubt Mead, sei mehr Berlusconi als Mussolini: einer, der das Rampenlicht geniessen würde, das ihm die Präsidentschaft böte, und ansonsten wenn immer möglich den Weg des geringsten Widerstandes ginge. Politik als Bohren dünner Bretter.

Möglich ist, dass Trump in Europa und dem Rest der Welt mehr Schaden anrichten würde als an der Heimatfront. Dies nicht etwa durch cowboyhaft-forsches Auftreten, wie oberflächliche Betrachter vermuten könnten, sondern durch das genaue Gegenteil, forcierte Untätigkeit. Zwar gibt sich Trump als amerikanischer Nationalist, doch ein Anhänger des American Exceptionalism, jenes Glaubens an Amerikas Sonderstellung in der Welt, aus der immer auch ein Sinn für globale Verantwortung erwuchs, scheint er nicht zu sein. Keineswegs auszuschliessen ist, dass Trump als Aussenpolitiker mehr Ähnlichkeiten mit Barack Obama, dem Zauderer im Weissen Haus, aufweisen würde als mit republikanischen Vorgängern wie Richard Nixon oder Ronald Reagan.

Amerika, militärisch gesehen "last nation standing" des Westens, könnte als Sicherheitsfaktor also bald völlig ausfallen. Profiteure wären Schurken wie der russische Präsident Wladimir Putin. In Moskau, darauf deutet manches hin, scheint man sich auf einen Präsidenten Trump durchaus zu freuen: Wie der konservative Weekly Standard dieser Tage berichtet, hat sich Alexander Dugin, ein Wirrkopf aus dem Umfeld Putins, bereits angetan über Trump geäussert. Dieser hat seinerseits auch schon Putins Stärke gepriesen, wobei nicht klar wurde, ob aus Überzeugung oder nur, um den unter seinen Anhängern weit verbreiteten Kinderglauben zu bestätigen, wonach stets das Gegenteil von dem richtig sei, was in den sogenannten Mainstream-Medien steht.

Immerhin, der «Super Tuesday» brachte auch einen Hoffnungsschimmer: Aufseiten der Demokraten gewann Hillary Clinton ebenfalls in sieben von elf Staaten, ein Sieg über ihren linken Rivalen Bernie Sanders scheint damit in Sicht. Clinton dürfte für einen robusten Pragmatismus eintreten. In den vergangenen Jahren gehörte sie zu denen, die den Hyper-Phlegmatiker Obama das ein oder andere Mal zum Handeln bewegen wollten, etwa in Syrien, wo ein frühzeitiges Eingreifen, wie Clinton es sich wünschte, die totale Katastrophe möglicherweise hätte verhindern können.

Hoffen auf Hillary: nicht auszudenken, wenn einem Schaumschläger wie Donald Trump ein idealistischer Träumer wie Barack Obama gegenüberstünde. Mit Clinton könnte die Welt mehr Glück haben als die republikanischen Wähler derzeit Verstand.

Zuerst erschienen in der Basler Zeitung

 

Leserpost (7)
Roland Wolff / 04.03.2016

Trump erinnert mich an Lindbergh und “America first” in den 30ern, in der Fiktion von Philip Roth. Ich hoffe, Hillary Clinton gewinnt. Was macht eigentlich Condoleezza Rice?

Wolfgang Richter / 04.03.2016

Ich drücke dem Herrn Trump allemeine Daumen, wobei ich nicht glaube, daß er am Ende zum US-Präsidenten gewählt werden wird. Aber die Vorstellung, daß dieser grobe Klotz, so er nach einer erfolgreichen Wahl nicht zum Diplomaten mutiert, bei internationalen Politikertreffen mit Hollande, Angela Merkel oder die anderen inhaltslose Sprechblasen absondernden, sich selbst maßlos überschätzenden Klugschwätzern vom Format Steinmeier zu tun haben könnte, hat für mich mehr Amüsement als jede gestellte Comedy. Und daß Mrs. Clinton für die Weltpolitik das geringere Übel und weniger gefährlich sein könnte, wage ich angesichts der ihr eigenen Überheblichkeit und ihrem Hang, die eigene Meinung für alternativlos zu halten, in Zweifel zu stellen. Ihre vor ihr als “Pfund” in die Waagschale geworfene angebliche politische Erfahrung hat sie mit ihrem Versagen bei der Beurteilung der Lage um das Konsulat in Bengasi mit tödlicher Sicherheit für die dort arbeitenden US-Bürger hinlänglich bewiesen. Jeder andere mit Charakter würe bei einem solchen beruflichen und persönlichen Versagen sang- u. klanglos abgetreten, es sei denn er hält sich für zu Höherem berufen und für unersetzlich. Eine sich derartig Selbstüberschätzende halte ich dann eher für ein unkalkulierbares Risiko, auch im Gegenspiel zu Putin oder auch den chinesischen Machtspielen im Pazifik.

Hartmut Laun / 04.03.2016

Das mit seiner Ausländerfeindlichkeit scheint sich in den Köpfen als nicht mehr zu löschendes Programm festgesetzt zu haben. Klar und eindeutig wurde von Trump immer die Gruppe der Illegalen benannt, die weder legale Einwanderer und wahlberechtigt sind. Gemeint sind die Grenzverletzer und die schon im Land sich befindlichen Illegalen.  Ausländer als solcher, als Einwanderer nach den geltenden Einwanderungsbestimmungen, jung, mit Beruf, gesund, nicht vorbestraft, die werden gerne in die USA gelassen. Solche Politiker, welche die Gesetze ihres Landes kennen, achten und vertreten, die wünsche ich mir für Deutschland. Nicht eine Merkel die ungestraft Gesetze die für alle gelten, wie in Zeiten der Feudalherrschaft, diese immer wieder bricht. Erkannt hat Trump, aber da ist er lange nicht er einzige, das der Islam und seine Anhänger ein potentielle, wenn nicht sogar ein konkrete Gefahr für jedes Land mit einer anderen Religion, mit einer hohen Toleranzschwelle ist.

Jochen Kramer / 04.03.2016

Hansjörg Müller mag Trump nicht. Ich mag ihn. Er hat immer wunderschöne Frauen und tolle Kinder wie ich. Er ist auf dem freien Markt wohlhabend und frei geworden wie ich. Er hat atemberaubend schöne Golfplätze gebaut, auf denen ich mich wie im Himmel fühle. Was hat Hansjörg Müller für mich geschaffen?

Sybille Schrey / 03.03.2016

„...doch ein Anhänger des American Exceptionalism, jenes Glaubens an Amerikas Sonderstellung in der Welt, aus der immer auch ein Sinn für globale Verantwortung erwuchs, scheint er nicht zu sein.“ Also die ständig kriegstreibende, ständig Kriege führende, blutgetränkte und weltweit nur Chaos verursachende Politik der USA „Sinn für globale Verantwortung“ zu nennen, zeugt von absoluter Erkenntnisverweigerung oder Erkenntnisunfähigkeit. Beides gleichermaßen schlimm! Eben das traurige Ergebnis eines fanatischen „Glaubens an Amerikas Sonderstellung in der Welt“. Eines Glaubens in seiner gefährlichsten Form – einem völlig hörigen und unreflektierten Gutheißen aller Unmenschlichkeit der vermeintlichen Gottheit. Nun ja, einer Gottheit kann man natürlich auch alles Menschliche absprechen. Das ist ja im radikalen Islamismus nicht anders. Es wäre darum nur zu begrüßen, wenn Amerika -„militärisch gesehen“ - als Gefahrenfaktor! ausfällt. Die Welt käme dem Frieden ein Stück näher, insbesondere im Nahen Osten, in Europa und in Afrika. „Profiteure wären Schurken wie der russische Präsident Wladimir Putin. …. Hoffen auf Hillary ….Mit Clinton könnte die Welt mehr Glück haben als die republikanischen Wähler derzeit Verstand.“ So etwas kann und vor allen Dingen muß man nicht kommentieren. Nur ein kleiner Hinweis: da die totale Trance Gläubiger oftmals nur mit Zusatzstoffen zu erreichen ist, bleiben Sie doch besser weg von dem Zeug.

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