Blüten der Ökohysterie: Strahlende Nudeln

Von Hans-Jörg Jacobsen.

Eine Entdeckung von epochaler Tragweite und brennender Aktualität ist zu vermelden: Ionisierende Strahlen können das Erbgut verändern, sogar das von Pflanzen! Bekanntermaßen ehrliche (Brent Spar) und wissenschaftlich solide arbeitende Organisationen wie Greenpeace  ("Genkartoffeln lassen das Gehirn schrumpfen") und andere Freunde der Erde sind von den Ergebnissen, die Herman Muller kürzlich vor fast 70 Jahren publiziert hat, tief getroffen.

Es ist sogar noch schlimmer: Seit 1963 wurden weltweit 2.252 neue Pflanzensorten zugelassen, bei denen genetische Veränderungen durch ionisierende Strahlen induziert wurden, so stand es jedenfalls in der FAZ. Diese berief sich auf einen Report der "International Atomic Energy Agency" (IAEA) in Wien. Unter den bestrahlten Pflanzen befinden sich auch Sorten so rustikaler Arten wie Triticum durum, aus denen bekanntermaßen die Italiener ihre Pasta herstellen.

Solche Nahrungsmittel, so fordern es die edlen Bewahrer der Schöpfung, sollten nun nicht mehr auf den Markt kommen, wegen unbekannter und nicht abzuschätzender Risiken. Kann das sein, darf das sein, brauchen wir eine neue Ethik-Debatte? Zunächst einmal müssen wir uns aber um Charles Margulis von Greenpeace USA kümmern: "I always thought the plants we eat every day come from Mother Nature. But now they tell us that scientists have been artificially hybridizing plants since the 1960s. That's, like, really uncool." Lieber Charles, in Wahrheit ist die Sache noch viel schlimmer: Selbst Mutter Natur macht so häßliche Sachen wie Hybrisierung, sie arbeitet manchmal auch schlampig (der Fachbegriff dafür lautet "Replikationsfehler") oder erlaubt es Genen einfach, zu springen. Das fand Barbara McClintock unlängst heraus.

Charlie, Du mußt jetzt ganz tapfer sein!

Wenn es erlaubt ist, den Planeten, auf dem wir leben, irgendwie der Natur zuzurechnen, so müssen wir sogar damit rechnen, dass Mutter Natur hin und wieder mal ein Radon-Molekül aus ihrem Mantel fleuchen läßt, welches – oh Schreck, oh Graus! – so einfach mit der Erbsubstanz wechselwirkt (die heißt DNA, lieber Charles) und diese verändert. Das kann sogar (Charlie, du mußt jetzt ganz tapfer sein!) auch auf dem Acker Deines Ökobauern passieren. Selbst unsere Vorfahren, die edlen Wilden, die den Ackerbau eingeführt haben, und alle anderen nach ihnen, die Mutter Natur unsere Nahrung abgerungen haben, machten so schändliche Sachen wie Hybridisierungen. Oder sie haben es zumindest nicht verhindert.

Sie verwendeten dafür nicht immer dieses schreckliche Wort, sondern verschleierten ihr heimliches Tun mit dem Verb "kreuzen". Dabei kombinierten sie vielleicht zwei Individuen, die jeweils in ganz vielen Erbanlagen verschieden waren, aber die Menschheit hat das irgendwie überlebt. Sogar der Mönch Mendel machte so etwas, dabei zwang er mit brutaler Gewalt selbst so scheue Pflanzen wie die Erbsen, die ihre Geschlechtsorgane schamhaft verborgen halten, auf dass kein fremder Pollen in sie dringe, zur Bildung von Hybriden. Und er nannte die entstandenen Produkte seines schändlichen Tuns öffentlich auch so. Naja, die Öffentlichkeit war so geschockt, dass sie sich erstmal weigerte, die Ungeheuerlichkeiten überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Aber mittlerweile ist die Wahrheit auf dem Tisch, dank der Greenpeace-Mitarbeiter Correns, Tschermak und de Vries. Was machen wir nun?

Schlauchboote vor Zellkerne?

Wie wär's, Charles, mit einer Kampagne gegen genetische Veränderungen, so mit Schlauchbooten vor den Zellkernen, um Strahlen abzufangen? Aber Charles, ich muß Dich warnen, bevor du  wieder Geld sammeln gehst: Am Ende einer solchen Kampagne, wenn sie denn erfolgreich wäre, stehen vielleicht genetisch identische Individuen. Weißt du, wie man die nennt? Klone, richtig. Und die willst Du doch auch nicht, Du willst die Diversität? Ich auch, Charles, aber ich geb's  jetzt auf, ich geh jetzt was essen. Spaghetti (aus Hartweizen!) à la Bolognese schmecken auch einem Erinaceus.

Übrigens: Die Anzahl der Pflanzensorten, die seit 1963 neu zugelassen wurden und bei denen die genetischen Veränderungen nicht bewußt induziert worden sind, liegt um ein Vielfaches höher als die von der IAEA genannte von 2.252.  Die sogenannte Mutationszüchtung hat sich als wenig effektiv erwiesen. Deshalb macht so etwas auch seit Anfang der 80er Jahre kaum noch jemand. Lediglich bei Zierpflanzen oder überwiegend vegetativ vermehrten Kulturpflanzen (Zuckerrohr) wird gelegentlich versucht, die genetische Variabilität durch Mutationsauslösung zu erhöhen.

Professor Hans-Jörg Jacobsen war Leiter der Abteilung Pflanzenbiotechnologie am Institut für Pflanzengenetik der Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover.

Foto: Stefan Klinkigt

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Leserpost (10)
Rudi Knoth / 23.11.2016

Ja nun strahlen die Spaghetti nicht. Weder linksdrehend noch rechtsdrehend. Allerdings sollte dieser Herr aml informieren, woher unsere Obst- und Gemüsesorten stammen und wie die Wildforman beschaffen sind. Eine gute Lektüre hierzu ist ein Buch von Udo Pollmer.

Rudolf Stein / 23.11.2016

Sehr geehrter Herr Kollege Jacobsen,  werfen Sie nicht Perlen vor die Säue. Charlie wünscht sich eben zurück auf seinen Baum in der afrikanischen Savanne.  Man sollte ihn nicht aufhalten.

Dr. Frank Steffens / 23.11.2016

Kommen Sie doch bitte einem religiösen Eiferer nicht mit Argumenten oder Fakten…! Es liegen doch zu den meisten brennenden Fragen, die Deutschland und Europa zur Zeit bewegen, genügend Fakten auf dem Tisch. Die Leute, die gegenan diskutieren, wollen es nicht begreifen oder versprechen sich persönliche Vorteile von dem Unfug, den sie erzählen (siehe meinen ersten Satz). Trotzdem ist es gut, dass Argumente und Fakten immer mal wieder formuliert werden, damit sie erstens häufig verfügbar sind und zweitens junge Menschen, und ältere, die es bisher versäumt haben, natürlich auch, die Möglichkeit haben, sich zu informieren.

Engelbert Gartner / 23.11.2016

Zum Thema strahlende Nudeln:  Dir Altersbestimmung von organischem Material ( z.B. Mumien ) wird über die Radiokarbonmethode bestimmt.  Hat man ein Gramm Kohlenstoff, so zerfallen in Abständen von ca. 36 Sek C14 Atom unter Abgabe von Beta-Strahlung. Der Anteil von Kohlenstoff in unserem Körper liegt bei ca. 19 %. Jetzt lasst uns mal auf Basis dieser Daten ( Wikipedia ) rechnen. Ich wiege ca. 80 kg und bestehe somit aus 15,2 kg Kohlenstoff. In 36 Sek zerfallen in meinem Körper 15200 C14 Atome und geben dabei Beta-Strahlung ab. Rechnet man dies um, so zerfallen in meinem Körper ca 422 radioaktive Kohlenstoffatome pro Sekunde. Nehmen wir einmal an, dass eine grüne Nudel ca. 100 kg wiegt, so liegt die radioaktive Strahlung deutlich über 500 Zerfälle pro Sekunde. Man könnte bei einer grünen Nudel, die ca. 100 kg wiegt, sich durchaus überlegen, ob eine Kleidung aus Blei die Umwelt vor diesen Menschen schützt.  Mit lustigen Grüßen Engelbert Gartner

Rolf Menzen / 23.11.2016

Ob vielleicht mal irgendwer diesem Grienpihs-heini steckt dass keine der Pflanzen aus denen unsere Nahrung besteht so in der Natur vorkommt?

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