Jesko Matthes, Gastautor / 08.01.2018 / 10:34 / Foto: Beckilee / 4 / Seite ausdrucken

Und wo lassen Sie diskriminieren?

Eine meiner medizinischen Fachangestellten zeigt mir die „Whatsapp“ eines jungen Mannes an ihre Tochter. Die Familie hat Weihnachten zusammen mit ihm gefeiert; die Tochter studiert Sozialpädagogik, Schwerpunkt Integration, und hat den jungen Mann im Studium kennengelernt. Er stammt aus dem Jemen, ist Moslem. Schon vor einigen Jahren haben seine Eltern ihn zur Ausbildung gemäß europäischen Standards nach Deutschland schicken können, er erlernt mit knapp dreißig Jahren einen kaufmännischen Beruf.

Aufgrund des Bürger- oder eher Stellvertreterkriegs im Jemen hat er inzwischen politisches Asyl erhalten und ist anerkannt. Er vermisst seine Heimat, traut sich aber aus nachvollziehbaren Gründen noch lange nicht nach Hause, in sein Land, das er gern aufbauen helfen würde. Offensichtlich ist sein Deutsch grandios, denn er beherrscht auch in unserer Sprache Humor und zärtliche Selbstironie, und so schreibt er in der „Whatsapp“ an die Tochter meiner Angestellten:

Es war so gut, mit Euch Weihnachten feiern zu dürfen. Könnte es sein, dass Deine Mutter Deutsche ist? Ich war mir nicht sicher, sie war so herzlich, ich fühlte mich so zuhause. (…) Nun weiß ich, wie man Weihnachten feiert. Ich bin Euch sehr dankbar dafür.

Nun hat derselbe junge Mann zu Silvester versucht, in einen „Club“ hinein zu kommen, um dort mit deutschen Freunden gemeinsam ins neue Jahr zu feiern. Aufgrund seines südländischen Aussehens, so vermutet er, sei er von den Türstehern nicht eingelassen worden. In einer nahen Diskothek das gleiche Spiel; freundliches Auftreten, nüchterner Zustand, exzellente deutsche Sprachkenntnisse – alles wirkungslos. Soll er doch in eine „Türkendisco“ gehen, habe er zu hören bekommen. Ein Teil seiner Freunde feierte dann privat mit ihm.

Das eine integrierend, das andere diskriminierend? Nein. Denn auch die Familie hat „diskriminiert“. Das tut jeder, der einen Fremden kennenlernt. Er oder sie „checkt“, wie der andere sich verhält, fragt, was gedacht, gehofft, geliebt, gehasst wird, erkundigt sich nach dem Leben des anderen, nach seiner Geschichte, je näher man sich aufeinander einlassen will, desto intensiver. Diskrimination ist nichts als die Trennschärfe, die die Spreu vom Weizen scheidet und sortiert, wer dazu gehören soll – und wer nicht.

Wer nicht diskriminiert …

Vater Staat und „Mutti“ Merkel, sie haben nun einmal nicht diskriminiert, sondern wahllos alle eingelassen. Auf sie einlassen müssen sich nun andere, auch auf deren kriminelle Energie. Keine vernünftige menschliche Gemeinschaft handelt wahllos, ohne Trennschärfe. Nur der EuGH und einige deutsche Politiker meinen, es sich da noch leisten zu können, nach dieser Hirnlosigkeit noch Verteilungsansprüche an Europa stellen zu dürfen. Das könnten sie vielleicht dann glaubwürdig tun, wenn nicht ausgerechnet das wahl- und grenzenlose Merkel-Deutschland zu den Wortführern gehört hätte und noch gehörte.

Wie man sieht, dieses erst grenzenlos offene und dann offenkundig paradoxe Verhalten schlägt nicht nur seitlich durch, auf Europa, sondern auch in eine Gesellschaft, in die hineingeschrien wird:

Unser Land wird sich ändern und zwar drastisch, ich sag euch eins, ich freu mich drauf, vielleicht auch, weil ich schon mal eine friedliche Revolution erlebt habe. Dieses hier könnte die sein, die unser Land besser macht.

Die Kritik zu dem in jeder Hinsicht wahnwitzigen Postulat der Katrin Göring-Eckardt finden sie nicht nur hier, hier und sogar hier, sondern vor allem in der Realität.

Der herzliche, großartig „integrierte“, fleißige und witzige Jemenit kommt nicht in einen deutschen „Club“, erhält in einer deutschen Diskothek keinen Einlass. Weil die Etablissements rassistisch sind? Nein, weil sie nicht lange diskutieren wollen, nicht jeden Gast erst gründlich kennen lernen können, und weil sie von den Migranten-Mobs an Silvester, den Messerstechereien und Massenschlägereien auch gehört oder sie gesehen haben – und solches Verhalten in ihren vier Wänden nicht dulden. Nun scheren sie, notgedrungen, alle über einen Kamm. Reine Vorurteile? In jedem Fall ein Land, das sich drastisch geändert hat.

… der delegiert es nach unten

Wenn der Staat selbst nicht bereit ist, zu urteilen und zu sortieren, an seinen Grenzen nicht trennscharf arbeitet und funktioniert, dann delegiert er diese Staatsaufgabe automatisch nach unten, auch an jene, die wahrscheinlich weniger kompetent sind. Dann diskriminieren die Bürger, oft genug ohne jede Trennschärfe.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte in seiner Weihnachtsansprache:

„Der Staat handelt nach den Regeln, die unsere Verfassung für eine Situation wie diese ausdrücklich vorsieht."

Er meinte die ausstehende Regierungsbildung. Falls der Staat das stets getan hätte, wäre die Regierungsbildung vermutlich deutlich einfacher. Deshalb: Wir können Vertrauen haben. In wen bitte, Herr Bundespräsident? In einen Staat, der mal so handelt und mal so?

Denn das ist es, was beim Außerkraftsetzen der Verfassung, bei der Ideologie der „offenen Grenzen“ und der „Willkommenskultur“, am Ende heraus kommt: gegenseitiges Misstrauen, Parallelgesellschaften auch in Diskotheken, offener Rassismus in beiden Richtungen, Hass gegen Ausländer, Hass auf Deutsche, eine gespaltene Gesellschaft von Bürgern, zu denen man sich erst dann präsidial herablässt, wenn man meint, sie vor sich selbst warnen zu müssen, nicht vor den Politikern, die ihnen das eingebrockt haben.

Das alles entsteht nicht nur in verqueren Köpfen, es entsteht ganz automatisch, wenn man Grenzen aufgibt, die auch Grenzen des Diesseitigen sind, der Vernunft, des Anstandes, des guten Tons, des wirklich korrekten, menschlichen Verhaltens und Umgangs, und damit zugleich die Grenzen des Jenseitigen, des grenzenlos unmenschlichen, „korrekten“ Gefasels.

Foto: Beckilee CC0 via Wikimedia Commons

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Leserpost (4)
Jochen Röschmann / 08.01.2018

Beiträge wie dieser generieren Mehrwert in Form von Sinn:  Sehr sehr gut, Herr Kollege!

Thomas Gruber / 08.01.2018

Intoleranz und Diskriminierung ist kein schöner menschlicher Charakterzug. Allerdings ist er untrennbar mit dem Freiheitsbegriff verbunden. Wir alle diskriminieren im Alltag fortwährend. Wir kaufen bei A ein, weil er hübsch und sympathisch ist und diskriminieren damit B, weil er all dies nicht ist. Wir freunden uns mit Frau C an, weil diese nett und schlank ist. Die dicke Frau D verschmähen wir jedoch. Wir wählen die die SPD, weil sie den lustigeren Wahlspot hat, die langweilige CDU übergehen wir. Wir alle sind fortwährend intolerant und diskriminieren andere aus unsachlichen (unmenschlichen?) Motiven. Dies können wir tun, weil wir frei sind. Wenn wir dies unter dem Postulat der “political correktness” nicht mehr tolerieren, verlieren wir unsere Freiheit. “Ich werde Ihre Meinung bis an mein Lebensende bekämpfen, aber ich werde mich mit allen Kräften dafür einsetzen, dass Sie sie haben und aussprechen dürfen” (Voltaire).

K. Cambridge / 08.01.2018

Sehr geehrter Herr Matthes, als inzwischen über 50jähriger Afrodeutscher kann ich Ihnen versichern: Die Geschichte vor dem “Club” hätte dem jungen Mann auch schon vor 30 Jahren genau so passieren können. Ich bin übrigens gerade dabei mich wieder zu sammeln, angesichts der teilweise gruseligen Leserzuschriften zum Thema “Halbneger”-Affäre, hier auf Achgut und WO. Daß der Rassismusbegriff von be- stimmten Gruppen in grotesker Weise überdehnt und mißbraucht wird - was m.E. der Sache alles andere als dienlich ist - heißt offenbar nicht, daß das Thema nicht mehr auf die Tagesordnung gehört. Ich bin - ehrlich gesagt - ein wenig ratlos.

volker kleinophorst / 08.01.2018

Daumen hoch. Beide.

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