Richard Wagner / 11.10.2015 / 06:30 / 0 / Seite ausdrucken

Traumland Syrien

Ich hatte dieser Tage einen bösen Traum: Man hatte mir die Wohnung gekündigt und meinen Job war ich auch schon seit einer Weile los. Natürlich war mir bekannt, dass der Hausbesitzer mich nicht ohne Weiteres aus der Wohnung werfen konnte, schließlich sind wir ja nicht in Syrien.

Er versucht es im Übrigen schon seit etlichen Jahren, und der Hauptgrund ist, dass ich, weil ich hier seit Ewigkeiten wohne, in seinen Vermieteraugen eine viel zu geringe Miete zahle, und er das Verlustgeschäft seines Lebens machen würde, wie er sagt. Dabei setzt er doch alles klammheimlich von der Steuer ab. Fragen Sie mich nicht wie, aber er schafft es.

Und er hält mich auf Trab, mit immer neuen Einfällen seines Anwalts, um das jeweils nächste Verfahren in die Wege leiten zu können. Für ihn ist es mittlerweile ein Sport, für mich ein teures Vergnügen. Wer kann schon vor Gericht ziehen mit seinem Hartz 4? Dabei habe ich früher ganz gut verdient. Aber das ist lange her. Manchmal, wenn ich allzu traurig bin, sehe ich mir die alten Kontoauszüge der Commerzbank an.

Sie wollen wissen, was es mit dem Traum auf sich hat? Nun, ich habe angesichts meiner aussichtslosen Lage, beschlossen, die Syrische Staatsangehörigkeit anzunehmen. Ich habe mich mit meinem Anliegen an die syrische Botschaft in Berlin gewandt.

Die trauten ihren Ohren nicht, als Sie hörten, dass ich Syrer werden wolle. Andererseits schmeichelte ihnen der Antrag, und da sich sonst wohl kaum einer zu ihnen verirrte, gaben sie mir noch für denselben Tag einen Termin, und so hielt ich am Ende des Tages meinen syrischen Pass in der Hand.

Jetzt hatte ich nur noch ein Problem. Ich musste aus Deutschland als Deutscher ausreisen, um als Syrer wieder einzureisen. Ich zerbrach mir eine Weile den Kopf darüber, ohne dass mir etwas eingefallen wäre, was mich weitergebracht hätte.

So fuhr ich an die österreichische Grenze, aber im Grenzbahnhof unweit von Salzburg hielten bloß die Züge, die auf die bayrische Seite fuhren. Nun befand ich mich zwar auf der bayrischen Seite, aber mit dem deutschen Pass. Ich aber hatte mit meinem syrischen Pass einzureisen, wenn ich in Deutschland etwas erreichen wollte.

Während ich mir auf dem verwaisten Bahnsteig in Richtung Österreich noch ratlos die Beine vertrat, kam eine Gruppe deutscher Frauen auf mich zu. Die Damen, allesamt mittleren Alters, hießen mich willkommen und sprachen alle gleichzeitig auf mich ein. Sie eskortierten mich zu einer Sitzbank und holten aus ihren weiträumigen Taschen Selbstgebackenes hervor, und, in kleinen Bechern, den Damaszener Tee.

Sie sprachen schon die ganze Zeit über englisch mit mir, und aus Höflichkeit mir gegenüber sprachen sie jetzt sogar untereinander englisch. So blieb mir nichts anderes übrig, als ebenfalls englisch zu sprechen, zumal ich ja nun ein Syrer war. Und dass mein Englisch beklagenswert war, fiel auch nicht weiter auf, denn schließlich hatte ich als Syrer durchaus das Recht auf ein schlechtes Englisch, und sie hatten als Bayerinnen ebenso das Recht auf ein schlechtes Englisch.

Nach der Beköstigung brachten mich die freundlichen Frauen sozusagen über die Grenze. Ich befand mich unversehens schon wieder in Deutschland, aber diesmal als Syrer. Ich nahm also den erstbesten Zug nach Norden und verbrachte die restliche Zeit der Bahnfahrt nach Berlin im Speisewagen. Längst war mir klar geworden, dass ich den syrischen Pass praktisch in jeder Situation als Zahlungsmittel einsetzen konnte. Es war wie im Traum.

Als ich am Berliner Hauptbahnhof ausstieg, lief ich an den Frauengruppen, die auch hier warteten, vorbei und stellte fest, dass die meisten von ihnen, während sie „willkommen“ riefen, die Schuhe auszogen.

Dann hatte ich auch schon den Taxistand erreicht. Ich stieg in das Taxi ein und nannte in gebrochenem Deutsch die Adresse meiner Wohnung. Der Taxifahrer, ein Student aus Buxtehude, wie sich herausstellen sollte, sagte willkommen und stellte den Zähler ab.

Als ich meine Wohnung betrat, war ich bereits durch und durch Syrer. Jetzt sollte der Hausbesitzer mal kommen. Mich jedenfalls kriegt er hier nie wieder raus, hörte ich mich sagen. Und was den Job angeht, das ist ohnehin der reinste Asylgrund. Dafür gehe ich sogar zum Deutschkurs, rief ich laut in meinem Traum, und der syrische Pass war für immer verloren.

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