Steuer auf verspätetes Ableben!

Zwei große Knalltüten-Institute, das DIW (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) und das WSI (Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut), machen gerade Radau mit der Vermutung, daß "die Reichen" dadurch, daß sie, solange sie nicht sterben, weiter sparen, noch reicher werden als bisher gedacht, geschätzt, vermutet. Wir haben es also mit einer Vermögens-Endmoräne zu tun, die der Gletscher der Ungerechtigkeit vor sich her schiebt.

Wenn heute jemand das Wort Gerechtigkeit in den Mund nimmt, dann meint er meistens: Ich will etwas von dem Geld, das die anderen haben. Wer die anderen sind und wie ihr Geldhaben zustande kam, ist relativ belanglos; irgendwo ist immer was zu holen. Zum Beispiel auf dem Wege der Besteuerung. Von George Bernard Shaw stammt der Aphorismus: „Eine Regierung, die Peter beraubt, um Paul zu bezahlen, kann sich auf Pauls Unterstützung immer verlassen.“ In diesem Sinne: ran an die Erben!

Mit Blick auf die Bundestagswahl lancieren sozialistische Sozialforscher gerade wieder mal eine Ungerechtigkeitsdebatte. Tenor: Es gibt noch viel mehr Geld umzuverteilen, wenn man bloß die Erbschaftssteuer ordentlich anheben würde. Also eine Steuer auf bereits versteuertes Vermögen. Der simple Grund für die Begehrlichkeit: das Erbvolumen in Deutschland ist in der Tat beachtlich groß. Mehrere hundert Milliarden Euro hinterläßt die abtretende Generation jedes Jahr den Nachkommen.

Mit dem Gedanken der Leistungsgesellschaft hat das natürlich wenig zu tun. Das Erbrecht ist ein Faktor des Müßiggangs und schon deshalb allen braven Schaffern zuwider. Andererseits dient das Konzept der Erbschaft auch der gesellschaftlichen Stabilität. Das Erbe transzendiert den individuellen Zeithorizont, es ist das zu Bewahrende schlechthin. In den Erbregeln, die je nach Zeit und Zivilisation sehr unterschiedlich sind, spiegelt sich ganz grundsätzlich das Verhältnis der Lebenden zu den Toten wider; das Erben ist eine Strategie, die Sterblichkeit zu überwinden.

Dumm nur, daß man immer auf den letzten Atemzug der Erblasser warten muß. Nicht nur in klassischen Komödien, sondern auch in der rauhen Wirklichkeit warten oft die Erben in spe voller Ungeduld auf den Augenblick, der den Erbgang auslöst. Das ist nicht schön und gar nicht edel. Deshalb könnten die staatlichen Steuergeier versucht sein, eine präfaktische Abgabe einzuführen. In einer Zeit, da man für Bankguthaben Negativzinsen bezahlen muß und das Finanzsystem sowieso auf dem Kopf steht, wäre zum Beispiel eine Art Hinhaltsteuer denkbar für Leute, die einfach nicht rasch genug das Zeitliche segnen.

Und das tun ja immer mehr, beziehungsweise tun es nicht. Nun ist eine längere Lebenszeit nicht automatisch und unbedingt eine erfreuliche Sache; genauso wie Geld nicht restlos glücklich macht. Aber es trägt verdammt viel dazu bei. Eine Glücksverbrauchssteuer mit Egoismuszuschlag wäre also das Mindeste, was man den reichen, satten Sterbeverweigerern der gegenwärtigen Hochrentengeneration abverlangen sollte. Eigentlich komisch, daß die sich soeben zu Wort gemeldet habenden Wirtschaftsforschungsinstitute noch nicht drauf gekommen sind. Und da wir schon beim Phantasierechnen sind: in Form von irgendeinem Koeffizienten müßte der Umstand berücksichtigt werden, daß Männer, die den größeren Teil der Vermögen geschaffen haben, kürzer leben, was wiederum dazu führt, daß schlußendlich die Frauen als die reicheren hinscheiden.

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Foto: Antônio Milena CC BY 3.0 br via Wikimedia Commons
Leserpost (3)
Caroline Neufert / 09.07.2017

“Nun ist eine längere Lebenszeit nicht automatisch und unbedingt eine erfreuliche Sache” schöner Satz… ich halte die Erbengeneration für ” gefährlich” für die Gesellschaft (Sie erwähnen es kurz), aber nicht für die erbende, sondern die nachfolgende, weil das Erbe verbraucht, aber das Arbeiten nicht mehr gelernt ist ... Gruß  aus der Stadt eines der reichsten Vererbenden Warren Buffett

Helmut Driesel / 08.07.2017

Da hatte ich doch tatsächlich “Hinterhaltsteuer” gelesen. Als Zeitgenosse, der nichts kann, nichts hat und nichts erbt und somit ein armes Schwein bleibt, bis er sterbt - um einen alten Freund zu zitieren - muss ich die Linken für ihre Einstellung loben. Eine ordentliche Erbschaft ist allemal geeignet, auch den letzten hinfälligen Alkoholiker in den unteren Mittelstand zu hieven. Mit einem Schlag kann man mal zu einem richtig guten Arzt gehen und muss die Handwerker nicht mehr freundlichst am Arsch lecken. Das Problem ist dabei, dass die Menge derer, die man zu präkären Arbeiten zwingen kann, durch steigenden Wohlstand und äquivalente Erbmassen systematisch abnimmt. Während auf der anderen Seite die Kader, die für höher qualifizierte Arbeit gewonnen und ausgebildet werden können, immer besser bezahlt werden müssen, wodurch sich die Spirale des Unheils beschleunigt weiterdreht. Es wird immer mehr vererbt und es gibt immer mehr Leute, die von ihren Anlagen leben können, sie treten also im ungünstigsten Falle im System der Wertschöpfung nur noch als Investoren auf. Was dem BDI und anderen Lobbyistengruppen und Parteien zum Ruf nach verstärkter Einwanderung antreibt. Erbschaftssteuer ist also auf jeden Fall vernünftiger als Vermögenssteuer. Noch besser wäre eine vernünftige absolute Obergrenze. Auch im Sinne der christlichen Theologie - heißt es doch im Vaterunser: “Von dannen Er kommen wird, zu richten die Lebenden und die Toten!” Die Linken fangen mit den Toten an, ich finde, das ist mehr als fair.

Andreas Rochow / 08.07.2017

Ich erinnere den Plot einer Roald-Dahl-Story, in der die Aufklärung einer Mordserie an Senioren ergab, dass eine Rentenversicherung bereit war, das freiwillige Frühableben zum Termin X mit einer Kapitalleistung zu honorieren. Bei den Mordopfern handelte es sich um jene, die den Tag X dann vergessen hatten; auf die wurde ein Sniper angesetzt. Der Kabarettist Mathias Richling sinniert, dass es nicht darauf ankomme ab wann eine Rente gezahlt wird, sondern bis wann! - Das hat nur scheinbar mit der Erbschaftssteuer nichts zu tun: Die Bundesrepublik Deutschland mit ihrem eklatant dysfunktionalen Renten- und Sozialsystem duldet eine zunehmende Präkarisierung, obwohl sie die Bürger mit einer rekordverdächtigen Steuer- und Sozialabgabenlast quält. Dennoch darf der Zugriff des Fiskus auf Erbvermögen nicht zugelasswn werden bis wesentliche Fragen der Finanz- und Wirtschaftspolitik wieder souverän entschieden werden.

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