Norbert Jessen, Gastautor / 30.03.2017 / 10:38 / 2 / Seite ausdrucken

Und wann, bitte schön, soll der Boykott enden?

Von Norbert Jessen. 

Für Juni planen einige dem Selbstgefühl nach mutmaßlich linke, menschenrechtsaktivistische und zivilgesellschaftliche Organisationen in Frankfurt eine „Konferenz über die Situation der Palästinenser“. Vorausgesetzt, die Veranstalter finden eine Räumlichkeit. Sind doch auch Befürworter eines Handelsboykotts gegen Israel mit von der Partie. Ein Grund für Bürgermeister Uwe Becker (CDU), eine solche „Anti-Israel-Konferenz“ mit „antisemitischer Stimmungsmache“ in seiner Stadt zu verhindern. Ein bereits angemieteter Saal im Ökohaus wurde daraufhin wieder abgesagt. 

Die "Frankfurter Rundschau" (FR) nutzte die Gelegenheit, der Sache auf den Grund zu gehen. Dazu befragte sie den Organisator der Konferenz, Matthias Jochheim. Flankiert wurde das Interview von der Stellungnahme eines frommen Juden und Philosophen aus den USA, der einen solchen Boykott als Freundschaftsdienst am Staate Israel versteht. 

So praktiziert die FR Meinungsvielfalt und beweist nebenbei, wie sehr sie zum vereinsmeiernden Verlautbarungsblättchen verkommen ist. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie Gerüchte über Juden in Umlauf setzt, gehört offenbar zum Dienst am Leser. Der Redaktion sind dabei sogar offen antisemitische Inhalte recht.

Ein Fragenableser posiert als Interviewer

Nicht überraschend sieht Jochheim die Vorwürfe Beckers als „Fehlinterpretation“. Sei doch auch nach 50 Jahren "Besatzung" immer noch keine „Lösung im Sinne einer Selbstbestimmung“ der Palästinenser in Sicht, die „in einem perspektivlosen Zustand der Rechtlosigkeit“ leben. Ein Zustand, an dem Israel und Israel allein schuld sei. Der Gedanke, nach der Mitverantwortung der palästinensischen Seite zu fragen, kommt da gar nicht erst auf. 

Genauso selbstverständlich wird dann der Boykott gegen Israel (nicht gegen Waren aus israelischen Siedlungen in besetzten Gebieten, sondern gegen Waren aus Israel überhaupt) mit dem Boykott gegen das Apartheid-Regime in Südafrika gleichgesetzt. Dort herrschte einst Rassentrennung, so wie „in den israelisch-palästinensischen Gebieten“ heute. Jochheim spricht von einer "Quasi-Apartheid" und von „50 Jahren Dauerkriegszustand“.

Der als Interviewer posierende Fragenableser der FR hat kein Bedürfnis, diese Behauptungen „kritisch zu hinterfragen“. Ein neutraler Journalist hätte nachgefragt, sei es auch nur aus Erbarmen mit den Lesern: Wo bitte liegen die „israelisch-palästinensischen Gebiete“? Es kann nur die Region gemeint sein, in der Israelis und Palästinenser zu finden sind. Zu dieser Region, die zwischen dem Staat Israel und den von ihm "besetzten" Gebieten nicht unterscheidet, gehört dann auch der Gazastreifen. Auch wenn es dort keine jüdischen Siedlungen gibt, weil alle geräumt wurden, ist Gaza irgendwie immer noch "besetzt", zumindest für Matthias Jochheim und seine Freunde.

Die Abschaffung Israels als Ziel

Das ganze Interview ist ein Spielchen, in dem Codes verwendet werden. Konkrete Fragen werden nicht gestellt. So erfahren wir nicht einmal, wie lange der Boykott andauern soll. Bis zu einem Baustopp? Bis zur kompletten Räumung aller Siedlungen? Genügt eine Räumung ohne militärischen Rückzug? Nach den Erfahrungen mit Hamas-Raketen aus dem Gazastreifen sollte die Frage erlaubt sein. Läge doch sonst auch die Antwort nahe, dass der Boykott erst mit dem letzten getöteten Juden endet.

Es geht Jochheim - wie der ganzen Boykott-Bewegung - eben nicht um Boykott. Sonst hätten sich die Boykotteure diese Fragen selbst gestellt und sich auf klare Antworten geeinigt. Es geht nicht um das Ende der "Besatzung" und die Gründung eines palästinensischen Staates, sondern um die Abschaffung des Staates Israel.

Die Tatsache, dass Jochheim 2010 auf der Mavi Marmara mitreiste, liefert dazu noch einen passenden Hintergrund. Er machte sich damals gemein mit der Hamas, ohne sich daran zu stören, dass diese die Selbstbestimmung der Palästinenser hintertreibt. Dazu fällt Jochheim sicher ein Satz ein, der mit „demokratisch gewählt“ endet. Vor wieviel Jahren war das?

Gerechtigkeit und Gewaltlosigkeit sind es also nicht, die solche Friedenaktivisten antreiben. Wer so argumentiert, ist nicht für das Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser, sondern gegen das der Juden.

Antisemitische Stimmungsmache eben. Von der FR dankbar aufgenommen und weiter gereicht.

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost (2)
Ronald Dehn / 30.03.2017

Antisemitismus ist en vogue und wird von den systemkonformen Medien, dem verkommenen Außenminster, mohamedanischen Migranten und sog. Aktivisten befeuert. Diese Gruppen/Menschen kennen Tolernaz nur aus ihrem eindimensionalen Blickwinkel!

Wilfried Cremer / 30.03.2017

Der amerikanisch-jüdische Boykott-Apostel hat wohl keinen Platz im Bereich der seriösen Wissenschaften gefunden und holt sich seine Schmeicheleinheiten jetzt auf der anderen Seite ab.

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Norbert Jessen, Gastautor / 01.04.2018 / 15:03 / 5

Gaza: Zwischen Volksfest und Volkssturm

Was Hamas mit den Massendemonstrationen am Sperrzaun zu Israel erreichen kann oder will, weiß eigentlich niemand. Auch nicht Yechiye Sinuar, der Hamas-Chef in Gaza. Die Motive für seine Gratwanderung zwischen…/ mehr

Norbert Jessen, Gastautor / 20.02.2018 / 11:09 / 4

Vom Feind gerettet

Die SPD ist soeben von der AfD überholt worden, aber die Genossen lassen sich die gute Laune nicht verhageln. Im Willy-Brand-Haus wird der Film „Muhi – Generally…/ mehr

Norbert Jessen, Gastautor / 07.07.2017 / 15:55 / 2

Indien und Israel: Ziemlich gute Partner

Von Norbert Jessen. Schon der Auftakt mit den Nationalhymnen auf dem Ben-Gurion-Flughafen überraschte viele Israelis beim ersten offiziellen Staatsbesuch eines indischen Premierministers. Narendra Modi sang…/ mehr

Norbert Jessen, Gastautor / 26.06.2017 / 16:54 / 6

Gewaltspirale in Nahost: Im Norden etwas Neues

Von Norbert Jessen. Auch am Montag - wie am Wochenende - schlugen wieder Granaten aus Syrien auf dem Golan ein. Entlang des Grenzzauns mussten israelische…/ mehr

Norbert Jessen, Gastautor / 03.05.2017 / 10:53 / 0

Die EU fördert Kampfsportausbildung im Krisengebiet

Von Norbert Jessen.  In Tel Aviv begann die diesjährige Europawoche überraschend martialisch. Mit Kampfsport-Training auf dem Vorplatz zum Habima-Theater. Umrahmt von himmelblauen EU-Sternen-Flaggen, denn finanziert wurde…/ mehr

Norbert Jessen, Gastautor / 28.02.2017 / 17:00 / 0

Über den Umgang mit Opfern

Von Norbert Jessen. Ist das nun eine gute oder schlechte Nachricht? Israel erkennt die Opfer des Anschlags auf dem Berliner Breitscheidplatz nicht als Terroropfer an. Eine…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com