Gastautor / 06.12.2017 / 17:45 / Foto: Tim Maxeiner / 7 / Seite ausdrucken

Umweltverträgliches Ableben

Von Christoph Lövenich.

„Stellen Sie sich vor“, liest man beim Bonner Bestattungsunternehmen Hebenstreit & Kentrup, „jemand hat sich sein Leben lang bemüht, ökologisch nachhaltig und, so gut es eben geht, im Einklang mit seiner Umwelt zu leben. Nun soll der letzte Fußabdruck, der hinterlassen wird, natürlich ebenfalls möglichst grün sein.“ Gewiss: Nicht nur von der Wiege bis zur Bahre, sondern bis ins Jenseits plagt das grüne Gewissen.

Und so hat das Bestattungshaus mit seinem Konzept der „Grünen Linie“, die auch nach dem letzten Atemzug nicht überschritten werden darf, beim European Funeral Innovation Award 2017 den ersten Platz gewonnen. „Der biologische Kreislauf dient dabei als Idealvorstellung von Nachhaltigkeit und stellt gleichzeitig den würdigsten Abschluss eines umweltfreundlichen und gut gelebten Lebens dar.“

Ein alter Gedanke, schon vom Autorenkollektiv des Alten Testaments formuliert: „bis du zum Erdboden zurückkehrst; denn von ihm bist du genommen“. Aber das Ökodenken als neue Religion muss in Sachen Bestattungsrituale noch etwas Eigenes draufsetzen. Holzsarg, Griffe – „auch die Innenausstattung ist vollständig biologisch abbaubar.“ Und der Inhalt erst, er kann größtenteils von geeignetem Erdgetier verspeist werden (Vorsicht: nicht vegetarisch, nicht auf Spuren von Gluten getestet).

Die verwendeten Särge sind „von Natur aus automatisch ‚Bio‘“ sowie „aus regionalem und nachhaltigem Forstbetrieb.“ Prima. Nachhaltigkeit kommt aus der Fortwirtschaft und hat auch nur dort Sinn (nicht bei industrieller Produktion, Dienstleistungen oder dem Fortschritt menschlicher Gesellschaften überhaupt). Im Wald steht sie aber unter Druck: Ausgerechnet die Nachhaltigkeitsfetischisten verwechseln nämlich die Realität mit dem „Dschungelbuch“ und legen holzwirtschaftliche Flächen lahm, damit mitten im Industrieland Deutschland möglichst viele „Urwälder“ entstehen. Und für diverse, der Windräder wegen abgeholzte Bäume können auch keine neuen Särge mehr nachwachsen.

Timing ist alles, auch beim korrekten Ableben

„Die Trauergäste erhalten auf Wunsch Einladungen auf Naturpapier und können den ortsnahen Friedhof (falls möglich) zu Fuß, mit dem Fahrrad oder öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen.“ Tja, dann dürfen aber nur die in der Nähe Wohnenden überhaupt eingeladen werden. Wenn so einem grünen „Anywhere“ erst mal seine Kumpels aus Kanada oder Neuseeland die letzte Ehre erweisen, reißt es der Flughafenbus auch nicht mehr raus. Da müsste dann nicht nur – wie angeboten – die Information rein online erfolgen können, sondern gleich die ganze Zeremonie im Internet, sonst müssen für die Emissionen wieder Ausgleichszahlungen geleistet werden, als Form postmodernen Ablasshandels.

Einmal auf dem Friedhof angekommen, empfängt einen der Blumenschmuck „möglichst aus heimischem Freilandanbau“. Dort ist die Auswahl „natürlich von Mai bis September am vielfältigsten.“ Timing ist alles, auch beim korrekten Ableben. Auch der Grabstein ist mehr als nur ein Gesteinsobjekt. Von „ortsansässigen Steinmetzbetrieben hergestellt“, trägt er zu „Nachhaltigkeit und fairem Handel“ bei. Und zur Festigung der ohnehin vorhandenen Geschäftsbeziehungen der beteiligten Unternehmen…

Der Friedhof selbst entfaltet als Biotop „mit seiner unwahrscheinlichen Artenvielfalt“ eine „positive Wirkung auf das Stadtklima“, die eine „Senkung der Temperatur bei Erhöhung der Luftfeuchtigkeit, Bindung von Staub und Produktion von Sauerstoff“ mit sich bringt. Und ist Ruheoase – das übrigens schon immer, so dass er nicht selten Zeuge sein konnte, wie so mancher Zeitgeist verwelkte und zu Grabe getragen wurde. Von der Feuerbestattung ist freilich nirgendwo die Rede, es fehlen wohl noch die klimaneutralen Passiv-Krematorien, wo tote Ökos nicht verbrannt, sondern kompostiert werden.

Die von Hebenstreit & Kentrup angebotene „grüne“ Beerdigung dürfte sich von einer normalen wohl hauptsächlich im Preis unterscheiden. Die Jury des Innovationswettbewerbs lobt denn auch „eine geniale Verbindung von Zeitgeist, Marketing und Wertebewusstsein“. Zahlungskräftige Kunden modischen Ökoglaubens können mit Signalwörtern eingefangen werden, die Lobpreisung ihrer Angehörigen ist ihnen gewiss. Als Grabbeigabe empfiehlt sich ein Buch von Toni Hofreiter.

Nun ist am Ideenreichtum findiger Unternehmer erst mal nichts auszusetzen, aber solche Angebote tragen zur Festigung eines Ökodenkens bei, in der sich der Mensch als permanente Belastung für die Natur betrachtet und sich von morgens bis abends nur noch fragt, wie er denn umweltkorrekt handeln müsse. Daraus entstehen soziale Normen und Verbotsgesetze, durch die sich eine fortschrittliche Gesellschaft letztlich ihr eigenes Grab schaufelt.

Christoph Lövenich ist Novo-Redakteur und wohnt in Bonn. In Novo erschien dieser Beitrag auch zuerst.

Foto: Tim Maxeiner

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Leserpost (7)
Mike Loewe / 06.12.2017

Menschen sind geborene Problemlöser. Wer dank Zivilisation keine echten Probleme mehr hat, gestaltet sich sein Leben absichtlich kompliziert, damit er wieder welche hat. Die Öko-Religion, in Grundzügen durchaus vernünftig, ist in ihrer feinziselierten Dialektik nichts anderes als eine Problembeschaffungsmaßnahme für Verwöhnte. Weil aber Probleme ohne allzu große Kollateralschäden auf Dauer langweilig sind, haben ungefähr dieselben Leute uns inzwischen mit der islamischen Masseneinwanderung ein noch “schöneres” Problem ans Bein gebunden.

Dirk Jungnickel / 06.12.2017

Das Bestattungskonzept für notorische Ökos dürfte aber nur regional greifen,  und auch das nur partiell.  In der arabischen Welt gelten andere Regeln,  und Hindus und Buddhisten haben am heiligen Fluss Verbrennungsplätze wo die Asche umweltunfreundlich im Ganges landet. Für den Verstorbenen birgt das die Hoffnung dem ewigen Kreislauf von Stirb und Werde zu entrinnen und sein Heil im Nirwana o. ä. zu finden. Bioholz dürfte nicht zur Anwendung kommen.   Ich erwähne das im Wissen, dass der Strom der Deutschen, der Rhein, dafür nicht in Frage käme.  Er hat einen nationalistischen Touch. Ökogläubige könnten sich natürlich auch mumifizieren lassen und wie Atommüll unterirdisch und eingeschweisst bewahrt werden.  Ein gefundenes Fressen für die Archäologen der Zukunft.  Aber es hat seinen Preis. Wie auch das Einfrieren.  In der Mönchsrepublik auf Athos stünde allerdings eine praktikablere Lösung zur Verfügung. Dem Vernehmen nach wird man dort normal begraben und nach drei Jahren können die Gebeine in Schreinen besichtigt werden.  Da Frauen der Zutritt verweigert ist, könnten C. Roth und KGE einen Kampagne starten um den gleichberechtigten Zutritt zu erzwingen.  Sie könnten dann die Gebeine ihrer Altvorderen bewundern ... Ich geb’s ja zu: Ich verliere mich in Spekulationen ...

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