Walter Krämer / 31.03.2016 / 12:00 / 2 / Seite ausdrucken

Unstatistik des Monats: Nichts dazugelernt – Equal Pay Day weiter falsch

Die Unstatistik des Monats ist der sogenannte „Equal Pay Day“, dieses Jahr der 19. März. „Bis zu diesem Tag hätten Frauen hierzulande über den Jahreswechsel hinaus arbeiten müssen, um das Jahresgehalt ihrer männlichen Kollegen zu bekommen“ (Die Zeit vom 17. März 2016, Artikel „Männer wollen das doch auch“). Dieses Datum resultiert aus zwei Überlegungen. Erstens verdienten Frauen im Durchschnitt 22 Prozent weniger als Männer. Und wenn Frauen dann zweitens 22 Prozent länger arbeiteten als Männer, hätten sie am 19. März das Jahreseinkommen der Männer erreicht.
 
Beide Überlegungen sind falsch. In gegebenen Berufen verdienen Frauen nicht 22 Prozent, sondern um die 5 Prozent weniger als Männer. Das ist zwar gleichfalls ungerecht, aber weit weniger extrem. Die 22 Prozent resultieren vor allem daraus, dass Frauen häufiger in schlecht bezahlten Berufen und in Teilzeit arbeiten. Dieser Sachverhalt wird in vielen Medien irreführend dargestellt.
 
Aber auch wenn man die 22 Prozent Minderverdienst als korrekt akzeptiert, bleibt der Equal Pay Day falsch. Denn dann müssten Frauen nicht 22 Prozent, sondern 27 Prozent länger arbeiten, um das Einkommen der Männer zu erreichen. Und 27 Prozent der durchschnittlich 220 Arbeitstage eines Jahres erreicht man erst am 4. April (bei zwei Urlaubstagen pro Monat). Darauf hat die Deutsche Mathematiker-Vereinigung (DMV) bereits vor Jahren hingewiesen, aber anscheinend ist dieser Fehler nicht auszurotten. Um ein extremes Beispiel zu nehmen: Wenn ein Mann 100 Euro am Tag verdient und eine Frau nur 50 Euro, dann muss die Frau nicht einen halben, sondern einen ganzen Tag länger arbeiten, um auf den gleichen Verdienst zu kommen.
 
Welches Datum ergibt sich also ohne die beiden Fehler? Bei 5 Prozent weniger Verdienst fällt der Equal Pay Day 2016 auf den 20. Januar, den Todestag der amerikanischen Schauspielerin Audrey Hepburn. Bis dahin hätte Frau Hepburn aber wohl schon mehr verdient als der durchschnittliche amerikanische Mann im ganzen Jahr…

Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter http://www.unstatistik.de.
 

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Leserpost (2)
Dr. Igor Fischer / 01.04.2016

Der wahre Gender Pay Gap ist leider nicht messbar. Die zitierten 5% sind nur der Unterschied, der sich durch die ausgewählten Kontrollvariablen, wie Beruf, Bildungsabschluss, Arbeitgeber usw. nicht erklären lässt. Würde man weitere oder andere Kontrollvariablen nehmen, könnte er noch geringer ausfallen. Man könnte z.B. die Zahl der tatsächlich gearbeiteten Tage im Jahr nehmen. Laut DAK-Gesundheitsreport hatten Frauen in 2015 14% mehr Fehltage als Männer. In anderen Worten, Frauen mit gleichem Beruf, Arbeitgeber usw. verdienen bei gleicher Arbeitsleistung ca. 10% MEHR als ihre männlichen Kollegen.

Bernd Fischer / 31.03.2016

Die Statistik ist wie eine Laterne im Hafen. Sie dient dem betrunkenen Seemann mehr zum Halt als zur Erleuchtung.

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