Walter Krämer / 31.08.2017 / 15:10 / Foto: Carl Spitzweg / 10 / Seite ausdrucken

Unstatistik des Monats: 80 Prozent der Insekten verschwunden?

Die Unstatistik August ist die Meldung zur stark abnehmenden Zahl von Insekten in Deutschland. So warnte die Online-Ausgabe der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, faz.net, am 15. Juli „Schleichende Katastrophe: Bis zu 80 Prozent weniger Insekten in Deutschland“. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) warnte vor einem verheerenden Insektensterben: „Wer heute mit dem Auto übers Land fährt, findet danach kaum noch Insekten auf der Windschutzscheibe“ wurde sie in einem Artikel auf welt.de zitiert. Im Bundestags-Wahlprogramm der Grünen steht: „In den vergangenen Jahren hat die Zahl der fliegenden Insekten um 80 Prozent abgenommen.“ Der Onlinebranchendienst „Meedia“ hält dagegen, die Medien seien mit der Meldung vom Verschwinden der Insekten in eine rot-grüne Wahlkampffalle getappt. Die Online-Ausgabe der Schweriner Volkszeitung, svz.de, begibt sich in ihrem Artikel „Merkwürdig still geworden – oder?“ vom 6. August auf Spurensuche und diagnostiziert eine recht dünne Faktenlage.

Woher kommt aber die Zahl „80 Prozent“? Sie stammt wohl aus einer Studie im Orbroicher Bruch, einem Naturschutzgebiet nahe Krefeld, wo man 1989 und 2013 jeweils zwei sogenannte Malaise-Fallen aufgestellt hat. Die Insekten fliegen in ein kleines Zelt und landen in einer Fangflasche mit hochprozentigem Alkohol. Die Falle wurde wöchentlich geleert und die toten Insekten gewogen. Über einem Zeitraum von 24 Wochen fand man 1989 insgesamt pro Falle etwa 1270 Gramm Biomasse und 2013 nur 280 Gramm – also fast 80 Prozent weniger. Die Krefelder Insektenforscher sehen allerdings die Grenzen ihrer Studie: die veröffentlichten Daten betreffen nur diese beiden Jahre (die Daten für die Jahre dazwischen wurden bisher nicht publiziert) und man kann über die Zeit zuvor und danach wenig aussagen; die Falle fängt im wesentlichen nur flugaktive Insekten, nicht jene die nur krabbeln; und der Rückgang gilt für die Messpunkte im Orbroicher Bruch und nicht für ganz Deutschland.

Manche Medien und Politiker haben all dies ignoriert und suggeriert oder einfach behauptet, dass 80 Prozent aller (!) Insekten in ganz (!) Deutschland verschwunden seien. Das zeigt die Studie eben nicht. Wir kennen keine verlässliche Zahl für Deutschland und man bräuchte mehr Langzeitstudien wie jene in Krefeld. Aber anders als andere Tierarten haben Insekten keine Lobby.

Es gibt jedoch gute Hinweise, dass bestimmte Insektenarten – wie die einst von Kindern so geliebten Maikäfer – durch die Überdüngung, Pestizide und Monokulturen deutlich reduziert worden sind. Neben der Landwirtschaft tragen übrigens wir alle dazu bei, solange wir die auf diese Weise erzeugten billigen Lebensmittel kaufen. Manch einer würde sich wünschen, dass es in diesem Sommer 80 Prozent weniger Mücken gäbe. Davon ist jedoch bislang nichts zu spüren.

Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter www.unstatistik.de.

Foto: Carl Spitzweg DIRECTMEDIA Link">via Wikimedia Commons
Leserpost (10)
Cornelia Buchta / 31.08.2017

Eigentliche Kritik ist ja der allzu plakative Umgang von Medien und Politik mit Statistiken. Eine Überschrift, die wie eine wissenschaftliche Studie oder korrekte Statistik aussieht, macht eben mehr Eindruck als die Aussage “es mehren sich Hinweise” .. “wir haben das Gefühl, aber noch keine harten Zahlen…” - Durch diesen unseriösen Umgang mit Stastiken, wird mein Vertrauen in wissenschaftliche Studien unnötig erschüttert. Was tun in diesem konkreten Fall, wo man nachträglich keine wissenschaftlichen Langzeitergebnisse herbeizaubern kann? Keine Statistik = kein Handlungsbedarf? Es wäre sicherlich gut, die Hinweise als solche korrekt zu benennen, aber gleichzeitig zu signalisieren, dass man das potentielle Problem ernst nimmt.

Stefan Denninger / 31.08.2017

Merci, Professor, daß Sie auch dem wildesten Humbug Ihre Zeit widmen, die ich leider nicht habe.

Klaus Klinner / 31.08.2017

Als älterer Mensch erinnere ich. dass seit meiner Kindheit das Insektenaufkommen von Jahr zu Jahr sehr stark schwankt. Was haben wir uns geärgert, wenn wir als Kinder etwa keine Kartoffelkäfer fanden oder unsere Zigarrenkisten für die Maikäfer leer blieben. Im nächsten Jahr gab es dann alles wieder im Überfluss. Für abgelesene Kartoffelkäfer bekamen wir vom Bauern sogar einige Pfennige, da dieser noch nicht tonnenweise Insektizide auf den Kartoffelacker schüttete. Selbst für Kisten von Maikäfern bekamen wir einige Pfennige, da seine Hühner wie wild auf diesen Futterzusatz waren. Und vor allem, die Insekten haben sich noch nie um die aktuelle Politik, den Wahlkampf oder irgendwelche NGO’s geschert.

Gabriele Kremmel / 31.08.2017

Mir fällt schon länger auf, dass ich seit Jahren keine Insekten mehr von der Windschutzscheibe kratzen muss obwohl ich viel in ländlichen Gebieten unterwegs bin. Es stört mich, ehrlich gesagt nicht. Solange ich am Badeweiher wie eh und je von Bremsen und Mücken belästigt werde, mache ich mir keine Sorgen um die Insektenwelt. Es sind tatsächlich weniger geworden, aber sicher nicht um 80 % weniger. Maikäfer gab es schon zu meiner Kinderzeit kaum noch, hat man einen erwischt war es eine Sensation. Das gleiche galt für Störche, die sich inzwischen wieder stark verbreitet haben.

Christian Beilfuss / 31.08.2017

„In den vergangenen Jahren hat die Zahl der fliegenden Insekten um 80 Prozent abgenommen.“ Anders als die grün motivierten weltoffenen und -läufigen Freunde von globalisiertem Urlaub und Klimaschutztourismus verzichten viele Insekten möglicherweise auf das Fliegen und bleiben daheim.

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