Gastautor / 19.01.2013 / 16:25 / 0 / Seite ausdrucken

Tasmanien? Wieso das denn? (Folge 1)

Frank Stern

Kein Augstein, kein Terror, kein Klima – dafür eine Reise auf eine merkwürdige Insel am anderen Ende der Welt.

Ich weiß nicht mehr, wie wir eigentlich auf Tasmanien gekommen sind. Von unseren Freunden in Melbourne kam die Idee jedenfalls nicht. Tasmanien? lautete ihre erste Frage, als sie von unseren Reiseplänen hörten. Wieso das denn? Dabei hat die Insel vor Australiens Südküste mit ihren unberührten Wäldern, den kilometerlangen Stränden und Tierarten, die einem nirgendwo sonst unter die Reifen geraten, einiges zu bieten. Doch das Erste, was einem Australier zu dem Anhängsel im Süden einfällt, sind seine doppelköpfigen Bewohner. Wir sollten auf die Narbe am Hals der Einheimischen achten, wird uns aufgetragen. Aus ästhetischen Gründen werde den Tasmaniern nach der Geburt ein Kopf chirurgisch entfernt. Die Narbe zeuge von dem Eingriff.

Der Flug von Melbourne ins Land der Doppelköpfe dauert eine gute Stunde. Bei unserer Ankunft in Tasmaniens Hauptstadt Hobart scheint die Sonne. Es ist Frühling auf dieser Seite der Erdkugel, noch hat die Touristensaison nicht begonnen. Für den Besucher hat das den Vorteil, dass er die Insel quasi für sich hat. Der Nachteil ist das Wetter, das noch launischer ist als in diesen Breiten ohnehin üblich. Als wir unseren Mietwagen abholen, ist die Sonne verschwunden.

Man stelle sich ein Land von der Größe Bayerns vor, schöner nur und statt von zwölf Millionen Menschen von gerade mal 500.000 bevölkert. Das ist Tasmanien. Mehr als ein Drittel der Insel ist Naturschutzgebiet, und auch im Rest ist nicht viel los. Wer Einsamkeit sucht und Stille, wer der Hektik der Zivilisation für einige Zeit oder auf Dauer entsagen will, der könnte sich kaum einen besseren Winkel auf der Erde aussuchen. Die Hälfte der tasmanischen Bevölkerung lebt in Hobart. Etwas flussaufwärts von hier, in Risdon Cove, hatte 1803 die Besiedelung der Insel durch die Briten begonnen. Nicht etwa, weil sie das Eiland so unwiderstehlich fanden, sondern um den Franzosen zuvorzukommen, die angeblich schon auf dem Sprung waren.

Wir fahren zu unserem Motel und passieren dabei die geschwungene Tasmanbrücke über den Derwentfluss. Gegenüber schiebt sich Mount Wellington ins Blickfeld. 1836 brauchte Charles Darwin, der mit der HMS Beagle auf dem Rückweg von den Galapagos-Inseln in Hobart Station machte, zu Fuß fünf Stunden bis zum 1.270 Meter hohen Gipfel. Heute schafft man es im Auto in fünfzehn Minuten. Bei gutem Wetter reicht die Sicht bis zur Tasman-Halbinsel. 

Normalerweise buche ich immer alles im Voraus. Flug, Mietwagen, Hotel – alles. Abenteuer ja, aber mit Dusche. Diesmal lasse ich es drauf ankommen. Als wir am nächsten Morgen in Hobart aufbrechen, sind wir uns nur über die Richtung im Klaren – nach Süden. Es ist erbärmlich kalt. Es regnet nicht richtig, aber dennoch fühlt sich alles feucht und klamm an. Den Einheimischen in Shorts und T-Shirt aber scheint das Wetter nichts anhaben zu können.

Schon ihre Ahnen, die in den Wäldern Tasmaniens, in Steinbrüchen und auf Farmen bei Wind und Wetter ihre Schuld gegenüber der Krone abtragen mussten, waren hart im Nehmen, wenn auch gezwungenermaßen. Insgesamt wurden zwischen 1803 und 1853, dem letzten Jahr der Deportationen, rund 73.000 Häftlinge von England nach Tasmanien verschifft. Nach Verbüßen ihrer Strafe siedelten sich die meisten davon auf der Insel an. Die Scham über das kriminelle Erbe ist bei ihren Nachfahren inzwischen weitgehend verflogen. Heute sehen die meisten Tasmanier eher mit Stolz auf die schwarzen Schafe in ihrer Familienchronik.

Außer vielleicht auf Robert Greenhill. Der war 1822 mit sieben Mitgefangenen von der Sträflingsinsel Sarah Island geflohen, einem gottverlassenen Winkel im Westen Tasmaniens. Als ihnen der Proviant ausging, spaltete Greenhill einem seiner Kameraden mit der Axt den Schädel und ließ ihn von seinem Kumpanen Matthew Travers mundgerecht zubereiten. Nach und nach schmolz die kulinarische Gemeinschaft auf drei zusammen, und nachdem Travers von einer Schlange gebissen worden war und nicht mehr weiter konnte, landete auch er auf dem Grill. Am Ende belauerten sich nur noch Greenhill und der irische Schuhdieb Alexander Pearce. Dann nickte Greenhill ein ...

Im zweiten Teil unserer Reise enthüllen wir, was es mit dem Platipus auf sich hat.

Dr. Frank Stern ist Journalist mit Themen-Schwerpunkt Asien-Pazifik.

Leserpost (0)

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können wir meist nur während der ersten 24 Stunden nach Veröffentlichung eines Artikels annehmen.

Verwandte Themen
Gastautor / 06.12.2016 / 06:10 / 1

Bloß keinen Marshallplan für Afrika!

Es ist ein mehr als 50 Jahre alter Irrtum zu glauben, wir könnten Entwicklungspolitik für Afrika machen. Ein Irrtum mit fatalen Folgen. Die Reichen und…/ mehr

Gastautor / 05.12.2016 / 06:29 / 7

Make Antiamerica great again!

Von Gunter Weißgerber. Endlich, endlich nach aufgezwungenen Schamjahren der sogenannten SED/MfS-Aufarbeitung ist es vollbracht. Endgültig vollbracht mit der Niederlage von Hillary Clinton. Endlich, endlich stimmen…/ mehr

Gastautor / 04.12.2016 / 14:00 / 0

Ein Despot, der angenehm überrascht

Von Volker Seitz Im kleinsten Festlandstaat Afrikas, Gambia, steht offenbar zum ersten Mal seit der Unabhängigkeit 1965 ein friedlicher Machtwechsel bevor. Noch am Wahltag hatte…/ mehr

Gastautor / 01.12.2016 / 08:58 / 7

Es heißt nicht Weihnachts-, sondern Brauchtumsmarkt

Von Rudolf Taschner. Man findet sie im Advent zuhauf: Marktstände, die zum Einkaufen, zum Verweilen, zum Verkosten einladen. Bei einem von ihnen an der Mariahilfer…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com