Walter Krämer / 31.08.2016 / 10:22 / 5 / Seite ausdrucken

Unstatistik des Monats: Fußball-Fans haben die höchste Bildung

Wer es noch nicht gewusst hat – Fußball ist Bildungsland: „Auf Platz 1: der SC Freiburg. 73,4 Prozent seiner Fans haben laut „Xing“ einen Hochschulabschluss“, so berichtete der Südkurier. Selbst der drittletzte in diesem neuesten Bildungs-Ranking der Bundesligavereine strotzt vor Intelligenz: „Mehr als die Hälfte (63,5 Prozent) der HSV-Fans hat einen Hochschulabschluss", weiß das norddeutsche Zeitungsportal shz.de zu berichten. All das hat angeblich Xing bei einer Befragung seiner Nutzer herausgefunden.

Wie kann das sein? Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat Deutschland wiederholt wegen der geringen Akademikerrate gerügt. Im Jahr 2015 verfügten in Deutschland nur 16,3 Prozent der Bevölkerung über einen Hochschulabschluss (Bachelor, Master, Diplom oder Promotion, siehe www.destatis.de). Wenn aber selbst unter den HSV-Fans mehr als die Hälfte angeblich einen Hochschulabschluss haben, dann stimmt hier etwas nicht.

In der Tat. Die berichteten Prozent-Zahlen beziehen sich nicht auf die Mitglieder der Fußballvereine, sondern nur auf jene, die zugleich Mitglied bei Xing sind. Die Zahlen betreffen also die Schnittmenge. Da Xing, wie der Konkurrent Linkedin, überdurchschnittlich viele Akademiker als Mitglieder hat, gibt es dort auch viele Hochschulabschlüsse – bei Xing, nicht beim HSV. Mit anderen Worten: die Mitglieder von Xing sind weder repräsentativ für die Bevölkerung noch für alle Fußballfans in Deutschland. Hier ist Journalisten ein altbekannter Fehler unterlaufen: man berichtet eine korrekte Prozentzahl, aber die falsche Referenzklasse.  Richtig wäre gewesen: 73,4 Prozent der Xing-Mitglieder, die zugleich Fan des FC Freiburg sind, haben einen Hochschulabschluss. Die Moral der Geschichte lautet: Frage immer „Prozent von was?“

Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter www.unstatistik.de.

Leserpost (5)
Hjalmar Kreutzer / 01.09.2016

Was ist “schlimm” oder “zu rügen” an nur 16,3% Hochschulabsolventen? Kommt es nicht auf den Beruf an, in dem man dan später sein Brot verdient und auch eine im Land gebrauchte und gesuchte Tätigkeit ausübt? Handwerks- und mittelständische Betriebe stöhnen über den Mangel an (wohlgemerkt!) ausbildungsfähigen Bewerbern für einen Lehrberuf, welcher ja auch über eine spätere Meisterausbildung zur Gründung eines eigen Betriebes führen kann. Andererseits gibt es inflationär Abiturienten mit einem Abschluss, der nicht zu einem Hochschulstudium in einem behgehrten NC-Fach führt, sondern nach Verschwendung von zweieinhalb Jahren auf der Schulbank doch zu einer Berufsausbildung, welche die Betreffenden schon nach der 10.Klasse hätten anfangen können. Im ungünstigen Fall wird dann “irgendwas” studiert oder abgebrochen, um sich dann über irgendwelche steuerlich finanzierten Stuftungen von “Projekt” zu “Projekt” oder bis Ende des 4. Lebensjahrzehnts von Praktikum zu Praktikum zu hangeln. Warum muss bitte eine schwedische Krankenschwester Abitur haben? Warum müssen in Deutschland z.B. Pflegeberufe “akademisiert” werden, während andererseits der Arztberuf durch Operationsassistenten, Wundschwestern, angeblich “arztunterstützende” Assistenzen deprofessionalisiert wird? Es muss wieder klarer herausgestellt werden, welche Berufe überhaupt eines Hochschulstudiums bedürfen, an dessen Ende das Diplom! oder auch die Promotion A stehen. Euro-Bätschellohr und -maaster - Gaga haben sich doch als Absurdistan herausgestellt. Gerade in technisch anspruchsvollen Berufen, Ingenieur, Zahnarzt, Chirurg wäre eine vorgeschaltete berufliche Ausbildung sowohl der praktischen Erfahrung, als auch der gestiegenen “settlichen Reife” zuträglich.

JF Lupus / 31.08.2016

Lieber thom baranowsk, das Zitat wird sowohl Lenin wie auch Stalin und Göbbels zugeschrieben. Letzterem wird dies in den (inzwischen Gottseidank geschlossenen) Mund gelegt: “Wenn man eine große Lüge erzählt und sie oft genug wiederholt, dann werden die Leute sie am Ende glauben. Man kann die Lüge so lange behaupten, wie es dem Staat gelingt, die Menschen von den politischen, wirtschaftlichen und militärischen Konsequenzen der Lüge abzuschirmen. Deshalb ist es von lebenswichtiger Bedeutung für den Staat, seine gesamte Macht für die Unterdrückung abweichender Meinungen einzusetzen. Die Wahrheit ist der Todfeind der Lüge, und daher ist die Wahrheit der größte Feind des Staates.” Eine belastbare Quelle allerdings kenne ich nicht. Was an der traurigen Wahrheit des Satzes nichts ändert. Allerdings scheint es mir, als habe die uns beherrschende Oligarchin diesen politischen Leitsatz des zeitweise höchst erfolgreichen Reichpropagandaministers zu ihrer Handlungsmaxime gemacht.

Karl Ammann / 31.08.2016

Soso, eine Statistik wie in den letzten 100 Jahren: von willkürlich falschen Prämissen ausgehend, manipuliert, gefälscht, zurechtgebogen. Nichts Neues unter der So nne. Weiter schlafen!

thom baranowsks / 31.08.2016

das sind keine fehler der journalisten, sondern absicht! man nennt das nudging. das heisst, man will die menschen mittels fragwürdiger “fakten”, bzw behauptungen,  dazu bringen etwas zu glauben was so gar nicht existiert. große fans des nudging sind übrigens merkel und maas. mehr muss man dazu eigentlich nicht wissen. man erinnere sich auch an den spruch einer nazigröße (?) das man eine lüge nur lange genug wiederholen muss, damit die menschen sie glauben.

Dietrich Herrmann / 31.08.2016

Logik scheint nicht zut Journalistenausbildung zu gehören, obwohl sie eine der ältesten Wissenschaften überhaupt ist. Nun ja, die meisten dieser Zunft haben wohl nur schwatzen intensivst studiert und trainiert.

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