Wolfgang Mayr, Gastautor / 09.12.2017 / 16:08 / 2 / Seite ausdrucken

Und morgen wählen die Korsen

Von Wolfgang Mayr.

Auf der französischen Mittelmeer-Insel hat das autonomistisch-nationalistische Bündnis „Pè a Corsica“ den ersten Gang der Regionalwahlen gewonnen. Das Bündnis will mehr Autonomie. Die Pariser Zentrale reagiert genervt auf das autonomistische Experiment der Wähler. Die Mafia übernehme die Macht auf der Insel, so der Vorwurf.

Die Zeitung L’Express brachte es in einem Kommentar zum Wahlergebnis auf den Punkt: Ein unabhängiges Korsika würde unter die Knechtschaft der Mafia fallen. Autonomisten und Separatisten, Mafiosi? Auf diese Unterstellung reagierten die Wahlsieger nicht. Für Jean-Guy Talamoni von der separatistischen Liste „Corsica Libera“ und den Autonomisten Gilles Simeoni von „Fermu a Corsica“ ist klar, dass die Insel mit ihren 370.000 Einwohnern alleine nicht überlebensfähig ist. Auch deshalb setzen sie auf die EU und auf ihre regionale Förderung zugunsten eines autonomen Korsikas.

Schon bei den Regionalwahlen 2015 wählten die Bürger die korsische Einheitsliste „Pè a Corsica“ (Für Korsika) zur stärksten Kraft. Da fanden zwei Akteure zueinander, Simeoni, der Sohn des Begründers des korsischen Nationalismus Edmond Simeoni, und Talamoni, derzeit Präsident des Regionalparlamentes, mit dem Ziel, die Selbstverwaltung zu erreichen.

Ein erster Schritt zur Selbstverwaltung

Das größte Geschenk machte der französische Staat mit seiner Verwaltungsreform. Während mit dieser Reform die historische Region Elsass-Lothringen zerschlagen wurde, kann Korsika zusammenwachsen. Im Januar 2018 werden die beiden Räte der Départements Südkorsika (Pumonti/Corse-du-Sud) und Nordkorsika (Cismonte/Haute-Corse) zusammengelegt zum neuen Territorialrat Cullettività di Corsica. Ein ungewollter erster Schritt zur Selbstverwaltung. Die seit 2015 amtierende autonomistische Regierung kommt offensichtlich bei einem großen Teil der Korsen gut an, im ersten Wahlgang stimmten 45 Prozent für die Allianz. Hinzu kommen fast 7 Prozent, den die radikale linke Unabhängigkeitspartei Rinnovu/Core in Fronte erzielte.

Der Wahlgang vom letzten Sonntag bestätigte den sommerlichen Trend hin zur Allianz „Für Korsika“. Bei den Parlamentswahlen im Sommer gewannen die Nationalisten drei von vier Wahlkreisen. Damit sitzen erstmals korsische Nationalisten in der Nationalversammlung in Paris.

Bonaparte war ein Korse

Die Autonomisten berufen sich in ihrem Kampf auf Pasquali Paoli, der als „Vater des Vaterlandes" gilt. Paoli gelang es 1764, kurzfristig eine korsische Republik auszurufen. Die Republik Genua und Frankreich duldeten nicht die korsische Freiheit und schlugen sie nieder. In den Reihen der Korsen kämpften Freiwillige aus verschiedenen Ländern Europas gegen den Absolutismus. Eine unrühmliche Rolle spielte damals ein Korse im Dienste Frankreichs, Napulione Buonaparte, bekannt als Napoleon Bonaparte.

Er machte aus Korsika eine französische Kolonie: Die Insel wurde zweigeteilt, für Korsen gab es in der Verwaltung keine Jobs, die Kinder der korsische Elite wurden in Frankreich zu Franzosen erzogen. Bonaparte französisierte seine Heimatinsel. Die wichtigten Familien wurden zu den Treuhändern des französischen Staates. Diese Grundlage galt bis vor zwei Jahren.

Neue Heimat Korsika

Im Ersten Weltkrieg starben 40.000 Korsen für Frankreich, viele alleinstehende Frauen wanderten nach Frankreich aus. Im Zweiten Weltkrieg wehrten sich die Korsen gegen die deutschen und italienischen Besatzer.

Zwischen 1931 und 1952 verließen 80.000 Korsen die Insel. Mit dem Aufschwung des Tourismus strömten 20.000 Sarden und Italiener auf die Insel. Nach dem Ende des blutigen Algerien-Krieges verließen viele Algier-Franzosen ihre ehemalige Kolonie und fanden, subventioniert durch den Staat, in Korsika eine neue Heimat. Mehr als 17.000 sogenannte „pieds noirs" drängten auf die Insel. 300 von ihnen bekamen 22.000 Hektar landwirtschaftlichen Grund für den Weinanbau. Die korsischen Bauern staunten über die Pariser Großzügigkeit.

Den Algier-Franzosen folgten 30.000 Algerier, Tunesier und Marokkaner. Zwischen 1964 und 1977 verließen weitere 55.000 Korsen ihr Land.

Der französische Staat sicherte sich über die einflussreichen Familien, die "Clans" die staatliche Souveränität. Ein Teil der Clans unterstützte die Konservativen, der andere Teil der Sozialisten. Teile und herrsche. Auf Betreiben der linken und rechten Clans wurde die noch zahme autonomistische Aktion für die Wiedergeburt Korsikas, „Azzione per a Rinascita Corsa“ ARC, verboten. Aus ihrem Umfeld organisierten 1972 Bürger einen Protest gegen die Pläne des italienischen Konzerns Montedison, vor der korsischen Küste 6.000 Tonnen Müll zu verklappen. Der Bürgerprotest wurde von Anschlägen begleitet, die „Fronte paesanu corsu di liberazione" übernahm dafür die Verantwortung.

Zwischen zivilem Ungehorsam und Terror

ARC-Aktivisten wie Edmond Simeoni gründeten die Unione di u Populu Corsu UPC. Er besetzte 1975 gemeinsam mit UPC-Anhängern aus Protest gegen den neuen Kolonialismus das Weingut eines Algier-Franzosen. Der Staat reagierte mit der Entsendung von 2.000 kampferprobten Polizisten. Das war die  Geburtsstunde der autonomistischen Bewegung. Die Szene wurde präsenter, mit eigenen Parteien und Medien. Provokant verwendeten die neuen Autonomisten die korsische Sprach, bei Interviews, in Aufrufen, auf ihren Kundgebungen. Ein Teil der Szene radikalisierte sich im Untergrund, aus der Fronte paesanu wurde die radikalere FLNC, die Anschläge auf Hotels, Weingüter, Banken und Flugplätze verübte.

Gilles Simeoni bewertet den Terror nachträglich positiv: „Mit dem bewaffneten Kampf haben wir viel erreicht. Unsere Küsten wurden nicht betoniert wie an der Costa Brava. Wir haben eine eigene Universität in Corte errungen und einen Sonderstatus. Ich stehe zu diesem Werdegang. Andernfalls wäre das korsische Volk schon verschwunden."

Reif für die Autonomie

Simeoni und sein Allianzpartner Talamoni haben in ihrer ersten gemeinsamen Amtsperiode die FLNC dazu gebracht, keine Terroranschläge mehr zu verüben. Die FLNC soll wie die IRA und die ETA in einen politischen Prozess eingebunden werden, für eine weitereichende korsische Autonomie. Die korsischen Wähler erwarten ein klares Projekt, so warb Talamoni für ein Ende des Terrors. „Die Nationalistenbewegung hat sich sehr verändert", sagt Simeoni. Nach dem "Widerstand" und dem Terror folge jetzt eine neue Phase des „nationalen Aufbaus". Die korsische Gesellschaft sei reif für eine „sehr große Autonomie" nach dem Vorbild Kataloniens.

Die Autonomisten-Koalition fühlt sich siegessicher. Sie werde im zweiten Wahlgang an diesem Sonntag (10. Dezember) nochmals zulegen, sagen Simeoni und Talamoni. Sie hoffen auf die Stimmen der radikalen linken Unabhängigkeitspartei Rinnovu/Core in Fronte. Abgeschlagen scheinen die gesamtstaatlichen französischen Parteien zu sein.

Korsika, das französische Katalonien? Gilles Simeoni, der autonomistische Präsident der korsischen Territorialverwaltung, antwortet darauf: „Wenn uns die Korsen am 10. Dezember bestätigen, dann gibt es am 11. Dezember die Unabhängigkeit und Jean-Guy Talamoni wird auf der Prachtstraße von Ajaccio, dem Cours Grandval, mit einem Panzer fahren, um die Präfektur zu stürmen."

Glänzend war der Sieg in der ersten Runde aber nicht. Die Wahlbeteiligung am vergangenen Sonntag lag bei nur 46 Prozent. Bei den Wahlen im Dezember 2015 waren es noch 52%. Die niedrige Wahlbeteiligung hilft den Nationalisten.

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Leserpost (2)
Friedrich-Thorsten Müller / 10.12.2017

Der große Unterschied zu den Katalanen ist, dass Korsika im Kern eine arme Provinz ist. Brüssel wird selbst unter optimalen Unabhängigkeitsbedingungen nie annähernd so viel Geld schicken, wie Paris es tut. Die Korsen sind schlau genug, das zu wissen, weshalb die Separatistenführer ja auch offiziell einräumen, dass die Unabhängigkeit nur kommt, wenn man es schafft wirtschaftlich auf eigenen Füßen zu stehen. Also entspannt zurücklehnen, ein eigenständiges Korsika ist erst ein Thema für die Zeit nach dem Komplett-Zusammenbruch der Weltordnung - und das kann durchaus noch dauern…

Wolfgang Kaufmann / 09.12.2017

„mit dieser Reform die historische Region Elsass-Lothringen zerschlagen wurde“ – Erstens gab es eine Region dieses Namens nur während der kurzen deutschen Besatzung von 1871 bis 1917. Zweitens wurden Ende 2015 drei alte Regionen zu einer neuen Region vereinigt: Champagne, Lothringen, Elsass – 2016 wurde nichts zerschlagen. Drittens wurden ausgerechnet in der Folge von Sedan die alten Provinzen entlang der Sprachgrenze zerschnitten: nur ein Viertel von Lothringen kam 1871 an des Deutsche Reich, während rund um Belfort etwa 7% des historischen Elsass bei Frankreich blieben.

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