Walter Krämer / 23.08.2017 / 06:15 / Foto: Fabian Nicolay / 0 / Seite ausdrucken

Teure Umwelt- und Gesundheits-Panik

Wie erkennt man eine echte Prinzessin? Laut Hans Christian Andersen daran, dass sie auch durch zwanzig Matratzen von einer Erbse gepiesackt wird. Genauso lassen sich Millionen von Bundesbürgern seit Jahrzehnten durch Nichtigkeiten von einer Panik in die nächste treiben: Acrylamid und BSE, Nitrofen und Dioxin, (alles natürlich immer nur in den praxisrelevanten Dosen), Glycol im Wein, EHEC im Salat und Amalgam in den Zähnen, Nitrat im Grundwasser und Glyphosat im Bier, Vogelgrippe und Schweinepest, Milzbrand, Strahlen und Elektrosmog – ein Wunder, dass wir noch am Leben sind.

In Wahrheit nimmt natürlich die in Lebenserwartung gemessene Gesundheit aller Deutschen ständig zu. Die aktuellen Angstmacher heißen Feinstaub, Stickoxid und Fibronil, das neue Eeiergift. Anders als bei der Eierpanik wegen Dioxin im Januar 2011, als viele deutsche Medien die Welt fast untergehen sahen, sind zwar die seriöseren Kommentare diesmal um Sachlichkeit bemüht und lassen offen, ab wie viel hundert täglich konsumierten Eiern eine Fipronil-induzierte Übelkeit zu befürchten ist. Aber die Nachrichten sind trotzdem voll davon.

Dieses Prinzessin-auf-der-Erbse-Syndrom ist ein weiterer Beweis für das berühmte Weber-Fechnersche Gesetz aus dem 19. Jahrhundert, wonach bei kleinen Reizen schon kleinste Zuwächse zu Irritationen führen: Je besser die Umweltqualität, desto mehr regt uns ein Staubkorn auf der Windschutzscheibe auf. Oder hat im Deutschland des Jahres 1946 irgendjemand von Umweltkranken und Chemikalienunverträglichkeit gehört? Die meisten der heute in unseren Medien zelebrierten Mini- und Midi-Gefahren wären doch unseren Eltern wie Verheißungen erschienen, und die Beschäftigung damit ist ein Luxus, den sich reiche Europäer nur deshalb leisten können, weil sie sich um keimfreies Trinkwasser, genug zu essen und um eine trockene Wohnung im Winter nicht mehr kümmern müssen.

Diese Hypersensitivität  auch gegen kleinste Risiken des modernen Lebens ist mehr als nur ein medizinisches Individualproblem, sie richtet großen wirtschaftlichen Schaden an. Allein die völlig überzogene SARS-Panik vom Anfang 2003 und der dadurch erzeugte Einbruch des Fernost-Fluggeschäfts hat der Lufthansa rund 100 Millionen Euro Verluste eingebracht. Mit den 1,5 Milliarden Euro, die Verbraucherministerin Künast seinerzeit  in großer Hast  und ohne viel Überlegung für die Bekämpfung einer in Deutschland nie existierenden BSE-Gefahr aus dem Fenster geworfen hat, könnten sich die Bundesrepublik  – wenn auch nur ein Jahr - eine Universität vom Kaliber Harvard leisten. Die Schweinepest und die Vogelgrippe schlagen  mit je 500 Millionen verschwendeten  Euro zu Buche, von den mehrstelligen vermeidbaren Milliardenkosten der sogenannten Energiewende ganz zu schweigen, welche uns die typisch deutsche und von der ganzen Welt belachte Angst vor Kernkraft eingetragen haben.

Das DDT-Verbot hat mehr Menschenleben gekostet als die Nebenwirkungen des Stoffes

Aktuell schränkt etwa die Ludwigshafener BASF ihre Fipronil-Geschäfte ein. Der Teilaussteig habe nichts mit dem aktuellen Skandal um belastete Eier zu tun, sagt zwar der Konzern, aber was ist denn der befürchtete Einbruch der Nachfrage, der diesem Teilausstieg wohl zugrunde liegt, anders als eine Folge der aktuellen Hysterie?

Auch die Gesundheit selber leidet. Wir laufen vor einem Risiko davon und einen anderen umso sicherer in die Arme. Der eine oder andere Leser erinnert sich noch an den Schlecker-Babykost-Skandal. Damals liefen viele Eltern auf den Markt und bereiteten das Babygemüse selbst, nicht wissend, dass deutsches Markgemüse einen über hundertfach höheren Schadstoffgehalt aufweisen darf und oft auch aufweist als im am schlimmsten „verseuchten“ Schlecker-Gemüse jemals nachgewiesen worden ist.

Diese Irrationalität ist international. Nach Gerd Gigerenzer zum Beispiel sind durch die Panik nach dem 11. September in den USA inzwischen fast mehr Menschen ums Leben gekommen als durch den 11. September selbst – sie fahren vermehrt mit dem Auto, statt zu fliegen, und kommen auf der Straße um. Nach Modellrechnungen amerikanischer Statistiker, publiziert in der weltweit wohl renommiertesten Wissenschaftszeitschrift Science, sind durch die Asbestsanierung amerikanischer Schulen mehr Schüler ums Leben gekommen als jemals durch Asbest gestorben wären: Sie ertranken im elterlichen Swimming-Pool oder wurden auf den längeren Schulwegen oder in der zusätzlichen Freizeit ermordet oder vom Bus überfahren. Und auch „die Nebenwirkungen des DDT-Verbots haben weit mehr Menschen das Leben gekostet als die DDT-Nebenwirkungen“, so einmal ein Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Biologe Hubert Markl.

Dazu kommen auch noch die vielen indirekten Kosten der modernen Risikophobie. Seit dem Farbfernseher trifft insbesondere in Deutschland fast alles Neue, Zukunftsweisende zunächst einmal auf eine Große Koalition von „Reichsbedenkenträgern“ (Manfred Lahnstein). Ich nenne das einmal Morgenthau 4.0. Ein riesiges freischwebendes Angst-, Protest- und Verweigerungspotential steht wie die Klospülung all denen zur Verfügung, die neue Ideen schon bei der Geburt ertränken wollen. Die Beweislast für den Neuerer hat sich umgekehrt: In dynamischen Gesellschaften haben die Gegner des Neuen zu beweisen, dass das Neue schadet. In Deutschland haben allzuoft die Neuerer zu beweisen, dass das Neue nicht schadet.

Noch lässt sich dieser Standortnachteil mit der Droge „exportgestützte Vollbeschäftigung“ übertünchen. Dass wir einen guten Teil unserer Exporte dem Rest der Welt wegen nie einholbarer Auslandsforderungen sozusagen schenken, stärkt vielen Menschenfreunden hierzulande offenbar nochmals mehr das gute Gewissen. Und das ist ja bekanntlich das beste Ruhekissen.

Foto: Fabian Nicolay
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