Dirk Maxeiner / 14.07.2017 / 20:29 / 13 / Seite ausdrucken

Super-Idee: Aussterben fürs Klima!

„Kinderwunsch streichen, Klima retten“. So ist ein Beitrag auf Spiegel-online überschrieben, der immerhin den Warnhinweis trägt „provokante These“. Und die lautet schlicht: Stellt die Fortpflanzung ein, um die Menschheit zu retten. Und dann kommen Sätze wie diese:

„Eine US-amerikanische Familie, die auf ein Kind verzichtet, spart genauso viel Emissionen ein wie 684 Teenager, die für den Rest ihres Lebens strikt recyceln", schreiben Wynes und Nicholas. Ein Kind weniger, das entspricht in der Studie dem Einsparen von 58,6 Tonnen Kohlendioxid im Jahr (die Emissionen anderer Treibhausgase wie Methan wurden entsprechend umgerechnet und sind enthalten). Ohne Auto leben: 2,4 Tonnen jährlich. Recyceln: weniger als 0,2 Tonnen jährlich."

Diesen Fragen seien Seth Wynes von der Universität Lund, Schweden, und Kimberly Nicholas von der University of British Columbia im kanadischen Vancouver nachgegangen. Erstaunlich ist, dass SPIEGEL-ONLINE diese zutiefts anti-humanistischen Thesen ernsthaft diskutiert.

Das Ganze ist nämlich ein totalitäres Déjà-vu. Solche Aussagen haben eine lange und unsägliche Tradition. Alexander King, einer der Gründer des Club of Rome und Initiator der Studie „Die Grenzen des Wachstums“ , meinte einst zum Thema der Malariabekämpfung: „Mein Problem ist, dass es die Überbevölkerung verstärkt.“ Der Verhaltensforscher und Umweltaktivist Konrad Lorenz bekannte in einem seiner letzten Interviews: „Gegen Überbevölke­rung hat die Menschheit nichts Vernünftiges unternommen. Man könnte daher eine gewisse Sympathie für Aids bekommen.“ Und er fügte hinzu: „Es zeigt sich, dass die ethischen Menschen nicht so viele Kinder haben und sich die Gangster unbegrenzt und sorglos weitervermehren.“

Der Biologe Paul Ehrlich veröffentlichte 1968 sein berühmtes Buch mit dem Titel „The Population Bomb“, dessen Geist vielfach heute noch weht.  Das Titelbild zeigt eine Bombe mit Zündschnur kurz vor der Explosion. Ehrlich beklagte darin die rasante Zunahme der Kinderzahl und sagte voraus, dass die Hälfte der Menschheit verhungern würde.  Sabine Höhler von der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaft der Universität Hamburg nennt Ehrlichs Publikation ein Beispiel für die „Radikalität des Umwelt- und Bevölkerungsdiskurses der 1960er- und 1970er-Jahre“. Ehrlich stellt das Bevölkerungswachstum als eine unmittelbar bevorstehende Katastrophe dar, seine Vorschläge zur Abwendung sind schlicht menschenverachtend (hier ist der inflationierte Ausdruck tatsächlich einmal angebracht).  Was als fürsorglicher Vorschlag zum Umgang mit dem Planeten daher kommt, entpuppt sich bei näherer Analyse oft als brachialer Anti-Humanismus.

Ehrlich verlangte, die Familienplanung als erfolglose, individualistische Form der Geburtenkontrolle durch eine übergreifende Bevölkerungskontrolle abzulösen. So sollte sich die Zahl der Menschen nach einem kontrollierten Massensterben („die-back“) bei etwa zwei Milliarden einpendeln: „Kennzeichnend für die damalige Bevölkerungsdebatte ist es, dass Ehrlich Geburtenraten ausschließlich nach verursachten gesellschaftlichen Kosten bewertete“, schreibt Sabine Höhler dazu, „Familien mit mehr als zwei Kindern bezichtigte er der Verantwortungslosigkeit“. Sie hätten ihre finanziellen Belastungen künftig selbst zu tragen, etwa durch „Luxussteuern“ für Babyausstattungen. „Nötigung? Vielleicht aber zum Wohle der Genötigten“, rechtfertigte Ehrlich seine Vorschläge, schließlich ginge es um das schiere „Überleben“ der Menschheit auf einem begrenzten Globus.

Heutzutage formuliert man das lediglich ein wenig sensibler. Die Autoren der von Spiegel-online vorgestellten Studie sagen:  "Uns ist klar, dass dies zutiefst persönliche Entscheidungen sind", meint Studienautorin Kimberly Nicholas. Aber wir dürften nicht ignorieren, welchen Einfluss aufs Klima unser Lebensstil tatsächlich habe. "Wir hoffen, dass diese Information eine Diskussion auslöst und Menschen hilft, Entscheidungen zu treffen." Und wenn sie diese Entscheidungen nicht freiwillig treffen, kann man ja ein wenig nachhelfen.

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Leserpost (13)
Rolf Menzen / 15.07.2017

Die Damen und Herren sollten mit ihrem Menschheitsreduzierungsprogramm doch bitteschön bei sich selber anfangen. Dann könnte man sie auch ernst nehmen.

Winfried Sautter / 15.07.2017

Der heutiige Totalitarismus ist grün.

Jürg Sand / 15.07.2017

Scheint ein zutiefst tabuisiertes Thema zu sein, dass es selbst die kritischsten, und von mir sehr geschätzten, Geister in anlehnendes Unbehagen versetzt. Bei einem jährlichen Zuwachs von derzeit 80 Millionen Erdenbürgern und gleichzeitiger höherer Lebenserwartung mit Anschluss an die globale Konsumgesellschaft, müsste selbstverständlich auch Familienplanung längst ein Thema sein. Das Zurückschrecken vor zu befürchtenden Verboten ist m.E. vor dem Hintergrund einer immer drastischeren Lebensregulierung zum Schutz dieses Planeten, letztlich wegen der Masse an Menschen mit Konsumdurst, etwas unlogisch. Betrachtet man im Speziellen die Entwicklung auf dem Schwarzen Kontinent, dann scheint mir ein Aufruf zur Mässigung sogar von höchster moralischer Dringlichkeit. Ungeborene leiden nicht, vermissen nichts!

Rudi Knoth / 15.07.2017

Nun ein kleiner zynischer Kommentar.  Wenn man sich die niedrige Geburtenrate der Deutschen anschaut, dann retten diese doch die Welt vor dem Klimakollaps. Denn mit 1,5 Kindern werden wir immer weniger. Der gute Mensch denkt halt immer zuletzt an sich.

Max Fischer / 15.07.2017

Ist also grundsätzlich alles Menschenverachtend, was gegen die Bevölkerungsexplosion getan werden müsste ? Vielleicht wird die Natur noch viel “Menschenverachtender” eingreifen, und das Problem radikal lösen. Dann wird die Krone der Schöpfung aber nicht mehr Wert sein, als ein kleines Mäuschen, und das ist auch gut so, weil wir diese Krone nie verdient haben.

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