Vera Lengsfeld / 19.12.2017 / 15:30 / Foto: David Hall / 8 / Seite ausdrucken

Tatort Moskau

Als ich das erste Mal die Sowjetunion besuchte, das war 1968, war ich entsetzt über die Fülle der Propaganda-Plakate und Transparente, die jedes Haus, jede Mauer in Moskau zu bedecken schienen. Zusätzlich wurde die Stadt ständig mit Nachrichten und Parolen beschallt, die nur von Musikstücken unterbrochen wurden. Meistens waren es Lieder zum Lobe der Revolution, manchmal aber auch Klassik, vorzugsweise Beethoven, der angeblich Lenins Lieblingskomponist gewesen sein soll. Die Plakate und Transparente waren so schäbig, wie das Stadtbild insgesamt. Eine Werbung für den Sozialismus waren sie bestimmt nicht.

Auch in der DDR gab es Gehirnwäsche, aber die war längst nicht so dauerpräsent. Die Parolen, die anlässlich des 1. Mai oder des Republikgeburtstags aufgehängt wurden, verschwanden bald wieder nach dem Ereignis.

Im bunten Deutschland sind die Propagandaposter heute schicker und viel bunter als im grauen Sozialismus. Ununterbrochen werden wir von den Herrschenden per Poster ermahnt über den erwünschten Umgang mit Minderheiten oder Randgruppen jeder Couleur oder darüber belehrt, das die traditionelle Familie irgendwie als Auslaufmodell zu betrachten ist. Es wird uns nahegelegt, die Energiewende für alternativlos zu halten oder Tierrechte höher als Menschenrechte zu stellen.

Während man in der DDR Theater besuchte, um entspannt regimekritischen Botschaften zu lauschen, wird man heute in jedem noch so politikfernen Stück über die richtige bunte Weltsicht belehrt. Was das Fernsehen betrifft, konnte man sich in der DDR auf den Montagabend freuen. Da wurden alte, unideologische Filme gezeigt.

Heute gibt es den Tatort. Die Macher diese Formats sehen es schon lange als ihre Aufgabe, nicht nur einfach Krimis zu zeigen, sondern politisch-korrekte Botschaften zu vermitteln. Das wurde schließlich so penetrant, dass ich nie wieder Tatort sehen wollte.

Damit auch die Dummchen unter den Zuschauern kapieren...

Am vergangenen Sonntag Abend habe ich es mir doch noch einmal angetan. "Dunkle Zeit" hieß die Folge und wurde ihrem Namen voll gerecht. Nach den vielen Vorab-Rezensionen, mit denen die Zuschauer angelockt und schon mal eingestimmt werden sollten, worum es sich handelt, wollte ich sehen, wie weit die Filmemacher bereit waren, sich zum Propagandisten zu erniedrigen. Antwort: Sehr weit.

Zuschauern, die vielleicht nicht gleich kapiert hätten, dass es sich bei den „Neuen Patrioten“ im Film keineswegs um eine fiktive Partei handelt, sondern um die AfD, wurden schon in den Vorab-Rezensionen darauf hingewiesen. Die Handlung diente nur dazu, immer wieder den Zuschauern einzuhämmern, dass die eigentliche Gefahr für die Gesellschaft von dieser Partei kommt. Das besonders Perfide war, dass die AfD-Politiker klar zu identifizieren waren: Ein Verschnitt aus Alice Weidel und Frauke Petry, sowie Marcus Pretzell und Jörg Meuthen. Letzterer wurde sogar mit einem Schauspieler von hoher Ähnlichkeit besetzt. Der Mastermind hinter den Morden war natürlich der Kampagnen-Manager der Partei, der die Parteifreunde, die dem intendierten Rechtsruck im Wege standen, wegbomben und die Schuld dafür der Antifa in die Schuhe schieben wollte.

Dem Staatsschutz wurde nebenbei bescheinigt, auf dem rechten Auge blind zu sein. Nur Kommissar Falke blickte von Anfang an durch. Ihm sagte sein untrügliches Bauchgefühl, dass dies alles nur ein Komplott eines „Westentaschen-Goebbels“ sein könnte, und er bekam recht. Nebenbei gelang es ihm noch, die AfD-Aktivistin zu erschießen.

Nur der unvermeidlich beteiligte Russe konnte rechtzeitig die Fähre nach St. Petersburg besteigen. Logische Fortsetzung dieses ideologisch wertvollen, fernsehpreisverdächtigen Propagandaschinkens wäre ein Plot mit Putin als Ferndirigent der AfD. Damit wäre der Russenhass auch wieder auferstanden. Ausschließen kann man so etwas leider nicht mehr.

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Leserpost (8)
Bernhard Maxara / 19.12.2017

Ohne die Folge gesehen zu haben, glaube ich Ihnen auf’s Wort. Sämtliche “Tatorte” der letzten Jahre sind, wie die zu “Betreutem Wohnen” für linksliberalgrüne Regisseure mutierten Theater , Beispiele für die neue Avantgarde, die dem Zeitgeist hinterher rennt. Wird Zeit, daß die Kunst endlich frei wird - zuallererst frei von Subventionen!

Reinhard Lichti / 19.12.2017

Wie gut, dass ich mir potentiell interessante Sendungen nur vormerke: Dank dieser Warnung brauche ich mir den letzten Tatort also auch nicht anzuschauen.

Werner Arning / 19.12.2017

Im Vergleich zu der Propaganda in der DDR oder anderen totalitären Regimen, ist die heutige Propaganda viel schwerer als solche zu identifizieren. Das macht sie um so totaler, um so wirkungsvoller. Frühere Propaganda kam häufig grobschlächtig daher. Jeder wusste, woran er war und konnte sich ihrer deshalb auch leichter entziehen. Die heutige, subtile Propaganda wird kaum wahrgenommen. Sie gibt sich modern, verspielt, kommt zunächst ohne Drohgebärden, ohne offen gezeigten Druck aus. Sie wird etwa von einem beliebten Schauspieler oder einer coolen Popsängerin transportiert, vom sympathischen Lehrer, wortwitzigen Moderatoren oder Kabarettisten, bunt angezogenen Demonstranten. Oder eben im beliebten Tatort.  Es soll der Eindruck entstehen : Alle denken so, und wer das nicht tut, liegt irgendwie völlig falsch. Der Anpassungsdruck wird erhöht, weil kein Schlupfloch mehr da ist, um ihm zu entkommen.

Peter Neumeyer / 19.12.2017

Wunderbar geschrieben Frau Lengsfeld. Obwohl ich den Film nicht gesehen habe, kann ich mir dieses dick Auftragen unserer Qualitätsmedien gut vorstellen. Früher haben mich bestimmte amerikanische Filme oft angewidert, wenn man die dicke kitschig aufgetragene Absicht darin verspürte. Die deutschen wollen ja moralischer Weltmeister sein und haben die Amerikaner scheinbar in dieser Disziplin bereits überholt. Erinnerungen werden wach an den zuletzt gesehenen Tatort vor etwa 4 Jahren mit der “Charakterdarstellerin“ Maria Furtwängler,-schlimmer geht nicht mehr!!

Dietmar Schmidt / 19.12.2017

Ja Frau Lengsfeld, so ist es und das machen die Brüder ohne rot zu werden. Aber ich habe so das Gefühl, dass die Masche immer mehr durchschauen. Lügen haben kurze Beine (Großmutters Spruch). Hoffentlich.

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