Walter Krämer / 28.07.2017 / 13:52 / 4 / Seite ausdrucken

Unstatistik des Monats: Quote ist nicht gleich Quote

Die Unstatistik Juli ist die Berichterstattung über das Thema „Frauen in Führungspositionen“ Anfang des Monats, beispielsweise auf welt.de („SPD droht mit Ausweitung der Frauenquote“). Ursache dieses Interesses waren neben neuen Studienergebnissen insbesondere eine gemeinsame Pressekonferenz von Bundesfamilienministerin Katarina Barley und Bundesjustizminister Heiko Maas, in der eine erste Bilanz des im Mai 2015 in Kraft getretenen „Gesetzes für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern an Führungspositionen“ gezogen wurde. Dieses Gesetz sieht für börsennotierte und mitbestimmungspflichtige Unternehmen eine feste Quote von 30 Prozent Frauenanteil für neu zu besetzende Aufsichtsratsposten vor. Sowohl die Vertreter der Bundesregierung als auch die Medien berichteten, dass dieses Ziel nahezu erreicht sei, da der Frauenteil in den betreffenden Aufsichtsräten von 25 Prozent im Jahr 2016 auf aktuell 28,1 Prozent gestiegen sei.
 
Doch die Aussage, dass die bis 2020 zu erfüllende Frauenquote in Aufsichtsräten fast schon erreicht ist, ist falsch. Vielmehr liegt bis zur Zielerreichung wahrscheinlich noch ein langer Weg vor uns. Wo liegt der Fehler? Die gesetzlich festgelegte Quote gilt tatsächlich nicht, wie obige Aussagen vermuten lassen, für die Aufsichtsräte als Gesamtheit, sondern für jedes einzelne Unternehmen. Der Anteil der Frauen an allen Aufsichtsräten der betroffenen Unternehmen liefert damit keinerlei Aufschluss über die Zielerreichung des Gesetzes.

Hierfür müsste man vielmehr den Anteil derjenigen Unternehmen betrachten, die diese Quote erfüllen. Die auf der Homepage des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) veröffentlichten Daten zeigen, dass aktuell nur 51 der 105 (also knapp 49 Prozent) gelisteten Unternehmen die 30-Prozent-Quote bereits erfüllen. Dabei verdeutlicht das Ministerium zwar die Gesamtentwicklung des Frauenanteils in Aufsichtsräten zwischen 2015 und 2017 in einer schön animierten Graphik. Die eigentlich relevante Zahl – die Entwicklung der Anzahl der Unternehmen, die die 30 Prozent-Quote erfüllen – lässt sich mit den zur Verfügung gestellten Daten jedoch nicht nachvollziehen.
 
Wenn alle Unternehmen inzwischen 28,1 Prozent Frauenanteil im Aufsichtsrat hätten, dann wäre die 30-Prozent Quote auch wirklich in greifbarer Nähe. Jedoch lebt diese Zahl von jenen Unternehmen, welche bereits einen sehr hohen Anteil haben, was das Problem bei vielen anderen verdeckt. Beispielsweise hat Bilfinger eine Frauen-Quote von 50 Prozent (sechs Frauen von zwölf), während Porsche eine Quote von 0 Prozent (0 Frauen von 12) hat.
 
Fazit: Eine mittlere Quote ist eben nur ein Mittelwert.

Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter www.unstatistik.de.

Leserpost (4)
Hans-Peter Hammer / 29.07.2017

In diesem Fall habe ich - ausnahmsweise - nichts dagegen wenn Politik und Ministerien weiter ihrer Fehlstatistik aufsitzen! Die ganze Quothilderei ist völliger Schwachsinn und Rosinenpickerei für nur ein kleines Klientel weiblicher Menschen! Wenn also anderen Firmen die Erfülllung der Quote (woher kommt mir das nur bekannt vor?) durch diese Statistik erspart bleibt, ist das ein Gewinn! Oder ist “denen” inzwischen klar geworden das die Quote Unsinn ist (bei Grünen und SPD kaum zu glauben) und sie versuchen ihr “Zurückrudern” so zu verstecken?

Hans-Peter Kimmerle / 28.07.2017

In einer Bierzeltrede vor dem “einfachen Volk” hat Franz-Josef-Strauß die Statistik folgendermaßen seinen Zuhörern erläutert: “Zwei gstandene Bauern gehen in eine Wirtschaft. Der eine trinkt 4 Maß Bier und der andere isst zwei Schweinshaxen. Nach der Statistik hat jeder 1 Haxe gegessen und 2 Maß Bier getrunken. Für einen bayerischen Bauern kein Problem. In Wirklichkeit ist der eine besoffen und er andere hat sich überfressen. Das meine lieben Zuhörer ist Statistik.” Herzliche Grüße aus Bayern.

Roland Stolla-Besta / 28.07.2017

“SPD droht mit Frauenquote”! Wieso kann man mit etwas drohen, was doch offensichtlich nur zum Segen sein soll? Ich hatte unlängst bei unserer örtlichen Müllabfuhr nachgefragt, warum dort die Frauenquote noch nicht eingeführt wurde, jedenfalls habe ich bis dato noch kein weibliches Wesen die Tonnen leeren gesehen. Auf die Antwort warte ich heute noch. Da sollte sich die SPD mal einschalten!

Winfried Sautter / 28.07.2017

... und Porsche hat jetzt einen Abgas-Skandal ... Bilfinger trudelt aber auch nicht besser ... so what the heck!

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